Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 19 (1886)
- Issue
- Heft 29 (22.7.1886)
- Article
- Erkannte Irrungen
- Date
- 1886-07-22
- Page
- 463 (sequence 2)
- Language
- German
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468 Verbeugungen, ein honigseimtriefendeS Lächeln, ein devotes in die Erde Versinken! Der Herr Gerichtsrath erwiderte diese überschwengliche Huldigung so, wie etwa sein fünfzehnter Ahn den Tribut seiner Vasallen entgegengenommen haben mochte, wenn er geruhte, mit ihnen besonders zufrieden zu sein: er zeigte eine herablassende, gönnerhafte Freundlichkeit. Die gnädige Frau Gerichtsrath machte eine hochwohlgeborene Verbeugung und verzog das Gesicht dazu zu einer Art von Lächeln, aber ihre Augen behielten inmitten dieses Lächelns einen basiliskenhaft lauernden und grausamen Ausdruck. Sie erkundigte sich wahrscheinlich eben nach dem Befinden der Fräulein Tochter. — Jetzt kam die Reihe au Franz. Dieser pflanzte sich so stramm auf und führte mit solcher peinlichen Aknrateß die Begrüßung aus, als ob dieselbe einem Burggrasenpaar von allerblauestcm Blute gelte. Vielleicht daß er damit die Wirkung der vermutheten Denunziation abschwächen, und die Leute in Sicherheit wiegen wollte. DaS erste Mal, seit er in diesen vornehmen Kreisen sich bewegte, schauderte Rafael zurück vor der an Selbstpreisgebung grenzenden Kriecherei auf der einen und der empörenden Anmaßung und Verstellung auf der andern Seite. Wiederum wurden Gäste angemcldet, und die Hausfrau eilte zu ihrem Empfange. Diese Gelegenheit benutzte Rafael, um der Frau Doktor zuzuflüstcrn: ״Wo ist Fräulein Hedwig, gnädige Frau? Ich-muß dringend mit ihr einige Worte wechseln." ״Unmöglich," gab sie flüchtig zur Antwort, ״sie setzt sich endgültig mit dem Künstler ins Einvernehmen und kann keine Sekunde von der Zeit entbehren, die ihr bis zum Konzerte noch zur Benutzung erübrigt." Damit eilte sie fort. Rafael erspähte nun, daß Doktor Friede eben frei geworden, und er eilte mit großen Schritten auf ihn zu. Er sah ein, daß er mit dem Fräulein an diesem Abende kaum heimlich werde sprechen können, ohne Aussehen zu erregen, er wollte daher das, was er wußte, dem Vater mittheilen, er möge dann das Weitere besorgen. ״Herr Doktor, darf ich bitten... auf ein Wort!" ״Willkommen, bester Freund," rief Doktor Friede, ihm die Hand entgcgenstreckend, ״was haben Sie mir zu sagen?" ״Nichts Angenehmes, leider —" Da kam ein Diener herbeigerannt und flüsterte mit' athemloser Hast dem Doktor iuS Ohr: ״Die Kalesche des Bürgermeisters ist vorgefahren." Eine glückselige Befriedigung leuchtete in dem Gesichte Richard Fricde's auf. ״Verzeihung, mein Lieber," stammelte er in freudiger Verwirrung, ״ein NächsteSmal.... Nochmals Verzeihung!" Er drückte Rafael hastig, wie zur Abbitte, die Hand und eilte trotz seines ansehnlichen EnbonpointS mit jugendlicher Beweglichkeit der Thüre zu und über die Treppe hinab. Rafael blickte dem enteilenden Manne starr nach, ein unheimlich beklemmendes Gefühl überkam ihn. Cr war alles eher als abergläubisch, jedoch die konsequente und außergewöhnliche Vereitelung aller Schritte, welche er heute zur Rettung Hedwig Friedas unternommen hatte, verfehlte nicht, selbst seinem freidenkerischen Geiste in befremdlicher Weise auszufallen. Er glaubte, vor einem Verhängniß zu stehen, welches die Kreuzung seiner Absichten nicht zngebe, er glaubte, die Geister ließen im entschtidendcn Momente einen unsichtbaren Schlagbaum nicderfallen, zwischen ihm und den Geschöpfen, deren Demüthigung in ihrem Nathschluß steht. Eine fatalistische Stumpfheit nahm Platz in ihm. Er ließ sich in der Ecke eines Sophas nieder und gedachte, theilnahmloS die Wallung sich vollziehen zu lassen. Er konnte aber nicht so ruhig abwartmd bleiben, als er sich vorgenommen hatte; die fatalistische Fügsamkeit war nicht seine Sache, und der Gedanke, zur Ohnmacht verdammt zu sein, traf seinen selbstbewußten Geist an der empfindlichsten Stelle, so daß er sich rebellisch gegen die ihm aufgelegten Fesseln auflehnte. Da fiel ihm unversehens ein tröstlicher Gedanke ein, welchen er bisher noch nicht in Erwägung gezogen hatte. Er war immer von der Voraussetzung ausgegangen, Hedwig werde ahnungslos in das Garn gehen.... That man aber dem geistvollen, klugen Mädchen nicht Unrecht, von ihr eine solche unverständige Thorheit vorauszusetzen? Und wenn sie es ja beginge, wäre ihr Schicksal dann kein gerechtes und verdientes? — Ist eS möglich, daß sie bei ihren nicht gewöhnlichen geistigen Eigenschaften die Unwürdigleit nicht herausfühle, welche das vom Rittmeister an sie gestellte Ansinnen einschließt? .,. Vielleicht auch blieb seine dritte Karte nicht ganz ohne Wirkung auf den Rittmeister, vielleicht hat er die Absicht fahren lassen ... (Fortsetzung folgt.) Nach Schluß der Redaktion geht uns von zuverlässiger Seite die Nachricht zu, daß ein Ministerialerlaß wegen des Schreibens der Mischen Schüler in Galizien überhaupt nicht eMirt. Wir erwarten von dem Schomer-Jißrael-Verein eine Aufklärung, welche Aufnahme also seine Vorstellung in dieser Sache beim UttternchLsmmister gefunden haben tat.