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Jeschurun · 1886-08-05 · Heft 31 (5.8.1886) · p. 495

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
19 (1886)
Issue
Heft 31 (5.8.1886)
Article
Erkannte Irrungen
Date
1886-08-05
Page
495 (sequence 2)
Language
German
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ein wahnwitzarüger Sturm raste durch seine Sinne und riß ihn fort. Er mußte wissen, was wahrend der Zeit seiner Abwesenheit sich zugetragen hat, oder vielleicht jetzt sich zuträgt. Sein Weg führte ihn an dem runden AkazienboSkct vorüber, welches, umgeben von einer Wand dichtblatteriger Schlingpflanzen, die sich von Stamm zu Stamm und bis an die Kronen, hinaufrankten, nur von einer Seite eine Lücke zum Eingang freilassend, ein lauschiges, lebendiges Gemach bildete. Heller Mondschein umspann mit einem blinkenden Lichtnetz die Vorderseite des BoSkets, während rückwärts die Schatten der Akazien und der wanddichten Pappelallee zu einer intensiven Dunkelheit zusammenflössen. Der nervöse Zustand Rafaels steigerte seine Sehkraft und trotz der Liefen Dunkelheit erkannte er deutlich aus der beschatteten Seite des Boskets eine Menschengruppe. Ein schrecklicher Gedanke blitzte durch seinen Geist — mit einem sprungartigen Schritt trat er in den Eingang des BosketS und starrte, unfähig einen Laut hcrvorzubringen, in die nur von wenigen Strahlen gedämpfte Dunkelheit. Er erblickte die hohe Gestalt Hedwig's, deren kremfarbige Seidcnrobe ein magischer Schimmer umfloß, ihm dem Rücken zugekehrt, vor ihr kniete Franz von Colmar, ihre zitternde Hand in der seinigen haltend. Der Rittmeister glaubte in der geisterhaft deschienenen Gestalt, welche so unverhofft vor ihm auftauchte, ein Gespenst oder eine Vorgaukelung seiner Einbildungskraft vor sich zu sehen; wie hätte er es auch für möglich haltcu sollen, daß der philosophirende Judenburschc Keckheit genug — von Mnth darf ja doch bei solchen Leuten nicht die Rede sein — besitzt, zu einer so verwegenen That. Das heißt ja mit dem Blitzstrahl spielen, sich dem ergrimmten Löwen in den Weg stellen! Rafael hatte unterdeß den Gebrauch seiner Stimme zurückerlangt. ״Hedwig," rief er mühsam und heiser, ״fliehen Sie von hier — Sie sind das Opfer einer Büberei!" Hah, hatte diese Worte jenes unsichtbare Gespenst gerufen, welches ihr im Konzertsaale das Herz mit dunklen Vorahnungen erfüllt hatte, daß ihr das Blut schier gerann und ihre Wangen kreidebleich wurden? Ja, das sind jene bangen unklaren Gefühle, die sie vorhin beschlichen, ins untrügliche Gewand der Worte gekleidet; aus dem verwischten Chaos der Empfindungen löste sich, bestimmte Formen gewinnend, das Schreckliche heraus und trat ihr lebendig entgegen. Büberei! das war es, wovor sie in unbewußter Ahnung eine Ohnmacht befiel. Sie entriß mit einer zuckenden Bewegung ihre Hand derjenigen des Offiziers, wandte den Kopf und wankte dann zu einer Marmorbank, wo sie zusammenknickte. Franz von Colmar war von dem ganzen Borgange nichts im Sinne geblieben, als das Wort ״Büberei"; es gälltc ihm betäubend in den Ohren und verscheuchte jede Regung der Scham, Neue und anfänglichen Verwirrung. ״Hah, elender Judengauch!" knirschte er, auf die Füße springend und stürzte sich, das Gesicht von einer siunlosen Wuih verzerrt, mit erhobener Faust auf Rafael. Dieser fing den gegen sein Gesicht geführten Schlag mit dem Arme auf und schleuderte den Rittmeister zurück, daß er taumelte. . ״Dieses Benehmen sieht Ihnen ähnlich, Herr Rittmeister," schrie Rafael höhnend, ״erst ein unbescholtenes Mädchen an den Pranger stellen und dann raufen wie ein Stallknecht. Das ist die gepriesene Superiorität!" Bevor der wüthenLe Rittmeister Zeit gehabt hätte, sich noch einmal auf Rafael zu stürzen, kamen die jungen Leute, welche als Zeugen der Wette, im Schatten verborgen, die Vorgänge im Innern des BoSketS belauscht hatten, um ungesehen dabei zu sein, wie Franz sein Wort elnlösete, herbeigeeilt und hielten ihn fest. ״Rache, Genngthnug! ..." schnaubte Franz mit blutig rollenden Augen. ״Sehr gern," erwiderte Rafael, auf welchen der Anblick seines tobenden Gegners beruhigend wirkte^ ״am liebsten sogleich." Alle Anwesenden stimmten in der Ansicht überein, es sei das Beste, die Angelegenheit sofort auszutragen. Rafael ließ zwei seiner Freunde aus dem Salon herbciholen und ersuchte sie um ihrcn Beistand als Sekundanten, und Franz wählte zwei Kollegen zu seinen Kartellträgern. Die beiderseitigen Sekundanten einigten sich dahin, daß mit Rücksicht auf die Nachtzeit den Klingen vor der Kugel der Vorzug gebühre; den Ort des Duells betreffend sei irgend ein hierzu geeigneter Platz, an welchem es im Gebirge nicht mangeln könne, ausfindig zu machen. Zum Glück befand sich unter der geladenen Gesellschaft auch ein Arzt, welcher heimlich von dem Vorgefallenen verständigt und um seine Assistenz gebeten wurde. Einer fuhr in die Stadt, um Fechtdegen, und nachdem noch die Eltern Hedwigs verständigt wurden, sie mögen ihre ohnmächtige Tochter ans dem Park in die Billa schaffen lassen, bestiegen die zwei Parteien mit dein Arzt die Wagen und rollten in die mondhelle Nacht hinaus. An Franz zuckte jede Faser, und seine Zähne schlugen klappernd aneinander. (Fortsetzung folgt.)

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