Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 19 (1886)
- Issue
- Heft 37 (16.9.1886)
- Article
- Jüdische Briefe aus und über Rußland
- Date
- 1886-09-16
- Page
- 580 (sequence 2)
- Language
- German
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580 Brüder Deutschlands, unter welchen sich bedeutende, hoch angesehene Männer befinden, welche aus inniger Liebe für Israel und in bester Absicht aus der Ferne mit Schriften und Neben kommen, um Rathschläge in Betreff der geistigen Verhältnisse der Juden Rußlands und Polens zu crthcilen. Wenn deren Absicht auch die wohlwollendste ist, so erscheint doch ihre Wirksamkeit und ihre Anschauung in dieser Hinsicht keineswegs angemessen. Sie handeln hierin nicht gut, sondern schaden. Jedenfalls wird das Gute weit durch den Schaden ausgewogen — sie bewirken in der That vieles Nebel. Uns hierüber ausführlicher zu verbreiten ist der eigentliche Zweck unserer Abhandlungen. Zur WUmge. Die ״Deutsche Fleischer-Zeitung" (Nr. 36 vom 7. September) veröffentlicht das folgende Gutachten des Lehrerkollegiums der Thierarzeneischnle zu Bern, welches auf Verlangen des Amtsgerichts zu Aar- Wangen erstattet worden ist. Dasselbe trägt das Datum vom 30. September 1885 und die Unterschrift der Herren: O. Nnbeli. Professor E. Heß und Profeffor 1)1*. Guillebeau, und ist in dem ״Schweizer Archiv für Thierhcilkunde" zuerst abgedruckt worden. ES lautet: ״Durch Ihr Schreiben vom 10. L. M. wünschen Sie von den Unterzeichneten ein Gutachten über die Fragen: 1) Ob das'Schächten der Israeliten als Thierquäleei zu taxiren sei, und 2) ob die Anwendung der Matraze zum Fällen der Thiere vor dem eigentlichen Schächtakte und des Geinckstiches sogleich nach demselben, den Begriff Thierquälerei für die in dieser Weise verbesserte Schlachtmethode anöjchließe öder nicht. Der Beantwortung dieser Fragen schicken wir eine auf wiederholte eigene Beobachtung gegründete Beschreibung deS SchächtenS im Berner Schlachthanse voraus. Es beginnt dasselbe mit dem Niederbinden des Kopses an einem im Boden eiugelaffenen Ringe; dann werden um die zwei vorderen Füße und einen hintern Lederringe gelegt und durch Zusammcnziehen derselben vermittelst eines Seiles das Thier gezwungen, sich auf die Seite zu legem Me beim gewöhnlichen Abliegen vermeidet dasselbe einen jähen Stur; durch An- und Entspannung der Muskeln und Gelenke. Gelegentlich mag in Folge des geleisteten Widerstandes das Niederlegen so ungeschickt vor sich gehen, daß Verletzungen Vorkommen, was bei Len von uns gemachten Beobachtungen sich indessen niemals ereignete. Sobald das Thier am Boden liegt, wird der vierte Fuß mit den andern eingebunden, der Kops gelöst und die Kehle nach oben gedreht. Die in zwei Minuten vollendete regelrechte Lagerung veranlaßt das Thier zu iebhafteu Schlag- und Zugbewegungen mit den Beinen, deren nächster Zweck eine Aenderung der unbequemen ungewöhnlichen Haltung der Gliedmaßen ist. ES fehlt an zuverlässigen Anhaltspunkten für die Annahme, daß dieser erste Gedanke bald durch peinlichere verdrängt werde, denn das ins Schlachthaus geführte Bich scheint keine Ahnung von dem bevorstehenden Tode zu haben. Die Vermnthung, es könnte dasselbe durch Gefühle von der Art und Stärke derjenigen eines in ähnlicher Lage sich befindenden Menschen gequält werden, ist bei dem großen Unterschiede in der Lebhaftigkeit des Denlens, der Phantasie und der erworbenen Kenntnisse sehr unwahrscheinlich. Auf das Niederlegen folgt der mit einem sehr scharfen Messer in wenig Sekunden vollendete Schnitt quer durch die Kehle bis zur Wirbelsäule, wobei die Haut, die Luft- und Speiseröhre, die großen Blutgesäße und Nerven durchschnitten werden. Derselbe veranlaßt eine nur unbedeutende Aufregung, eine Thatsache, weiche in Verbindung' mit den allgemein gül- Ligen Lehrsätzen der Wissenschaft vermuthen läßt,׳ daß der empfundene Schmerz, trotz der Größe der Wunde, kein sehr erheblicher ist. Sofort tritt eine sehr heftige Blutung ein, und in Folge der entstandenen Blutleere des Gehirnes umnebelt sich alsbald das Bewußtsein, um sehr bald ganz zu erlöschen. Der Augenblick, in welchem dieses geschielst, läßt sich nicht genau bestimmen, doch liegt er der Beendigung des Schnittes sehr nahe. Während wenigen Minuten bleiben die auch im Anstande deS Schlases, der Ohnmacht und der arzneilichen Betäubung beim unverletzten Thiere sich automatisch vollziehenden Thätigkeiten, wie Vlutbewegnng, Athmung im Gange. Bei den meist sehr tiefen Athmnngszügen dringt die Lust unter Zischen in die Luftröhre und da auch Blut angesogen wird, so entstehen laute Gnrgelgeräusche, die Indessen ebenso wenig der Ausdruck von empfundenen Schmerzen sind als das Schnarchen des Schlafenden. Die letzten Erscheinungen des Lebens sind Krämpfe, welche auch an einem kopflosen Rumpfe wahrzunehmen wären und daher nicht vom Großhirn angeregt oder empfunden werden. Nach' unseren Wahrnehmungen gehört das Schächten zu den raschen, die Schmerzen nach Thunlichkeit beschränkenden TödtungSarten. Vergleichungen, betreffend das Maß der Schmerzen, welche bei den verschiedenen, bei uns zulässig erklärten Tödtungsarten verursacht werden, sind