Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 19 (1886)
- Issue
- Heft 33 (19.8.1886)
- Article
- Deutschland : Berlin [Nachricht]
- Date
- 1886-08-19
- Page
- 521 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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M 33. 521 Jsschnrnn Korrcs-ondcnzcu 111!b Nachrichten. Deutschland. C. Berlin, 15. August. Der bekannte Agitator und frfiljcrc Stad'vcrordnctc Herr Pickcnbach ist am Freitag Vormittag wegen Verweigerung des ReinigungSeides zur Haft gebracht worden. Wie wir erfahren, handelt es sich hierbei um eine Wcinschnld. *H* Breslan, 13. August, lieber die Per- Handlungen der achten ordentlichen Gcneralversanunlnng des Vereins israclitschcr Lehrer in Schlesien und Posen vom 13. und 14 Juni d. I. sind jetzt die Protokolle der Oeffentlichkeit übergeben worden. Von den 126 Mitgliedern waren 41 erschienen. Der erste Gegenstand der Tagesordnung: Die Einrichtung eines NormallehrplanS für Rcligionöschulen mit zwei Lehrkräften konnte in den beiden Tagen nicht zur Erledigung gebracht werden. Die Ansichten scheinen darüber sehr weit auSeindergegangen zu sein. Die Protokolle gewähren über die geäußerten Meinungen ein zu uuvollkommcncs Bild, als daß man sich über dieselben ein Unheil konstruiien könnte. Die von vr. Baßsrcund (Tarno- Witz) ausgestellte Ansicht, ״daß ein Normallchrplan für Ncligionsschulcn überhaupt ungeeignet sei", dürfte vielleicht sehr zutreffend erscheinen. Es wurde am Schlüsse der zweitägigen Verhandlung hierüber endlich beschlossen, die Debatten bis zum nächsten Jahre zu vertagen. — Der zweite und dritte Gegenstand der Tagesordnung betraf daS Kasscnwescn. des Vereins. Der vierte Punkt derselben beschäftigte sich mit ..der Erörterung der Mittel zur Heranziehung der Jugend zum Gottesdienst". Die hierüber sich cntspiuncnde aniknirte Diskussion brachte Ansichten und Thatsachen zum Ausdruck, welche sehr beachtcnSwerth sind. Vr. Badt (Breslau) konstatirte das traurige Faktum, daß ״trotz des guten Religionsunterrichts״, für dessen Förderung ״in den letzten Jahren sehr viel gcschcheu sei", ..die Schüler nicht einmal den ScgenSsprnch über die Thora sprechen können." ״Unwissenheit gehe mit Gleichgültigfeit Hand in Hand." — Wir gestehen, daß wir dieses nicht zu fassen vermögen. Worin besteht denn der gerühmte gute Religionsunterricht? ״Unwissenheit" kann doch nicht für die Güte dcö Unterrichts, ״Gleichgültigkeit" doch ebensowenig für dessen Vortrcfflichkeit zeugen. —: Herrn Badt liegt aber nicht nur daS Hei! der Kleinen, sondern auch dasjenige der Großen am Herzen. Er denkt auch an die Erwachsenen, die durch amtliche Pflichten oder ,.durch geschäftliche Abhandlungen, durch Märkte, die am Sonnabend in kleineren Gemeinden stattsinden", an dem Besuche dcö sabbathlicheu Gottesdienstcs verhindert sind. ״Nicht Mangel an Interesse" ist es, daß diese Erwachsenen fernhält, behauptet er, da doch an beu jüdischen Feiertagen, welche mit christlichcn zusammenfallen, die Synagogen ״so sehr überfüllt seien". Deshalb cmpsiehlt er — den Minchagottesdicnst zum HauptgottcSdicnst nmzuwandeln und zwar — ״durch Einführung regelmäßiger Predigt"! — Der Herr scheint denn doch sich einen eigenthümlichen Begriff von der Heiligung des Sabbathö und dem Wesen der jüdischen Religion konstruirt zu haben, in welcher er die jüdische Jugend zu unterrichten hat! Für die Sabbathschänder einen besonderen feierlichen Sabbathgottesdienst einzurichten, das dürfte doch wohl eine Idee sein, aus deren Erfindung er stolz sein könnte, wenn sic nicht bereits früher von den extremen Reformern diesseits und jenseits des Atlantischen Ozeans auögchcckt worden wäre! — Man muß es noch als Gnade anschcn, wenn er ״nicht gerade Vorschlägen will, auch der Thoravorlcsnng durch Aufruf von 7 anstatt 3 Personen höhere Bedeutung zu gebcu." Nein, verehrter Herr, weder durch Predigt, noch feierlichen Synagogendienst wird ״das schlafende Dornröschen wach geküßt", wie Sie sich poetisch auödrücken. Lehret, Ihr Lehrer und Prediger, das wahre, ächte Judcnthum und bcthätigt eS durch Euer eigenes Beispiel, dann gelingt eS Euch vielleicht, das Ucbcl der Zeit zu heilen. Ihr denkt aber nur an Predigt und Shnagogcnbesuch, Euch schmerzt die Leerheit der Tempel, wo Ihr glänzet — daß aber der Sabbath durch Werkthätigkcit entweiht wird, das rührt Euch kaum, dafür habt Ihr kaum ein bedauerndes Achselzucken. — I)r. Jacobson (Schrimm) bemerkte deshalb auch richtig, daß eS viele Dinge gebe, welche viel wichtiger als Gottesdienst und Gebet wären. Wenn er aber meint, daß für die Fassung eines Beschlusses im Sinne des Vorredners nur die Rabbiner kompetent seien, so verstehen wir das doch nicht. Eine derartige Einrichtung involvirt eine Sanktion der vom Gesetze verpönten Werkthäligkeit am Sabbath, die doch auch von den Rabbinern nicht ausgesprochen werden darf. Herr vr. Badt machte ihm aber bcmerklich, daß ״neun Zehntel der Gebildetsten unserer Glaubensgenossen sich vom Judenthum abwcndcn". Wir wissen nicht, ob dieses Zahlenvcrhältuiß richtig ist, wissen auch nicht, ob der Redner zu der kleinen Minorität gezählt werden will; so viel aber wissen wir, daß die Reform und die Reformer sich dem einzigen, wahren und wahrhastigen Judenthum abwenden. Wir verzichten auf die Anführung der Reden anderer Mitglieder und dedauern es lebhaft, daß schließlich eine Resolution im Sinne des Herrn vr. Badt von der Versammlung adoptirt und zugleich beschlossen worden ist, dieselbe ״zur weiteren Erörterung und Beschlußfassung an den Ausschuß des deutschen RabbincrverbandeS in Berlin zu senden". Wir sind überzeugt, daß dieser.Beschluß nicht von allen einundvierzig.Mitgliedern der Ver-