Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 19 (1886)
- Issue
- Heft 33 (19.8.1886)
- Article
- Deutschland : Breslau [Nachricht]
- Date
- 1886-08-19
- Page
- 522 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- correspondence
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2932754-2933154-2933187--22700-2966690- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
522 sammlung gefaßt worden ist, weil derselbe geeignet erscheint, den Geist der Untreue und des Abfalls zu fördern und weil er der sogenannten den Namen ״Deutscher Rabbinerverband" schlechthin usurpirenden Vereinigung einer Hand voll Beamten einiger Synagogengemeinden eine Autorität zucrkennt, welche sie in keinerlei Hinsicht verdient. XX Stettin, 15. August. Die offiziellst ״Wiener Abcndpost" berichtet von hier das Folgende: Mitte Mai laufenden Jahres trafen in Stettin Auswanderer aus Ungarn und Galizien ein, um mit einem Dampfer des Stettiner Lloyd nach Newyork zu gelangen. Die Betreffenden, zumeist Frauen und Mädchen, kamen in Stettin in einem höchst bedauernswerthen Zustande an, da sie fast nichts als ihre sehr durstige Kleidung besaßen. Ihre schon in Amerika ansässigen Angehörigen hatten lediglich für die Mittel zur Uebersahrt gesorgt, indem sie ihnen Fahrkarten zugesendet haben. Diese Karten galten aber nur für die Dampfer des Stettiner Lloyd, welcher aber unglücklicher Weise vor Kurzem in Konkurs gerieth und seitdem die Fahrten eiustellte. Somit war den Auswandernden die Möglichkeit benommen, an ihr Ziel, nach Amerika, zu gelangen, während sie andererseits auch nicht im Stande waren, die Kosten der Rückreise in die Heimath zu bestreiten. — In dieser verzweifelten Lage fanden die Unglücklichen die werkthätigc Unterstützung seitens des kaiserl. königl. Konsuls in Stettin, Herrn Meister. Den Bemühuugcn desselben gelang cS nämlich, die traurige Angelegenheit schließlich zu ordnen. Der Konsul, Herr Meister, begann seine Thätigkeit damit, daß er den Obdachlosen vorläufig Unterkunft verschaffte, und zwar mit Hülfe des Stettiner israelitischen Wohlthätigkeits- Vereins und mit der opferwilligen Unterstützung des dortigen jüdischen Kaufmanns Herrn Hermann Lehmann. Gleichzeitig leitete Konsul Meister Schritte ein, um für die Auswanderer neue gültige Billette anstatt der werthlos gewordenen Fahrkarten zu erlangen. Nach längeren Verhandlungen wurde dieses dadurch * ermöglich!, daß die Hamburg-Amerikanische Packetfahrt- Aktien-Gescllschaft die Beförderung der Auswanderung gänzlich unentgeltlich übernahm. In Folge dieses Zusammcuwirkcns waren die Betreffenden im Juli endlich in der Lage, den Weg nach der neuen Heimath anrutreten. K. Frankfurt a. M., 13. August. Sie sind, geehrter Herr Redakteur, dem Antisemitismus der ״Krcuz-Ztg" in Ihrer geschätzten Zeitschrift seit Jahren mannhaft cntgegengetreten, daß es eigentlich überflüssig erscheinen könnte, wenn in den Spalten des ״Jcschurun" die Entgegnungen anderer Organe auf die fast unausgesetzten Angriffe dieser antisemitischen Zeitung eine Stelle finden sollten. Indessen dürfte es doch für den Kreis Ihrer Leser nicht uninteressant sein. die Ausführungen eines so bedeutenden Organs, wie der ״Frankfurter Zeitung", kennen zu lernen. Ich übersende Ihnen deshalb hierbei zur Veröffentlichung die folgenden Korrespondenzen aus derselben dcL Berlin, 12. August. ״Vor Kurzem erst hatten wir Beranlastung, darauf aufmerksam zu machen, daß das leitende Organ der konservativen Partei, die ״Kreuz-Ztg.", den Zeitpunkt für gekommen hält, den seit geraumer Zeit etwas kraftlos gewordenen Antisemitismus wieder neu zu beleben. Sie bediente sich dazu der Fiktion, daß die Sozialdemokratie eine Erfindung der Juden sei, und führte bittere Klagen, daß der Antisemitismus zu einer Zeit, in welcher die Regierung den Kampf gegen die Sozialdemokratie mit allen Kräften betreibt, von maßgebender Seite nicht nur nicht gewürdigt, sondern sogar ziemlich unsanft zur Ruhe verwiesen worden ist. Eine offiziöse Antwort, auf die das Blatt vielleicht gerechnet hatte, ist nicht erfolgt; es läßt sich aber dadurch nicht irre machen und vertritt neuerdings die antisemitischen Forderungen mit einer Entschiedenheit und in einer Form, wie sie zur Zeit, als der AntisemitismuS noch in seiner Maienblüthe stand, weder von ihr selbst, noch von anderen angesehenen konservativen Organen geltend gemacht worden sind. ES scheint, daß die ״Krenz-Ztg." jetzt, da sie wieder einmal mit aller Energie das Streben nach einer Mittelpartei bekämpft, sich auch entschlossen hat, die Judenhetze, die hauptsächlich im Interesse des Gedeihens der mittelpartcilichcn Bestrebungen offiziös zur Ordnung gerufen und verleugnet worden ist, von Neuem auf den Schild zu heben. Nachdem die Konservativen vom Schlage der ״Kreuz-Ztg." den Muth gefunden haben, durch die Forderung ״größerer Freiheit für die evangelische Kirche" in Opposition zu der Negierung zu treten, scheuen sie sich auch nicht mehr, sich zu dem Antisemitismus zu bekennen, den sie seit geraumer'Zeit auf die Winke von Oben hin aus taktischen Gründen im stillen Busen verwahrt haben. Die ״Kreuz-Ztg." hat zwei Artikel über ״Die Juden in Frankreich" gebracht, in denen sie im gehässigsten Tone und durchaus kritiklos — sogar Gambetta muß wieder als Jude herhalten — die Schilderungen des bekannten Drummoridschen Buches sich aneignet und mir den deutschen Zuständen vergleicht. Die Schlußfolgerung, die sie daraus für Deutschland zkht, heißt: Beseitigung der Emanzipation. Das ist wenigstens offen, und Offenhcit verdient immer Anerkennung. Unseres Wissens wird zum ersten Male in einem ernsthaften konservativen Blatt die direkte Forderung einer Einschränkung der staatsbürgerlichen Rechte der Juden erhoben. Die konservative Partei hat auch während der Hochfluth der Judenhetze sich diese Forderung nicht zu eigen gemacht. Selbst Herr Stöcker hat, wenn er im Landtag oder