Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 19 (1886)
- Issue
- Heft 31 (5.8.1886)
- Article
- Wandelungen
- Date
- 1886-08-05
- Page
- 487 (sequence 2)
- Language
- German
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487 Wo mochte er jetzt weilen? — ob er auch wohl an sie dachte? warum stieg nur das Blut in ihre Wangen, wenn sie an ihn dachte?— Ob er sie wohl bald vergessen würde? — er hatte sie doch so sehr geliebt — und sie ihn gar nicht? — warum eigentlich nicht? — er war doch ein schöner Mann — und wie oft hatte sie zuweilen auf die Uhr gesehen, wenn sie ihn erwartet hatte — und wie hatte ihr Herz so laut geklopft, wenn sie seinen elastischen Schritt auf der Stiege vernommen — und nun — sechsundzwanzig Stunden waren verflossen, seit sie ihn gesehen — nicht doch, sie hatte ihn am Morgen, vom Fenster aus, doch auch noch gesehen — aber seit ihrem Bruch waren sechSundzwauzig Stunden verflossen — erst sechsundzwanzig Stunden? — ihr war, als wären bereits so viele Wochen verstrichen. Ob sie bereute, was sie gethan? — Nicht doch, mochte der Sanitätsrath sagen was er wollte, sie hatte ihrer Ueberzeugung entsprechend gehandelt. — Fühlte sie sich darob auch nicht glücklich, ihre Selbstachtung konnte sie sich nicht versagen. Wie hatte der Sanitätsrath doch gesagt, bevor man sich zu einer sogenannten Vernunftheirath entschleßt, prüft man mit der Vernnnft den Charakter, die Persönlichkeit, die Verhältnisse Desjenigen, dem man sich verbinden will — sowie seine Schwächen, Fehler u. s. w. Hatte sie das auch gethan? Friedrich's Charakter, seine Persönlichkeit, seine Verhältnisse, die hatte sie freilich nicht zu prüfen brauchen, die lagen offen vor ihr — aber seine Schwächen, seine Fehler? — Sie sann und sann. — Seltsam, nahezu ein Jahr hatte sie tagtäglich mit ihm verkehrt, und doch erinnerte sie sich keines Fehlers von ihm, auch nicht einer einzigen Schwäche. — Aber es war lächerlich, beständig an den zu denken, mit den! sie gebrochen hatte — und doch, es war natürlich, denn wenn er nun heimkchren würde, morgen oder übermorgen, wie würde sich dann ihr gegenseitiger Verkehr gestalten? — Sie rieb sich die Stirn, als könne sie dadurch die unangenehmen Gedanken verscheuchen. — Vielleicht war ihr das Glück günstig und hielt ihn längere Zeit fern — er halte schon längst eine größere Neise geplant, sie hatte ihn begleiten sollen, gleich nach der Hochzeit — ob er die Reise nun allein unternehmen würde? Das Glück schien ihr günstig, nahezu vierzehn Tage waren verstrichen und Friedrich war nicht heimgekommen. Ob er noch bei seiner Schwester in O... weilte oder die geplante Reise angetreten hatte, sie wußte eS nicht. Der SanitätSrath, ' in jüngster Zeit noch mehr als gewöhnlich beschäftigt, hatte des Sohnes ihr gegenüber nie erwähnt, und auch auf jenen Gegenstand, über den er noch weiter mit ihr hatte sprechen wollen, war er nicht wieder zurückgekommen. Er war eben allzu sehr beschäftigt und Bella mehr als je ׳ sich selbst überlassen. Aber sie hatte liebenswürdige Bekannte und selbst Freunde sich erworben, mit denen sie tagtäglich verkehrte, sie hätte sich nicht einsam zu fühlen brauchen — und dennoch, cs war so still und öde im Hause, so leer in ihrer Brust. Eines Tages, sie befand sich in ihrem Zimmer, der SanitätSrath war eben im Begriff, seine Morgenbesuche anzutrcten, sein Wagen hielt bereits vor dem Hause, als sie den alten Herrn in ungewöhnlich raschen Schritten die Stiegen hinaneilen hörte. Ohne anzuklopfen, was er sonst nie versäumie, riß er die Thür auf. ״Ich bringe gute Nachrichten,", rief er, ״Doktor Wicsenhcin, Dein betrügerischer Vormund, ist verhaftet." ״Verhaftet?" rief sie aufspringend, ״und mein Vermögen ist gerettet?" .,Zum größten Theile sicherlich!" ״Gott sei Dank!" jubelte sie, ״Gott sei DankL aber woher wissen SLe'S?" ״Von Friedrich, natürlich. Du weißt doch, daß er Deine Angelegenheit übernommen hat." Sic erröthete und wandte sich hastig zur Seite. ״Wie ist denn die Polizei seiner habhaft geworden?" fragte sie, aber es lag keine freudige Erregtheit mehr in ihrer Stiinme. ״Nun, Du weißt doch — wenigstens schreibt Friedrich, daß es Dir bereits bekannt ist, daß Alfred Wiesenhein verhaftet worden. Die Polizei hat ihn zwar scharf bewacht, aber der Gefangenwärter hatte den Auftrag, ihn mit größter Rücksicht zu behandeln' und namentlich den voraussichtlichen Versuchen des Gefangenen, den Wärter zu bestechen, anscheinend mit' Bereitmilligkeit entgegenzukommen. Cs währte einige Zeit, bevor der Vogel auf den Leim gtng■; absichtlich hatte die Polizei ihn nicht nach seinen Eltern oder deren Aufenthalt gefragt und seine Haft mußte in seinen Augen nur als Strafe für die beabsichtigte Entführung gelten. Durch dieses Verhalten in Bezug auf seinen Vater sicher gemacht, entschloß er sich endlich, dem Wärter ein Schreiben an Herrn James Willmington in London, .... strcet, zur Beförderung zu übergeben. Die italienische Polizei benachrichtigte unverzüglich ihre Londoner Kollegin, und diese hatte nicht sobald ausfindig gemacht, daß der ehrcnwerthe Mister Willmington mit dem Herrn Professor Wiesenhein identisch ist, als sie ihn unverzüglich der weiteren Sorge für sein Fortkommen enthob. — Doch ich verplaudere hier die Zeit, aber ich habe Dir die gute Nachricht doch nicht vorenthalten wollen. Adieu, Kind, Adieu!" und fort rannte er die Stiegen hinunter. Bella athmete tief auf. ״Gott sei Dank!" sprach sie laut,״ ׳Gott sei Dank!" und dennoch, es war nicht