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Jeschurun · 1886-09-02 · Heft 35 (2.9.1886) · p. 558

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
19 (1886)
Issue
Heft 35 (2.9.1886)
Article
Amerika : Cincinatti [Nachricht]
Date
1886-09-02
Page
558 (sequence 2)
Language
German
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558 über Stöcker und Rohling und Konsorten? Kommen l Sie zu uns und machen Sie die Bekanntschaft mit j der Gesellschaft unserer Reform-Rabbis und Sie finden Exemplare, deren sich -er europäische Antisemitismus | nicht zu schämen hätte. So bringt u. A. das in deut-! scher Sprache erscheinende Organ des Hauptes der amerikanischen Reform, Isaak M. Wise, Direktor des NabbincrseminarS Hierselbst, die ״Deborah" vom 13. d.M. einen SchmähartikeL aus die den תשעה באב beobachtenden Juden, welcher folgendermaßen schließt: ״Nebrigens ist *8 umsonst, der amerikanische Jude kann nicht heucheln, er legt keine Trauer an in den ״drei Wochen" und fastet nicht am nennten Tag in Ab; wenn man aber doch den Schein retten will, als gebe cs für uns noch einen Tijchc-be-Ab, so ist das nur eine traurige Komödie, woran sich kein Herz betheiligt." Wenn ein Wise von Iudenthum, Religion und Frömmigkeit spricht, so ist das freilich insofern eine traurige Komödie, als diese ehrwürdigen Begriffe äußerlich zu ihm in Verbindung gebracht werden, sonst wäre das allerdings eine recht lustige Komödie: Harlekin im Priestergcwande! Palästina. * Im Jahre 1847 wurde die Einwohnerzahl von Jerusalem auf 17 000 angegeben. Nach einer im Jahre 1651 vorgen ommcnen Zählung betrug dieselbe bereits 23 324, nämlich 12 256 Mohammedaner, 7488 Christen und 3580 Inden. 3m ^Jahre 1858 war die Zahl schon auf 30 000 angcwachsen. Nach der neuesten, aus sorgfältiger Erkundigung beruhenden BevöNernngSliste ist die Zahl der Juden in auffälliger Weise gewachsen (auf 20 000), die der Muhammedaner in gleicher Weise gesunken (auf 5600), während die der Christen ziemlich die gleiche geblieben ist. Unter den Christen befinden sich 4600 griechisch-katholische, 2100 römisch-katholische, 850 Protestanten (meistens Deutsche und Engländer), 450 Armenier, ferner in kleinerer Anzahl Kopten, Abessinier, Syrier und unirte Katholiken. Im Volksmund wird die Einwohnerzahl ans 40- oder 45 000 angegeben. Man konunt der Wahryeit vielleicht am nächsten, wenn man die Seelenzahl aus die Summe von 35000 abrundet. \ Wärmte Irmugen. Von Samuel Berthold Nosner. ''״׳ ' ' (Alle Rechte Vorbehalten.) (Fortsetzung.) Cm.zufälliger Blick ans das Kanapee, auf welchem die zerknitterte Vorladung lag, erinnerte ihn an den Gang, den er unternehmen mußte. Er zog seine Uhr hervor und sah, daß er noch zwei Stunden Zeit habe, diese beschloß er durch einen Spaziergang auszufüllen. Er tauschte das arg zugerichtete Gewand, welches er an hatte, gegen ein anderes um und brachte seine Toilette einigermaßen in Ordnung, soweit das ohne Spiegel und Lavoir anging. Während dieser Beschäftigung erwachten urplötzlich und ohne die geringste wahrnehmbare Veranlastung Worte in seinem Geiste, die er sich später erinnerte, während seines letzten Beisammenseins mit MoseS gesprachen zu haben. ״So lange es einen Mann wie Rektor Erwin giebt, werde ich meiner Ueberzeugung treu bleiben rc." Die Worte erwachten so laut in ihm, daß es ihn bedünkte, ein Anderer habe sie gcsprachen, und er schaute sich überrascht nach dem Sprecher um. Der Gedanke an den edlen, erleuchteten Mann, den er auf dem Gipfelpunkt der Wissenschaft und Tugend zu erblicken gewohnt war, erfüllte ihn wohl heute nicht mehr mit demselben Vegeisterungsfeuer wie damals, als der hofsnungSsrendige Glaube an die Menschen ihm noch unerschüttert in der Brust wurzelte; der verehrte Mann erschien ihm nicht mehr wie ein sttahlender Genius, dessen Licht ihm die Finsterniß einer ganzen Welt zu überstrahlen vermöchte, aber er fühlte trotzdem sein Gcmüth einigermaßen ansgerichtct. Eine wohlthucndc Wärme strömte ihm in das kalte, leere Herz und ein magnetischer Zag gewann Kraft über ihn, welcher ihn zu seinem geliebten Lehrer und Meister hinzog. Er war überzeugt, daß die Beruhrung mit dem edlen Menschen wie Balsam auf sein blutendes Herz und zerrüttetes Gemüth wirken werde. Rektor MagnisikuS Erwin befand sich in seinem Arbeitszimmer, einem wahrhaftigen Tempel der Wissenschaft, in welchem er das mühevolle, opferheischende -Hohepriesteramt versah. Große Bücherkästen und Glasschränke mit allerhand wissenschaftlichen Sammlungen standen an den Wänden herum, der Arbeitstisch, vor welchen! der Rektor saß, war mit einem Chaos von Büchern, Brochüreu und Manuskripten bedeckt. Eine bedeutungsvolle Stille herrschte in dem hohen Raum. Der Rektor war eine Erscheinung von fast heroisch imponircnder Repräsentation. Eine hünenhaft hohe Gestalt mit breiten Schultern, ein bis ans. die Brust herabwallender dunkler Bart, eine Stirne, mächtig wie ein vorspringer FclSblock, und unter dieser Stirne zwei ruhig leuchtende, milde, aber bis in das innerste Wesen der Dinge eindringende Augen — so glich Rektor Erwin einer Heldengestalt aus einem nordischen EpoS. Als Rafael eintrat, erhob sich der Rektor von seinem Sitz und ging ihm, wie gewöhnlich, einige Schritte entgegen; er liebte den jungen Mann aufrichtig, denn er wußte, daß er einer der befähigtesten und hofsnungsvollsten Studenten der Universität sei

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