Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 19 (1886)
- Issue
- Heft 36 (9.9.1886)
- Article
- Rußland : Petersburg [Nachricht]
- Date
- 1886-09-09
- Page
- 573 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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573 Bevölkerung der Hauptstadt schon auf 50,000 Seelen angemachsen sei. Die Rückwirkung dieses Vorgehens seitens der Behörden dürfte schwerlich im Innern des Landes auSbtribcn, und es steht zu befürchten, daß die Ausweisungen in Petersburg blutige Jndenhetze in den Provinzen nach sich ziehen werden. Wie der ״Woschod" meldet, hat die in Betreff der Ausweisung der Juden aus den Bezirken Janj־ garog und 3t ost o w eingesetzte Kommission ihren Antrag an den Rcgiernngssenat dahin eingereicht, daß allen Juden der fernere Aufenthalt in diesem Gebiete zu versagen berw. deren Ausweisung zu verfügen sei. Ausgenommen von diesem Verbote bezw. dieser Ans- Weisung sotten nur Diejenigen bleiben, welche Grundbesitz erworben haben oder Kauflcute erster Gilde sind. Diese schreckliche Maßregel trifft ungefähr 20000 Seelen, von welchen nur etwa 830 wegen der genannten Qualifikationen, mit ihren Familien etwa 4000 Seelen ausmachend, verschont bleiben. Also gerade den an Vermögen schwächsten Leuten wird die Existenz verkümmert. Der Nothstand nimmt schon jetzt die traurigste Gestalt an. Der Kredit ist ruinirt. Handel und Wandel stockt. Noch ist allerdings dieser Antrag nicht zum Gesetz erhoben, aber es unterliegt wohl kaum einem Zweifel, daß diese Maßregel verfügt werden wird. * Aus dem Gouvernement Kiew. Mit welcher Willkür man gegen Juden verfahren kann, und wie wenig Schutz selbst wohlwollende Behörden ihnen zu gewähren vermögen, davon berichtet die ״Hazefirah" das Folgende. In dem Dorfe Wischcwitsch zählt die jüdische Bevölkerung zwanzig Familien. Die christlichcn Kauflcute des Orts wollten sich der jüdischen Konkurrenz, die wahrlich nicht zum Schaden der übrigen Einwohner ist, gern entledigen. Sie setzten deshalb einen Beschluß der Ortsgemeinde durch, nach welchem die sämmtlichei! Juden den Ort zu verlassen haben. Vergebens machte der Friedensrichter, ein Wohlwollender braver Mann, dem Schulzen über diesen ebenso barbarischen wie dummen Beschluß der Gemeinde ernste Vorhalte, ja selbst dcS JsprawnikS Vorstellungen fruchteten nichts. Nun ist ein solcher Beschluß der Gemeinde. wenn er sich auf einige Einzelne beziehen würde, gesetzlich zulässig; zu einer so summarischen Ausweisung ist aber die Kommune nicht berechtigt. An der Einfalt der Bauern scheiterten aber alle vernünftigen Vorhalte! Türkei. * KonstattLmoPeS. Der Sultan hat dem Obcrrabbiner von Konstantinopel (Ehacham-Baschi) ein Gehalt von jährlich 60000 Piaster aus der Staatstaffe bewilligt. Asien. ** Ans China ist die betrübende Nachricht ein״ getroffen, daß in dem meistens von Inden bewohnten Sladttheile, Mechalat El-Iehud genannt, eine heftige Fcuersbrunst auSgebrochcn ist, welcher u. A. auch die Synagoge, das Bethhamidrasch und zwei Schulgebäude zum Opfer gefallen sind. Die werthvolle Bibliothek des Bethhamidrasch, welche auch seltene Manuskripte bewahrte, ist leider ebenfalls ein Raub der Flammen geworden. Erkannte Irrungen. Von Samuel Berthold Rosner. ' (Ave Rechte Vorbehalten.) (Fortsetzung.) ״Ich bemerkte ja gleich zu Anfang, daß ich ausreichende Informationen eingezogen habe. Es thut mir leid, mein Freund, Sie an einer empfindlichen Stelle berühren zu mftffcn nnd Ihnen dadurch wehe zu thnn, aber ich halte es für meine Pflicht, Ihnen unumwunden Alles zu sagen, was ich über dieses Kapitel denke. Ich bin überzeugt. Ihnen dadurch Erleichterung zu verschaffen; Sie werden ׳.nanches in einem andern Lichte erblicken und sich gefügiger m die Dinge finden. Vor Allem hätte ich von Ihnen mehr kaltes Blut und Besonnenheit erwartet. Es wäre angemessener gewesen eines Mannes, der die Entdeckung des durch die Irrgänge der Geschichte sich windenden Fadens der Vorsehung sich zum Lebensziele gesetzt, der die Gedanken Sokrates und seiner Nachfolger mit so schönem Erfolg ergründet und weiterspinnt, reiflichen Erwägungen Raum zu geben, anstatt in leidenschaftlicher Ueberstürzung zu handeln. Ja, Leidenschaft ist die Giftpflanze, welche die LebenSivnrzcl der Wahrheit und Gerechtigkeit zerstört. Denn abgesehen vom philosophischen Standpunkt, von welchem der Zweikampf bedingungslos und in jedem Falle vernrtheilt werden muß, war dieses Duell von Ihrer Seite noch aus. ganz besonderen Gründen ein ungerechtfertigtes. Bei mehr Geistesgegenwart hätten Sie gewiß darauf verfallen müssen, daß Ihr Eingreifen übereilt nnd unbcrechtigt sei. Es muß gewiß in dem Benehmen der Dame, um welche es sich gehandelt hat, etwas gelegen haben, was aas den Rittmeister aufnnutternd und ermuthigend wirken konnte. Bitte — ich meine das nicht in derb trivialem Sinne... ich erkläre mich näher. Ein jeder Stand bildet eine eigene Welt für sich; jeder hat seine eigenen Sitten, Anschauungen und Begriffe. Man muß innig vertraut sein mit allen diesen Einzelheiten des Standes, in welchem man sich bewegen, in welchem man leben will; ist dies nicht