Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 19 (1886)
- Issue
- Heft 30 (29.7.1886)
- Article
- Schweiz : Baden [Nachricht]
- Date
- 1886-07-29
- Page
- 476 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- correspondence
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2932754-2933154-2933184--22542-2966454- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Minsk 1× ep/1000754
- Płock 1× ep/1048069
OCR text
476 E. Baden (Schweiz). Im Januar d. I. hat der Vorstand deS Aargauischen Thierschutzvereins sich an den NcgierungSrath des KantonS Aargau mit der Bitte gewandt, derselbe möge bei Ausstellung neuer Gesetze über GesundheitSpolizci auch das Schlachtverfahren bei der Tödtung von Nutzthieren ins Auge fassen. Das Schächten wurde bei dieser Gelegenheit selbstredend auch bedacht, und gewünscht, dasselbe solle auf die israelitischen Schlachthäuser in Erdingen und Lengnau beschränkt bleiben!! Unter allen Umständen solle dem Halsschnitt sofort Betäubung durch die Schlagaxt folgen, und einige Wünsche mehr dieser Art. Die Sanitätsdirektion des KantonS Aargau hat nun am 6. Juli zufolge Auftrags des RegicrungSrathS eine Instruktion für dieFleischbeschaucr erlassen, welche von der Petition des Thierschutzvcreins herzlich wenig Notiz nimmt, dagegen betreffend das Schächten folgende allgemein befriedigende Bestimmungen enthält, die in unserm schächtfeindlichen Aarau doppelte Beachtung und Anerkennung verdienen: § 4. Die Fleischbeschauer haben das Schlachten der Thicre zu überwachen. Das Tödten der Schlachtthiere hat rasch und möglichst schmerzlos zu geschehen; die Verblutung soll eine vollständige sein. Zu diesem Zweck werden folgende Vorschriften über das Schlachten des Viehes erlassen: 1) sämmtliche Schlachtthiere, mit Ausnahme der zum Schächten beftlmmten. sind mittelst Kvpsschlag zu betäuben oder durch die Schußmaske zu tödten; der Schlag bei Schweinen hat mittelst Keule zu geschehen. 2) Das Schächten darf nur durch staatlich patentirte Schächter ausgcführt werden. Bei den Vorbereitungen zu dieser Schlachtmethode soll das Niedcrlegen der Thiere so geschehen, daß ein plötzliches Niederstürzen derselben verhütet wird. England. ^London, 21. Juli. Dem Vernehmen nach beabsichtigt Herr S. Montagu dieser Tage eine Reise nach Rußland zu unternehmen, um die Lage unserer Glaubensgenossen daselbst zu studiren; Herr Er. Ascher wird ihn begleiten. Rußland. :jj: PloZ?. Die Stadt Plozk gehört zu den ältesten Städten Polens und ist eine der best gebauten und verwalteten in der Provinz. Nach den letzten statistischen Ausnahmen (1883) zählt dieselbe 19 540 Einwohner und zwar 7133 Juden 36,5 Prozent der Bevölkerung. Herr Papirna macht in der ״Hazefirah" noch auf folgende interessante Verhältnisse aufmerksam. Handwerker, Lastträger 11. s. w. sind 1818 Christen, 718 Juden. 5240 Christen 48,2 Prozent können nicht lesen und schreiben, in dem gleichen Falle befinden sich 3019 Juden 43,5 Prozent. Es ist hier selbstverständlich nur von der Lc:deSsprache die Rede. Die männlichen Juden können ausnahmslos hebräisch lesen und schreiben, die weiblichen mit geringen Ausnahmen. Aber auch in Betreff der Landessprache übertreffen die Juden die Christen um 5 Prozent. Dabei darf aber nicht übersehen werden, daß jedenfalls zwei Drittel der hier Gezählten im Alter über zwanzig Jahren sind. Es fallen davon also sehr viele aus Altersklassen, deren Schulzeit vor 1864 war. Bis dahin aber waren die allgemeinen Schulen den Juden verschlossen. Jetzt aber besuchen 1050 jüdische Kinder städtische und jüdische Schulen, in welchen letzteren ebenfalls allgemeines Wissen gepflegt wird. Es geht aus diesen Zahlen deutlich hervor, daß die von unseren Gegnern ausgestellte Behauptung, die Juden vernachlassigten die allgemeine Bildung u. s. w. durchaus unhaltbar ist. u. Wolositt, 15. Juli. Ein furchtbares Unglück hat den hiesigen Platz und speziell die Inden daselbst betroffen. Am 9. d. M. wüthete eine heftige Feuersbrunst, welcher säst vierhundert Häuser jüdischer Einwohner zum Opfer fielen. Auch die berühmten Lehr- Häuser liegen in Schutt und Asche. Das Elend und die Noth sind groß. Die benachbarten Gemeinden, als Wilna, Minsk und andere haben Hülfe gesandt, aber dieselbe reicht nur für den Augenblick aus. Woher sollen die armen Abgebrannten die Mittel nehmen zur weiteren Ernährung ihrer Familien. Mehr als dreihundert Talmudjüuger sind obdachlos. * Kurcnz (Kreis Wileika, Gouvernement Wilna). Von hier wird der ״Hazefirah" vom 13. Tamus gemeldet, daß ein großes Schadenfeuer zweihundert Häuser verwüstet habe, darunter fünf Bet- und Lehrhäuser. Der Kronrabbiner Landau erläßt einen Aufruf zu Gunsten der Abgebrannten und schildert deren Noth in beweglicher Rede. Marokko. * Dem ״Jewijh World" wird folgendes Borkommniß von glaubhafter Seite berichtet. Der Sohn eines hohen Würdenträgers ließ kürzlich auf seinem in der Nähe von Fez belegenm Gute sechs jüdische Reisende aufgreiftn und versuchte unter Androhung des Todes von ihnen die Namen der reichsten Fezer Juden zu erfahren. Die geängsteten Gefangenen wollten dem Verlangen entsprechen, als eine Neiterschaar auf dem Gute anlangte. ES war ein Scherif mit seinem Gefolge, der hier rasten wollte. Die Juden riefen dessen Schutz an und erhielten solchen. ES ist ganz zweifellos, daß sie dem sichern Tode entronnen sind. Sie wären von ihrem Dränger ganz bestimmt gemordet worden, nachdem sie die Namen der Reichen in Fez mitgetheilt hätten. Man erwartet eine strenge Untersuchung und l Bestrafung des Missethäters.