Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 19 (1886)
- Issue
- Heft 33 (19.8.1886)
- Article
- Deutschland : Berlin [Nachricht]
- Date
- 1886-08-19
- Page
- 520 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- correspondence
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520 AuSfüllcnS derselben und des AbschickenS von Moneten nöthig ist, um sich den Dank der Parteileitung zu sichern. Eine Empfehlung des ״Deutschen Tageblatts", unterzeichnet: ״Fric drich Luck Hardt", ist gleichfalls beigefügt, und in derselben wird darauf hingewiesen, daß das edle Blatt niemals den ״vornehmen Ton" verloren hat, der einem so großen Blatt, das für die ״christliche Staatsidee" kämpft, so wohl ansteht. Trotz dieser Vorzüge, zu welchem noch der Kampf gegen die ״internationale Geldaristokratie" und die ״kapitalistische Aussaugung" kommt, ist das Blatt aber noch nicht so verbreitet, wie es im Interesse der ״guten Sache" wünscheuswerth ist, und deshalb hier gleich auch ein Bestellzettel mit dem Motto: ״Ommer rinn ins Verjnüjcn!" Durch ein besonderes An schreiben wird den geehrten Parteigenossen nun auch gleich mitgetheilt, woran die antisemitische Bewegung bisher gekrankt hat. Das Schreiben lautet: ״Leipzig, Datum des Poststempels. Sehr geehrter Herr! Es wird immer mehr offenbar, daß wir mit der anlisemitischen Bewegung nicht einen Schritt vorwärts kommen, so lange eS nicht gelingt, die weitesten Kreise für daö Berständniß der Judenfrage zu gewinnen. Neunzig Prozent des Volkes, Gebildete und Ungebildete, stehen noch immer mit der unglaublichsten Unwissenheit unseren Bestrebungen gegenüber. Besonders ist die Verblendung der Arbeitcrmasscn, die im Begriff sind, mit der goldenen Internationale Hand in Hand zu marschiren, eins der gefahrdrohendsten Momente der ganzen Gesellschaft. Nies doch kürzlich in einer antisemitischen Versammlung׳ in Leipzig ein Arbeiter dem Redner entgegen: ״Wir Sozialdemokraten werden die Juden mit unserem Leibe decken!" — Gehen wir nicht ungesäumt und rastlos an eine Aufklärnngs- Arbeit im größten Stile, so kann über Nacht das Lerhängniß über uns hereinbrcchen. Das einzige Mittel, das uns noch retten kann, ist die massenhafte Verbreitung von belehrenden Schriften. — Wenn man früher ans diesem Wege wenig Erfolg erzielte, so lag eS daran, das man meist ganz ungeeignete Schriften zur Agitation verwendete. Gehässige Schimpfereien und frivole Scherze über die Person der Juden sind nicht geeignet, wirklich Ausklärung und Berständniß zu verbreiten. Wir empfehlen ihnen, auf dem anhängcndcn Bestellzettel eine Anzahl bewährter Schriften zu erinäßigten Preisen und bitten, für die Verbreitung derselben energisch zu wirken. Hochachtungsvoll Theodor Fritsch." Es wird also zugegeben, daß bisher ״gehässige Schimpfereien und frivole Scherze über die Person der Juden" die geistige Nahrung dieser Sozialresormer Neu-Deutschlands gewesen sind. Die Sache wird noch interessanter dadurch, daß in derselben Nummer der ״Antisemitischen Korrespondenz" sich folgende ״AphoriLmen" gedruckt finden: Die Juden werden von dem Tage an ehrliche Menschen und nützliche Staatsbürger werden, wo cS die ״Wissenschaft" erreicht, daß die Katzen GraS fressen, die Kaninchen Mäuse fangen und die Tieger Milch geben. Anden Todtenschädeln derer, die in Folge jüdischer Ausbeutung und der durch jüdische Mißwirthschaft allgemein entstandenen Noth zu Berzweislung, Verbrechen und Selbstmord getrieben wurden, könnten wir eine Pyramide aufthürmen — imposanter als die KricgS-Apotheose Wereschagin's, — ein Monnment jüdischen ״Kulturfleißes״, vor dem die Urheber selbst erschrecken müßten. -- Wozu der Antisemitismus sonst noch gut ist, wird in Folgendem mitgetheilt: ״Der Antisemitismus ist ein vortrefflicher Hebel für die Er- Weckung und Stärkung des nationalen Bewußtseins, sowie überhaupt für die politische Erziehung unseres Volkes. Der Judengegner, durch seine Antipathie gegen das fremde jüdische Element angespornt, gelangt zunächst zu einer besseren Werthschätzung des deutschen Wesens, zu einer bewußten Pflege deutscher Eigenschäften und zu einer Kräftigung des Znsammengehörigkeitsgesühls. Ferner aber veranlaßt ihn die Erkenntniß der Judengefahr zu einer Vertiefung in wirthschaftliche, soziale und politische Probleme, und so zu einer gründlicheren politischen Entwickelung. Wir dürfen getrost behaupten, daß die besten Antisemiten zugleich die besten Patrioten und die besten Politiker sein werden." — Wer nun glaubt, daß die Bewegung eine Sch'.nach für Deutschland sei, der verdient eigent-!ich als ungläubiger Thomas heilig gesprochen zu werden. Hoffentlich werden nun die andern 90 Prozent deutscher RcichSbürger ein Einsehen haben und vor allen Dingen — das ist die Hauptsache bei den Herren Luckhardt, Fritsch und Genossen — brav Geld schicken." — Soweit das Referat der ״Volkszcitnng". Wir -müssen gestehen, daß lange nicht solche interessante Enthüllungen über den Antisemitismus an die Oeffcntlichkeit gelangt sind. Ob cs indeß in der That so schlecht mit der Sache der Antisemiten bestellt ist, wie aus obigem Artikel hervorgeht, möchten wir doch sehr bezweifeln. Unserer Ansicht nach liegt der Antisemitismus noch keineswegs in den! letzten Zügen. Die sogenannten höheren Kreise unseres , Volkes sind leider ganz davon ergriffen. Anders steht cs allerdings mit den sogenannten anderen Schichten der i Bevölkerung — und nur aus diese glauben wir jene ' 90 Prozent beziehen zu dürfen, wie ja auch jenes ganze in Szene gesetzte Unternehmen daraus gerichtet ist, diese Kreise zu gewinnen. Diesen müssen natürlich jene augeblichen Patrioten in tiefster Bedrängnis erscheinen. — ES deucht uns daher jenes Machwerk als ein höchst ungeschickter Versuch, den sogenannten gemeinen Mann; für ihre Sache zu gewinnen.