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Jeschurun · 1886-09-02 · Heft 35 (2.9.1886) · p. 552

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
19 (1886)
Issue
Heft 35 (2.9.1886)
Article
Wandelungen
Date
1886-09-02
Page
552 (sequence 2)
Language
German
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552 entlarvt; die Erkenntnis seines Betruges hat der Edlen das Herz gebrochen. Um meiner Sicherheit willen habe ich mich darauf mit seiner Amme ins Einvernehmen gesetzt, d. h. von dem Betrug hatte auch sic keine Ahnung; ich habe mir jedoch von ihr wiederholen lassen, was ich längst gewußt, daß nämlich mein Schwager seit seiner frühesten Kindheit ein dunkeleS Mal am Nacken hatte, daß mein seliger Mann jedoch kein solches Zeichen hatte. Zu jeder Zeit hätte ich durch die brave Alte den Elenden des Betruges über« führen lassen können — leider ist sie vor einigen Monaten gestorben. Das heißt," fügte sie scheu um sich blickend hinzu, ..sie ist keines natürlichen Todes gestorben — sie ist ermordet worden." ״Ermordet? —" wiederholte Walther betroffen, ״und durch wen?" Tirza zuckte die Achseln. ״Das weiß ich nicht und was ich vermuthe, das vermöchte ich nimmer zu beweisen; aber ich kann mich des Verdachtes nicht erwehren. — Kaum acht Tage vor dem Mord versuchte er nämlich, eine Versöhnung mit mir aüzubahnen, und als ich selbstverständlich nichts davon hören wollte, er dennoch dringender ward, drohte ich, durch Hinzuziehuug seiner Amme ihn öfscntlich des Betruges anzuktagcn. Die Kanaille wird bald hin sein, hörte ich ihn zwischen den Zahnen murmeln, und acht Tage daraus fand man sie erschlagen. Bei Gelegenheit einer Fencrsbiunst —" ״Die Ermordete hieß Anna Bruckner?" ries Walther in heftigster Erregung. Tirza blickte ihn verwundert an. ״Woher wissen Sie daS?" ״Weil ich zur Vcrtheidigung Desjenigen berufen bin, der des Mordes an Anna Bruckner angeklagt ist. Ich bin von seiner Unschuld überzeugt, war jedoch bisher außer Stande, sie zn beweisen. Doch wenn jener Elende, der von Ihrer Aussage Alles zu befürchten hatte, ihren Tod voranSgesagt hat —״ ״Ich vermöchte auch Las nicht zu beweisen," flüsterte Tirza, deren Zähne wie im Fieberst oft aneinander schlugen. ״Aber nach dem Tode der Bruckner, was vcrbürgt Ihre Sicherheit?" ״Daß die Alte in Gegenwart ihrer Kinder mir von dem betreffenden Mal erzählt hat." Walther schien ihre Antwort zu überhören, schien die Angelegenheit, um derentwillen sic zu ihm gckommen war, vollständig vergessen zu haben; in sichtlicher Erregung dttrchmaß er das Zimmer wohl an zehn Minuten lang. Endlich blieb er vor ihr stehen. . ״Entschuldigen Sie mich für heute," bat er, ״ich bin augenblicklich nicht im Stande, Ihnen einen Rath zu.rrtheilen, doch werde ich Ihre Angelegenheit in Er- Wägung ziehen, wollen Sie sich in einigen Tagen um dieselbe Zeit wieder herbem ühen, so sprechen wir weiter darüber." Tirza erhob sich nicht ohne Anstrengung, indem sie in leise geflüsterten Worten ihren Dank anssprach, dann empfahl sie sich. Bella hatte inzwischen in wirklicher Seelenpein itnb doch mit lächelndem Munde Albertineus Scherzreden gelauscht und dieselben erwidert. Einigermaßen erleichtert athmcte sie auf, als die Freundin endlich daö Zimmer verließ, um nach ihrem kranken Kinde zu sehen. Doch ihre Aufregung steigerte sich von Minute zu Minute, denn von Minute zu Minute verlängerte sich der Besuch jener schönen Dame bei ihrem ehemaligen Verlobten, den sie erst jetzt mit geradezu verzehrender Leidenschaft liebte. Ihr sonst so Heller klarer Kopf war keines klaren Gedankens fähig, sinnlose Eifersucht verwirrte ihn. Mit seltsamer Bestimmtheit nahm sie an, jene Dame müsse in einem intimen Verhältnisse zu Walther stehen und werde er sie demnächst als seine Braut ihr vorstellen. Sie hätte laut aufschreien mögen in namenlosem Weh. Albcrtine und ihr Gatte hatten das Zimmer verlassen, der Sanitätsrath lehnte schlummernd im Fauteuil, leise erhob sich das junge Mädchen und verließ unhörbaren Schrittes das Zimmer. Was sie wollte, darüber war sie sich selbst nicht klar; aber mit unwiderstehlicher Gewalt zog es sie in die Nähe jenes Zimmers, in dem Walther, wie sie wähnte, in traulichem täte a tete mit jener unbekannten Dame weilte. Sie trat auf den Korridor und schwankte einige Schritte in der Richtung, in der jenes Zimmer sich befand. Da öffnete sich die Thür und eine schöne, .hochgewachsene Frauengestalt trat heraus, gefolgt von Dem׳- jenigen, dem ihr Besuch gegolten. Bella stand wie angewurzelt inmitten des Korridors. ihre ganze Seele lag in ihren Blicken. Sie : mußte sie kennen lernen, mußte sie sehen von Angesicht zu Angesicht, jene Frau, die das Herz gewonnen, das sie verschmäht. Höflich begleitete Walther die Dame bis zur Stiege; als sie an Bella vorüberschritt, verneigte sie sich grüßend. Auch Bella neigte das Haupt vor, doch nicht, um zu grüßen, sondern um die Fremde schärfer in Augenschein zu nehmen. Im selben Moment fiel ein Sonnenstrahl in das bleiche, aber klassich schöne Antlitz der Fremden. — Eine Erinnerung durchzuckte das erregte Mädchen — dieses Antlitz war ihr nicht fremd — sic legte die Hand an die Stirn und stand so sinnend noch immer inmitten des Korridors. (Fortsetzung folgt.)

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