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Jeschurun · 1886-07-22 · Heft 29 (22.7.1886) · p. 462

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
19 (1886)
Issue
Heft 29 (22.7.1886)
Article
Amerika : Chicago [Nachricht]
Date
1886-07-22
Page
462 (sequence 2)
Language
German
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462 Nabbinerversammlung konnte nicht zu Stande kommen, weil es an Theilnehmern fehlte! Doch um wieder auf christlich-unitarische Neformrabbiner zu kommen, so hat der Dr. Sonnenschein in St. Louis seine Gemeinde merkwürdiger Weise noch überraschen können und zwar durch den aus ihm ruhenden Verdacht: er sei Unitarier geworden. Das ist nun allerdings pure Verleumdung! Ein Or. Sonnenschein kann gar nichts werden, der ist schon etwas — nämlich ein religionSloser Mensch. Die Gemeindeverwaltung in St. Louis hat ihm aber trotzdem zum 1. Oktober gekündigt. Warum, ist wirklich nicht klar. Dr. Sonnenschein ist heute noch der Gleiche, welcher er vor einem Jahre war. Daß er in der unitarischcn Kirche predigen wollte und vielleicht bei entsprechender Verbesserung seiner Stellung dauernd daselbst predigen und in der Synagoge Gastrollen geben würde, das schadet doch der Reform in St. Louis nicht das Mindeste! Mimik Immgen. Von Samuel Berthold Rosner. (Alle Rechte vordel-alten.) (Fortsetzung.) Die Nähe seiner Wohnung gab seinen Gedanken eine andere Richtung, sie erinnerte ihn an die peinliche Angelegenheit, in deren Interesse er sie verlassen Halle und welche der sonderbare Zwischenfall mit Ella ihm fast ganz aus dem Sinne verdrängt hatte. Die frühere nervöse Hast überfiel ihm wieder. Der Abend war bereits vollständig herabgedämmert, er hatte nur noch einen sehr kurzen Zeitraum zum Handeln übrig. Er durfte keine Sekunde dieses Zeitraums unbenutzt verstreichen lassen, wenn er Hedwig Friede dem Verhängniß entziehen wollte, welches über ihrem Haupte schwebte. Um das zu erreichen, war nur noch ein Weg frei: das Mädchen auf das Bubenstück aufmerksam zu machen, daö wider es geplant wird. Es that ihm weh, das zu thun, er hätte Hedwig gern den großen Schmerz erspart, zu erfahren, daß sic zur Zielscheibe des übermüthigen Leichtsinns herabgewürdigt wurde. Als er sich entschloß, Franz von Colmar auszusuchen, geschah eS nur in der Hoffnung, die Schmach von ihr abzuwenden, ohne daß sic erfahren würde, was ihr gedroht; diese Hoffnung aber mußte nach dem Geschehenen als vernichtet betrachtet werden. Hedwig mußte von dem Bubenstreiche Kenntuiß erhalten, es handelte sich nur noch darum, ob dies vor oder nach seiner Ausübung geschehen solle. Ein Drittes war kaum denkbar. In größter Eile kleidete er sich salonmäßig um, nahm rasch einen Wagen, bezeichnete dem Fuhrmann das Ziel des Weges und überließ sich dann, in die Polster zurückgelehnt, seinen Gedanken. ES führten zwei Wege in das Gebirge: ein naher, aber beschwerlich steiler, ein ganz bequemer, aber um das Doppelte längerer. Die Kutscher sind gewöhnlich von einer wahrhaft väterlichen Zärtlichkeit für ihre Thiere beseelt, sie suchen ihnen die Ausübung ihres schweren Berufes bei jeder (Gelegenheit nach Möglichkeit zu erleichtern. Da Rafael cS in seiner Zerstreutheit unterlassen hatte, bezüglich dieser zwei Wege eine bestimmte Entscheidung zu treffen, so erblickte darin der Kutscher eine stillschweigende Ermächtigung, den fahrbareren Weg zu wählen. Rafael gewahrte erst in der Mitte des Weges die vcrhänguißvolle Verwechslung, er konnte nichts Anderes thun, um den Zeitverlust cinigern!aßen zu verringern, als den Kutscher durch ein in Aussicht gestelltes Triukgcld zu möglichster Eile auzuspornen. Der Kutscher und die Pferde thaten auch das Ihrige, aber trotz der großen Schnelligkeit, mit welcher das Gefährte dahiurollte, kam die Villa doch erst Rafael zu Gesichte, als die Sterne schon an dein dunklen Hintergründe der Nacht ansgetaucht waren. Die Schatten verhüllten den hohen, bergartigcn Hügel, ans welchem die Villa sich erhob, und diese schien, in hundertfachem Lichterglanze strahlend, wie eine Zauberbürg deS Märchens in den Wolken zu schweben. Die großen Gitterthorflügel am Fuße des Hügels standen weit offen, und cS verstrichen keine fünf Minuten, ohne daß eine elegante Kalesche zwischen ihnen durchrollte oder daß ein Reiter den Hügel hinaufsprengte. Rafaels Wagen war schon das zwanzigste Glied einer langen Wagcnkette, welche längs der Freitreppe und darüber hinaus sich hinzog. Rafael rannte schier den Bedienten nieder, welcher am Fuße der in das Stockwerk führenden Treppe ihn den Ueberrock und Hut abverlangte. Ungestüm stürmte er in den Salon hinauf, der in einer blendenden Lichtfluth schwamm, und auf dessen Parket eine glänzende Gesellschaft graziös durcheinander wogte. Die Gesellschaft hatte sich noch nicht geordnet. Die verschiedensten Elemente schwebten noch frei durch den Saal, und die wahlverwandten unter ihnen begannen sich eben in kleine Gruppen zu kouzentriren. Rafael ließ hastig seine Augen zwischen den junoirischen Gestalten der jungen Damen umherirren, von deren reichen Toiletten das Kerzenlicht so blitzend reflektirt wurde, wie der Sonnenschein vom frisch gefallenem Schnee. Die er suchte, Hedwig, war nicht unter ihnen. In einer der Gruppen bemerkte er den Hausherrn und die Hausfrau, welche mit vereinten Kräften bestrebt waren, der mit Ausschluß Ella's vollzählig erschienenen Fatnilic Colmar die Honneurs' zu machen. War das ein Schweifwedeln, eine Kette von

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