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Jeschurun · 1886-08-05 · Heft 31 (5.8.1886) · p. 491

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Journal
Jeschurun
Volume
19 (1886)
Issue
Heft 31 (5.8.1886)
Article
Deutschland : Ostrowo [Nachricht]
Date
1886-08-05
Page
491 (sequence 2)
Language
German
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491 bezw. dessen Berichterstatter überlassen müssen: ״Es ist bereits vor einiger Zeit in der Presse über die Schritte berichtet worden, welche Frau H. Springer aus Ostrowo gegen die Ausweisung resp. um eine längere Aufenthaltsgenehmigung behufs VerwcrLhuug ihrer in Ostrowo belegencn beiden Grundstücke gethan hat, und es war in diesem Bericht eines Ältestes erwähnt, welches der Vikar Prinz R a d z i w i l l der Aermsten ausgestellt hatte. Da dasselbe über die Verhältnisse der Ausgewiesenen eine zuverlässige Auskunft giebt, bringen wir cs hier zum Abdruck: ״Auf genaue Erkundigungen, die ich hier am Orte persönlich eingezogen habe, theile ich hierdurch auf Wunsch mit, daß Frau H. Springer, mosaischer Religion, deren Ehemann als russischer Unterthan von der Ausweisung betroffen ist und das preußische Gebiet bereits verlassen hat, eine geborene Seidenberg, hier in Ostrowo geboren ist, und daß sie zwei Grundstücke in der jüdischen Straße besitzt, deren Micthswerth auf 900 Mark geschätzt wird. Eine erneute auch auf Frau Springer ausgedehnte Ausweisung würde sie in ihren Vermögens- Verhältnissen bedeutend schädigen, und da ihr allerseits ein gutes Zcugniß als einer fleißigen und arbeitsamen Frau ausgestellt wird, möchte ich durch diese Darlegung ihrer Verhältnisse gern die Schritte unterstützen, welche sie gegenwärtig in Berlin bei den hohen königlichen Behörden unternimmt, um eine Aufhebung der Aus- Weisung für sich und ihren Sohn herbeizuführen. Ostrowo, 4. Mai 1886. Edmund Prinz Nadziwill, Vikar." — Der Bescheid des Ministers des Innern lautete: ״In Bescheidung auf die von dem Mitgliede des Reichstags, Herrn Di׳, von Iadzewski mir überreichte Vorstellung vom 5. d. Mtö. eröffne ich Ihnen bei Rückgabe der Anlagen, daß ich nach Prüfung der obwaltenden Verhältnisse mich nicht veranlaßt finde, die Ihnen zum Verlassen des preußischen Staatsgebiets zu wiederholten Malen und zuletzt bis zum 1. April er. gewährte Frist noch weiterhin zu verlängern. Der Minister des Innern rc." — Ehe noch Frau Springer diesen Bescheid erhielt, den sie in Berlin abwarten wollte, wurde sie hier am 28. Juni in der Wohnung ihrer Schwester von zwei Kriminalschutzleuten festgenommen. Sie erzählt nun über ihre Erlebnisse u. A. Folgendes: ״Ich wurde nach dem nächsten Polizeirevier und dann nach dem Molkenmarkt gebracht, wo mir eröffnet wurde, daß meine Verhaftung auf Veranlassung des Landraths Meyer in Ostrowo geschehe. Nachdem ich 1'/2 Tag im Arrestlokale zugebracht, wo mir nur ciu Stück trockeueS Brod verabreicht' wurde, da man sich weigerte, mir. für mein Geld koschere Kost zu besorgen, wurde ich per Transporteur nach Frankfurt geschafft, wo ich wieder ins Arrcstlokal gebracht ward. Am Mittwoch ging cs nach Posen weiter, dort wieder Aufenthalt im Arrestlokal bis Donnerstag, und an diesem Tage langte ich in Ostrowo an. Auf dem dortigen Bahnhose nahmen mich zwei Polizeisergeanten und zwei Gcndarnren in Empfang, die mich nach der Polizeiwache transportirten, als ob ich irgend ein Verbrechen begangen hätte. Ich bat, daß man mich aus meiner Wohnung etwas Wäsche holen lasse, eS wurde mir nichts gewährt. Auch meiner Schwester wurde nicht gestattet, mir Nahrungsmittel zu verabreichen und einige Worte mit mir zu wechseln. So mußte ich im offenen Wagen in Begleitung von Polizeibeamten im heftigsten Regenguß ohne jeden Schutz nach der Kalisch fahren, wo ich zuvorderst wiederum verhaftet wurde." Die Briefschreiberin theilt nun ihre Erlösung und Vereinigung mit ihrem Ehemann mit, sowie daß sie darauf schwer erkrankt sei. Nach ihrer Wiederherstellung reiste sic mit einem auf fünf Tage lautenden russischen Paß nach Ostrowo, um die dringendsten Angelegenheiten zu ordnen; sie hat aber sofort, umkehren müssen, da ihr im andern Falle Verhaftung angedroht wurde. Am Schlüsse ihres Briefes schildert Frau Springer noch die Jagd der Polizeibeamten nach ihrem zwölfjährigen Sohne, der längere Zeit versteckt gehalten werden mußte. 1- Stettin, im Juli. Die Herren Ordensbrüder des bekannten ״Bnei Brith" Ordens sind mit einer rührenden Offenherzigkeit bestrebt, jeden Zweifel über ihre Stellung zum Judenthum und seinem ״Geiste" zu zerstreuen. Dieser ״Geist" ist bekanntlich das feine Surrogat, welches die Retorten der Reformer aus dem massigen, für viele zarte Magen absolut nicht zu verarbeitenden rituellen Judenthum zu gewinnen wußten. Es ist ein Extrakt, wie meinetwegen LiebigS Fleischextrakt. Wem Fleisch zu schwer ist, der nimmt LiebigS. Extrakt, und wem das Judenthum mit seinem unzählbaren Heer von Beschränkungen zu schwer ist, der hält sich an den oben berührten Geist. Wie alle Produkte der neuern Neklamepoche erfreut sich auch diese schwer desinirbare Substanz einer großen Beliebtheit und Verbrcitung und doch kann man hierauf ein Wort Heines anwenden, das dieser in Beziehung auf einen andern ״Geist" anssprach: ״Mit dem heiligen Geist hat es wohl am Ende dieselbe Bewandtniß, wie mildem dritten Pferde, wenn man Extrapost reist; mau muß immer dafür bezahlen und bekönunt es doch nie zu sehen, dieses dritte Pferd." — Diesen Sonntag (den 26.) hat die hiesige ״Allemannia-Loge" eine Extrafahrt nach Swinemünde veranstalt und dort ein Bankett abgehalten im Lokale eines jüdischen Wirths (das wird mit großer Frömmigkeit betont) der gleichzeitig auch mit Nehrücken und Schweinebraten seinen P. T. Kunden aufwarten kann. Auch der Kultusstand der wohllöblichen Gemeinde war in pleine parade mit auSgerückt. Warum veranstalten die verehrlichen Herren vom ״Geist" fröhliche Massenausflüge gerade in.jenen drei Wochen, an welchen sich

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