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Jeschurun · 1886-09-09 · Heft 36 (9.9.1886) · p. 574

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
19 (1886)
Issue
Heft 36 (9.9.1886)
Article
Erkannte Irrungen
Date
1886-09-09
Page
574 (sequence 2)
Language
German
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der Fall, so erwächst hieraus eine Kette׳unvermeidlicher Verdrießlichkeiten und man giebt zu zahllosen Miß- Verständnissen Anlaß, welche oft die verhäugnißvottsten Folgen nach sich ziehen. Darum ist cS auch ein Unglück — —" Er brach Plötzlich ad und fuhr erst nach kurzem Besinnen wieder fort: ״Es ist nicht zu billigen, daß manche Menschen von dem Wahne befallen sind, ihr Lcbensglück durchaus in Kreisen suchen zu müssen, die ihnen fremd und unbekannt sind. Auch Fraulein Friede ist mit der Sphäre nicht ganz vertraut, welche die Heimath der Familie Colm-Lr ist, und die Ermnthigung, deren ich vorhin gedachte, mag einem von diesen Umständen hervArgebrachten Mißverständniß entsprangen sein. UebrigenS spricht die Thatsache, daß das' Fräulein auf die nicht sehr ehrenvolle Idee des Rittmeisters cingegangen, für meine Annahme. Ein Mädchen, das so etwas thnt, liefert ihre Ehre auf Gnade und Ungnade ans und muß sich darauf.gefaßt machen, daß mit derselben ein Mißbrauch getrieben werden kann. Ein Ehrenmann wird das wohl nicht thun, die Dame aber, welcher dennoch so etwas wiedcrsahrt, hat kein. Recht, sich darüber zu beklagen. Wenn das, waS mit ihr geschah, dem Fräulein recht war. lag für Sie ja keine Veranlassung vor, für sie den Degen zu ziehen." Rafael suhlte während der Worte des Rektors sein Herz wie von einem sich immer mehr verengenden eisernen Reifen zusammengcpreßt. Heute schien sich Alles wider ihn zu verschwören! Selbst die lautere Quelle, an welcher er sonst für alles Schöne und Wahre entstammenden Nektar trank, war heute schlammig trüb und hauchte ihn mit stinkenden Sumpfgasen an. ״ES fällt mir schwer, zu begreifen," entgegnete er halblaut, vor sich zur Erde blickend, ״wieso AhuungSlosigkcit oder selbst Eitelkeit als Freibrief für dir Schurkerei betrachtet werden kann." Der Rektor znckte die Achseln. ״Eine jede That trägt die Wurzeln ihrer Konsequenzen in sich oder, um mit dem VolkSmnnde zu reden: wer A sagt muß auch B sagen. — Das sind die Einwendungen, welche gegen Ihr Vorgehen, vom speziellen Standpunkt aus, sich ergeben. Die Sache zeigt aber ein noch um Vieles ernsteres Gesicht, stellt man sie 11311 er den Maß stab der Allgemeinheit. Die Welt ist krarch cS vollzieht sich an ihr eine schwere Krise; nationaler und konfessioneller Hader sind die zwei gefährlichsten Elemente dieser Krankheit ... Gott! — was ist Ihnen .. Rafael war, als ob ein Mefferschnitt durch sein sich zusammenkrampfendeS Herz ginge. Er griff sich, zusammcnzuckend, an die linke Brust, sein Antlitz färbte sich fahlgelb, seine Lippen wurden blau... er neigte dm Kops aus dis Lehne des Sessels zurück und schloß die Augen. Die letzten Worte LeS Rektors hatten ihm eine fürchterliche Perspektive eröffnet... Er schlug bald wieder die Augen auf, seine Blicke warm glanzlos und schwammen in einem feuchten Schimmer. ״Beruhigen Sie sich, Herr Rektor," sagte er matt, ״ich glaube, ich werde krank werden. Ich bitte — Lasten Sie mich gütigst in meine Wohnung schassen. Noch eins. Ich bin vor das Kriminalgericht geladen, ich bitte ergebenst, diesen Zettel," er holte mühsam mit zitternden Fingern die Vorladung ans der Brustlasche, ״zu Händen des Gerichtes gelangen zu lassen, mit dem Vermerk, ich könne Krankheit halber nicht erscheinen." Der Rektor klingelte mit besorgter Miene seinem Diener,, bestellte einen Wagen und versprach Rafael, ihm sofort seinen Arzt ins HanS zu schicken und den Zette! an seinen Bestimmungsort zu befördern. * Als die Abendnummer der Lokalzeitung auSgegeben wurde, raste Rafael bereits im Delirium eines glühenden Ncrvenfiebers, er erlangte also keine Kenntuiß von der Erklärung, welche am'Kopf des Blattes fett gedruckt stand. Diese Erklärung lautete folgendermaßen: ״Unterzeichneter sieht sich veranlaßt, die Erklärung nbzngcben, daß. im Gegensätze zu gewissen, einer unzweifelhaften Richtung angehörenden Tendenzgerüchtcn, zwischen dem Duell der Herren Hochwohlgeboren Franz von Colmar und Stud. phil. Rafael Bergbach und meiner Familie nicht die leiscste Beziehung obwaltet. Dir ritterliche Affäre war die Folge eines rein persönlichen Konfliktes der beiden Herren, und sind alle hiervon abweichenden Stimmen nichts als krasse Tcndenzlügen. Die Nennung meines Namens bei dieser Angelegenheit ist nur insoweit gerechtfertigt, als es sich darum handelt, daß der Zusammenstoß leider im Bereiche meines Hauses geschah, worüber ich an dieser Stelle inesnem lebhaften Bedauern Ausdruck gebe. So viel zur Richtigstellung des Sachverhaltcs. So lange nicht von einem der direkt oder indirekt in dieser Affäre Betheiligten etwas Gcgcnthciliges in die Oeffcntlichkeit gelangt, wird wohl jeder Unbefangene sich von der Richtigkeit meiner Worte überzeugt halten." Gezeichnet: I)r. Richard Friede, Landes- und Gcrichtsadvokat. Doktor Friede konnte mit gutem Grund annehmen, daß ״von den direkt oder indirekt Betheiligten nichts GegcntheiligeS in die Oeffentlichkeit gelangen werde"; selbst bei weniger Scharfsinn, als Doktor Friede besaß, mußte eS cinleuchten, daß von Seiten ColmarS kein Versuch gemacht werden würde, den wahren Thatj bestand vor der Oeffcntlichkeit aufzudccken — und Rafael | hatte ja sein Wort gegeben. Der Zweck, den Doktor Friede mit dieser Veröffentlichung erreichen wollte, ist! nicht schwer zu errathen. Wenn er auch einsah, daß 574!

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