Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 19 (1886)
- Issue
- Heft 32 (12.8.1886)
- Article
- Deutschland : Hannover [Nachricht]
- Date
- 1886-08-12
- Page
- 506 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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schlossen Freundschaft. DaS gab Anregungen für daS gunze Leben, die nirgend anderswo zu holen waren; das gab den frischen Ton, den ..idealen Schwung" des . akademischen Lebens. Darnach will uns bedünkcn, daß die Mahnung des ״Cour.", den idealen Schwung des StudenthumS zu schonen, wenig Berechtigung hat. Noth thut es vielmehr, wieder den Boden zu schaffen, auf dem ein ideales Leben crspricßcn kann. Die Aufgäbe ist eine schwierige, eine sehr schwierige. Aber die Pädagogen sollten die Nuß nicht ungekuackt lassen, weil sie hart ist. Wem's gelänge, er würde des Dankes aller Derer gewiß sein, denen das wahre Wohl unserer studircnden Jugend am Herzen liegt." * Berlin, 2. August- Der Antisemitismus, so schreibt die ..Fkf. Ztg.", ist seit Jahr und Tag in der Oesfentlichkeit recht still geworden. Die Zeit der großen Versammlungen, in denen die berüchtigten Brandreden gehalten, die Gegner hinauSgeprügett wurden und das ״Inden raus!" im Chor ertönte, ist längst vorüber. Die Patrone, welche jene Bewegung iuszenirten, sind säst alle ans dem öffentlichen Leben verschwunden,., die meisten von ihnen haben bürgerlich Schisstruch gelitten. Wer spricht heute noch von den Henrici, Förster, Nuppel, Cuno, Licbcrmaun und Pickeubach'? Selbst die Blätter, die einst direkt und indirekt jene Exzesse protegirt haben, schämen sich längst ihrer ehemaligen Schützlinge. Seitdem vollends der Antisemitismus, und noch dazu in der Person des Hofprcdiger Stöcker, offiziös gerüffelt worden ist, führt er ein Stillleben, welches Viele zu der Meinung verleitet, daß er in den letzten Zügen liege. Die ״KreuzZrg." bemüht sich seit einiger Zeit, den Gegenbeweis zu erbringen und ist zu diesem Be- Hufe aus ein neues Mittel verfallen. Sie predigt im Tone düsterer Prophezeiung von einem fürchterlichen Bunde, den das Judenthum, mit der Sozialdemokratie geschlossen habe. Herr Stöcker hat früher das Gegentheil versucht; er bemühte sich, den Arbeitern begreiflich zu machen, daß daS ״jüdische" Kapital, die ״jüdische" Aussaugung der Feind sei Das hat nicht verfangen, und daher sucht daö leitende Blatt der Konservativen jetzt, die Sozialdemokratie und das Judenthum möglichst zu idcutisiziren und das letztere als die Nährmutter hinzustellen, die der sozialdemokratischen Bewegung von Anfang an einen erheblichen Theil ihcer geistigen und materiellen Kraft geliefert habe. Die Thatsache, daß einige Juden, darunter auch wohlhabende, sich zur Sozialdemokratie bekannt haben und noch bekennen, gilt dem konservativen Walte als Beweis für seine Behauptnng und cs hat dabei gewiß nicht daran gedacht, daß man mit derselben Logik das Judenthum als die geistige und materielle Nährmutter der konservativen Partei in Preußen bezeichnen könnte. Auf derselben Stufe steht auch die Behauptung, daß die ״Franks. Ztg." und einige fortschrittliche Blätter ״unter den gegenwärtigen schwierigen Verhältnissen die Hauptschild- Halter und die Ersatzkost unserer Sozialdemokratie" seien. Es gehört eine ausgeprägte Feindschaft gegen die Wahrheit oder ein ungewöhnliches Maß von Ignoranz dazu, die Acußcrungcn, die z. B. in der ״Franks. Ztg." gegen das Sozialistengesetz und den unglücklichen Versuch der Bekämpfung einer geistigen Bewegung durch Polizeimittel wiederholt gemacht worden sind, als eine Jnschutznähme der sozialdemokratischen Lehren oder als eine» Liebesdienst für die Sozialdemokraten auszugcbcn. Ohne eine kleine Denunziation geht es in letzter Zeit bei der ״Kreuz-Ztg." gar nicht mehr, und dabei kommt es auf eine Unwahrheit mehr oder weniger nicht an. Um den offiziös verleugneten Antisemitismus wieder etwas zu Ehren zu bringen, bringt das konservative Blatt das Künstück fertig, ihn aus dem Haß gegen die Sozialdcmokralie entstehen zu lassen, und knüpft daran gar nicht ungeschickt die Beschwerde, daß diese antisozialdemokratische Bewegung nicht genügend gefördert worden sei. Die Leistung ist interessant genug, um sie wörtlich nntznthcilen: ״In unserem Volke hat diese Erkenntniß von dem bis ins innerste Mark hinein destruktiven Wesen des JudenthumS und von seinem engen inneren ן und äußeren Zusammenhänge mit der Sozialdemokratie I wesentlich mitgewirkt, um eine Kraft des Widerstandes! utib deS UnmuthS zusammenznballen, die als antisclttitische Bewegung bekannt ist. Welche Behandlung aber hat diese Bewegung, diese energische Regung der Volksseele, die sich leicht von ihren Schlacken reinigen ließ, erfahren, und welche Förderung haben diejenigen gefunden, die, wie sie sicher anznnehmen berechtigt waren, ein patriotisches Werk zu thun glaubten, wenn sie sich leitend und, wo erforderlich, mäßigend, in ihren Dienst stellten? Sie sind als inopportun und als Stein deS Anstoßes für feinfühlige mittclparleiliche Gcmüther oder auf dem Wege, der zu ihrer Gunst führt, bei Seite gestoßen, natürlich unter der betäubenden Janitscharen- Musik der gesanrmten triumphircuden Judeuschaft innerhalb und außerhalb der Presse." Der Gedanke ist gar nicht übel, dem von oben herab als unbequem etwas in den Hintergrund gedrängten Antisemitismus die offizielle Protektion dadurch wieder zu verschaffen, daß man ihn als eine gegen die Sozialdemokratie gerichtete Bewegung ansgiebt.-Werthvoll ist übrigens daS Zugeständttiß, beim bisher wurde es noch immer bestritten, daß die Führer des Antisemitismus als ״inopportun und als Stein des Anstoßes bei Seite gestoßen worden sind." Sollte Herr Stöcker wirklich so böse Erfahrungen gemacht haben? Ganz so schlimm kann eS doch nicht sein, denn wo wäre der Herr Hofprediger mit seinen unglücklichen Prozessen wohl, wenn nicht immer noch mächtige Hände ihn beschützten?