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Jeschurun · 1886-09-09 · Heft 36 (9.9.1886) · p. 572

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
19 (1886)
Issue
Heft 36 (9.9.1886)
Article
Österreich-Ungarn : Pettan [Nachricht]
Date
1886-09-09
Page
572 (sequence 2)
Language
German
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572 der Öffentlichkeit Lei Zeiten auf diese Erscheinung aufmerksam gemacht werden, wenn dieselbe nicht ähnliche Exzesse wie vor drei Jahren herbeiführen soll. Die Agitatoren sind merkwürdigerweise die Geistlichen, gewiß ohne Wissen und Wollen ihres.Oberhirten, aber unter den Augen der weltlichen Behörden, die ans lauter Rücksichten gegen die Kirche, deren Diener in Allem was sie thun, gewähren lassen. Unter diesen tonsurirten^ antisemitischen Hetzern treibt es der Pfarrer von St/ Andrä-Leökowetz am Aergstm. Dieser hochwürdige Herr, Namens Andreas Wodoschek, macht mehrmals des Tages die Tour durch den Ort; bemerkt er im Gewölbe des jüdischen Kaufmannes eines seiner Pfarr׳ kinder, so stürmt er wuthschnaubend in das Lokal und treibt den christlichen Kunden mit den Worten hinaus: ״Hab' ich euch nicht verboten, beim Juden zu kaufen oder ihm etwas zu verkaufen!" Sein Hausrecht gebrauchen und den frommen Mann in der Ausübung seines ״praktischen Christenthums״ an die Lust setzen — das wäre mir das Signal zur Lynchung deS Juden, ungeachtet die Mehrheit der Bevölkerung dis jetzt noch diesem geneigt ist, denn wenn dies nicht der Fall wäre, hätte er längst schon mit seiner Familie bei Nacht und Nebel flüchten müssen, so intensiv wird die Hetze gegen ihn getrieben. Und dieser jüdische Kaufmann ist seit einem Vierteljahrhundcrt in dem Orte etablirt und wegen seiner Neellität eine geachtete Persönlichkeit in den intelligenten Kreisen unserer Stadt und des ganzen Bezirkes. Nur lastet ans ihm das Odium, daß er vor drei Jahren unmittelbar vor der bcabsichtigtcnPlünderung seines Hauses mit militärischem Schutzherbeeilte und dem antisemitischen Pöbelhaufen den Spaß verdarb. Wenn diesem Pfarrer nicht bald sein agitatorisches Handwerk gelegt wird, kommt cs in seiner Gemeinde gewiß zu einem Ausbruche gegen die dortige jüdische Familie, der sich aber dann von Dorf zu Dorf fortpflanzen wird, wo vereinzelte Juden wohnen. Gesetzt jedoch, daß es zu keiner Katastrophe kommt, dürfen in einem Rechtsstaat? Bürger jahrelang in Angst und Bangen um ihr Gut und Leben versetzt sein? (Oesterr. Wochenschrift.) ב Kvlsmeu (Galizien), Sept. Am 26. August ist die hiesige Stadt aufs Neue von einer verheerenden Feuersbrunst heimgcsucht worden, welche etwa dreißig von Inden bewohnte Hauser in Asche legte. Es sind dadurch etwa 250 Personen ihres Obdachs beraubt, und das Elend ist groß. England. London, 5. September. Herr Samuel Montagu, Mitglied des Parlaments, welcher kürzlich in Begleitung des Herrn Dr. Ascher eine Reise nach Rußland zu dem Zwecke unternommen hatte, die Verhältnissc der Juden in diesem weiten Reiche zu studircn, ist, wie bereits gemeldet, aus Moskau als ״fremder Jude" ausgewiesen worden. Nun trifft freilich einen zu, wissenschaftlichen, philantropischen oder Vergnügungszwecken reisenden Manne eine solche ungastliche Be- Handlung nicht so empfindlich, wie einen geschäftliche Zwecke verfolgenden Reisenden; und ebenso kann ein Mann in der gesellschaftlichen und finanziellen Position wie Herr Montagn eine solche leichter verschmerzen, als etwa ein armer Handwerker oder Handelsmann, welcher in Rußland Arbeit und Verdienst suchte. Dennoch aber erscheint die gegen einen hochgestellten Engländer vcrfügte Maßregel um so markanter, als sie deutlich zeigt, wie sehr die Juden zu leiden haben, wenn man selbst einem Samuel Montag» aus London solches zu bieten wagt, weil er sich zum Judenthum bekennt. Ein hiesiges Blatt, ״East London Observer", hat Herrn Montagu intcrwiewen lassen und berichtet über diese Unterhaltung ausführlich. Ich entnehme dieser Veröffentlichung das Folgende: Herr Mantagu sprach sich über die Inden in Polen speziell dahin aus, daß sie überaus fleißige und die schwersten körperlichen Arbeiten verrichtende Leute wären. Diese Erfahrung hat Herr Monragu iu Warschau, Lialrstak, Wilna, Lublin und MieSk gemacht. In Finnland wohnen nicht viel Juden, arößtcntheilS ausgediente Soldaten, als Handwerker. Herr Montagu ist der Ansicht, daß, falls den Juden das weite russische Reich zur Niederlassung sich öffnen würde, die trostlose ökonomische Lage desselben sich mit einem Schlage heben müßte. So aber wohnen etwa vier Millionen (?) aus einem begrenzten Terrain zusammengepfercht und sind in ihrer Erwerbsthätigkeil vielfachen Beschränkungen unterworfen, daß es unmöglich für sie ist, zu prosperiren. Seit Jahrhunderten. wohnen die Inden in Rußland und zählen zu den fleißigsten, friedlichsten, begabtesten Untcrthanen, so daß sie mindestens eine bessere Be- Handlung verdienten. Man sieht, Herr Montagu hat sich eine gewisse Reserve auferlegt. Rußland. ' * Petersburg. Der ״Wr. Israelit" schreibt: ״Schlag auf Schlag erfolgen die Maßregeln gegcn die Juden iu Rußland. Wie man von guter Seite meldet, wird jetzt in Negierungskreisen geplant, alle Juden aus den Dienstlisten aller Behörden zu streichen und dieselben sogar aus allen Privalinstitulen zu verdrängen. Außerdem soll eS den jüdischen Handwerkern verboten werden, in ihren Werkstätten christliche Hand- Werker zu beschäftigen. Ferner soll ein UkaS erscheinen, wonach alle aus den Straßen und Jahrmärkten Handelnde jüdische Verkäufer auSgcmiesen werden sollen. Diese Nachrichten beschäftigen jetzt die russischen Blätter der Hauptstadt, welche darauf Hinweisen, daß die jüdische

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