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Jeschurun · 1886-08-26 · Heft 34 (26.8.1886) · p. 542

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
19 (1886)
Issue
Heft 34 (26.8.1886)
Article
Erkannte Irrungen
Date
1886-08-26
Page
542 (sequence 2)
Language
German
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542 ״Ein thörichter Kitzel! Meinen Sie, daß man eines thörichten Kitzels wegen sein Leben aufs Spiel setzt, sich vor die Klinge eines in seiner Eitelkeit verwunderen, wüthenden Soldaten stellt? Glauben Sie ernstlich, daß. kein anderes Gefühl mir die Waffe in die Hand gedrückt habe?" ״Scher' sich der Teufel um Ihre Gefühle!" Und bannt fing Doktor Friede an in Sturmschritt durch das Zimmer auf und ab zu rennen. Die gnädige Frau weinte mit vor das Angesicht gegreßtem Taschentuch still vor sich hin. Rafael griff sich mit einer mechanischen Bewegung an die Stirne. Warum er noch langer auf diesem Boden verharrte, der ihn wie das höllische Feuer brannte? — Weil er sich noch immer nicht bereden konnte, Alles daS, was er gehört und gesehen, sei Wirklichkeit, weil er immer noch hoffte, daß dieser teuflische Spuk, der ihn seine Seligkeit zu zerstören drohte, kaum daß er sich ihrer klar bewußt geworden, sich in nichts auflösen werde... daß er erwachend vor dem erhabenen reinen Wesen, der Fee seines Lebens, niedersinken werde, um ihr die fieberhafte Verirrung seiner Phantasie abzubitten. Jetzt öffnete sich die Thüre und Leo sprang mit seiner windbeuteligen, ungestümen Art über die Schwelle. Er prallte jedoch mit allen Zeichen des Erschreckens zurück, als er Rafael im Zimmer erblickte. Bald überzeugte er sich aber, daß er diesmal nichts zu fürchten brauche, er flüchtete sich also, Rafael in einem weiten Kreis umgehend und furchtsame Seitenbltcke auf ihn werfend, zu Doktor Friede hinüber, der bei seinem Eintritt seine Promenade eingestellt hatte und ihm mit erwartungsvoll gespannten Mienen eutgcgensah. Auch die gnädige Frau hatte das Taschentuch vom. Angesichte fallen lassen und verricth eine lebhafte Spannung. Als Leo an der Seite des Doktors sich sicher fühlte, schwoll ihm der Kamm. ״Was macht jener Mensch in Ihrem Hause, Herr Doktor!" schrie er mit tragischem Pathos und begleitete diese Worte mit einer niederschmetternden, oratorischen Geste, .,er verpestet die Luft, wo er erscheint, er stiftet nichts als Unheil. Sie hat er ruinirt, mich hat er ruinirt... ich Hab' Ihnen doch erzählt, wie impertinent unritterlich er mich — ach!.... doch gut! .... und jetzt hat er Sie noch einmal ruinirt, in den Grund gebort, er hat unseren letzten Rettungsanker zerbrochen, zerstört, vernichtet, il a brise uotre dernier." ״Sprechen Sie bündig," unterbrach ihn Doktor Friede, Schlimmes ahnend. ״Tout est perdu, monsieur, niadame! Denken Sie sich nur, ich komme zu Seiner Hochwohlgeborcn Herrn Rittmeister Franz von Colmar herein und beginne mit tiefer, von wahrem elegischem Gefühl durchzitterter Stimme, wie es zu einer solchen Mission großartig gepaßt hat: ,'Seine Wohlgeborcn Herr Doktor Richard Friede lassen Euer Hochwohlgeboren sein tiefstes Bedauern auSdrücken über den Unglimpf, der von einem—V Da springt der Herr Rittmeister auf, ergreift mit der linken Hand eine Hundepeitsche — hören Sie, eine Hundepeitsche! — und schreit wüthend: ,Du bist der lumpige Gauch, der sein Ehrenwort gebrochen und ein Geheimniß verrathen hat... Sag Deinem Absender, daß ich mit Euch Judenpack nichts mehr zu schaffen . haben will, — so, jetzt kannst Du gehen und da hast Du Deinen Botenlohn —1 und damit haut er mich ins Genick — mich — mit einer Hundcpeitsche! Mich Du zu heißen! Und das Hab' ich Alles keinem Andern,. als diesem ehrlosen Wicht zn verdanken, welchem ich das Geheimniß unter Abnahme seines Worts anvertraut habe, es Niemanden weiter zu sagen. Aber ich werde mich rächen, fürchterlich rächen, ich werde mir blutige Satisfaktion verschaffen, es muß Blnt fließen, viel Blnt...!!eins, mon Oien, <jue je suis echauffe, fatigue!" Bei diesen Worten warf er sich in einen Sessel, ließ den Kopf auf die Brust fallen und streckte die Beine von sich, wie ein Thier, welches verenden will. Doktor Friede hörte schon lange nicht seinem Geschwätz zu. Mit dem Ruf: ״Aus, aus!" hatte er den Kopf geneigt, war sich mit den Fingern in die Haare gefahren und verharrte in dieser Stellung.. daS Bild eines gestrandeten Daseins. Auch die Gnädige hatte daS Gesicht wieder mit dem Taschentuch bedeckt. Plötzlich erhob er den Kopf und schrie den wie verfteinevt dastehenden Nasacl mit veränderter Stimme an: ״Nun, was stehen Sie noch, — wollen Sie sich auch an meinem Jammerbild weiden, nachdem Sie mich moralisch vernichtet, von allen meinen Hoffnungen und Aussichten herabgestürzt haben?" Aber von einem plötzlichen Gedanken durchzuckt, setzte er hastig hinzu: ״Doch, warten Sie, warten Sie," er sprang hinzu und hielt ihn am Nockärmel fest, ״wenn Sic nicht ganz gewissenlos sind, werden Sie mit Freuden eine Gelegenheit ergreifen, um wenigstens einen Theil desjenigen wieder gut zu machen, was Sie verdorben haben. Sie haben die Gelegenheit: — publiziren Sie in der nächsten Nummer des hiesigen Blattes eine Erklärung, daß die Gerüchte, welche meine Familie mit Ihrer Ducllaffäre in irgend welche Verbindung bringen, jeder Berechtigung entbehren, daß Sie sich wegen einer persönlichen Angelegenheit ducllirt haben, welche mit mir und meinem Hause nichts zu schaffen hat — thun Sie das!" ״Ich werde das mcht thun," erwiderte Rafael, ״denn daS wäre eine bewußte Lüge. Ich versichere Sie vielmehr, daß es mir nie eingefallen wäre, mich

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