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Jeschurun · 1886-07-22 · Heft 29 (22.7.1886) · p. 456

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Journal
Jeschurun
Volume
19 (1886)
Issue
Heft 29 (22.7.1886)
Article
Wandelungen
Date
1886-07-22
Page
456 (sequence 2)
Language
German
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456 das wußte sie. — Nun, so sehr sie es auch freuen wurde, wenn sic ihr Geld znrückbekommen würde, sie wußte eS auch zu verschmerzen. An Walthers Seite war sie in jedem Falle versorgt. Sie warf noch einen Blick in das Nebenzimmer, der SanitätSrath schlummerte sanft in seinem Lehnscssel, dann begab sie sich hinauf in ihr eigenes Zimmer. Einige Journale lagen ans dem Tische, sie blätterte darin, unwillkürlich fiel ihr Auge aus einen Artikel über weibliche Erwcrbsfähigkeit. Die Verfasserin, er war von Damenhand geschrieben, ereiferte sich dafür, den Frauen und Mädchen alle nur möglichen Erwerbsquellen zu öffnen, namentlich um unbemittelte Mädchen vor der Erniedrigung zu bewahren, ohne Neigung, nur aus Sehnsöcht nach Versorgung einem Manne ihre Hand zu reichen. ״Das Mädchen oder die Frau," so hieß es Wörtlich in dem Artikel, ״das ohne Neigung einem Manne sich vermählt, ist nicht höher zu achten, als eine Dirne, die dem ersten Besten für Geld sich verkauft, doch weit geringer als das schwache liebende Mädchen, das dem Geliebten nichts zu versagen vermag." Der Name einer der geachtetsten Schriftstellerinnen der Gegenwart glanzte unter diesen Zeilen. Bella preßte beide Hände an die Stirn, mühsam hob sich ihre Brust. — Großer Gott! — was hatte sie thun wollen! — Hatte sie sich in Wirklichkeit einer Dirne gleich verkaufen wollen? — Von diesem Standpunkt aus hatte sie den Schritt, den sie beabsichtigte, nie betrachtet. — Aber jetzt erinnerte sie sich, ganz in derselben Weise wie die Verfasserin jener Zeilen, hatte auch Frau Doktor Wiesenhein das, was man Vernunftheirathen nennt, beurtheilt, und ihre verstorbene Mutter hatte in dieser Beziehung der AnschauungSweise ihrer ehemaligen Freundin vollkommen beigestimmt. — Und dennoch hatte sie sich zu einer solchen verleiten lassen wollen! — eö war entsetzlich! — entsetzlich! — Doch nein, es war ja noch nicht geschehen, und nimmer, nimmer sollte cs geschehen! — lieber darben! lieber betteln, als so lies zu sinken! — In heftigster Erregung preßte sie bald die Hände an die Stirn, bald rannte sie im Zimmer auf und nieder. Was hatte sie thun wollen! — was hatte sie thun wollen! — sie erschien sich selbst veraHtmswerth und glühende Schamröthe bedeckte ihr Angesicht. Stunden vergingen, sie hatte ihre Fassung noch immer nicht wieder erlangt. Der SanitätSrath war nach auöwL״ts zu einem Schwerkranken gerufen worden, er hatte ihr wissen lassen, nicht mit dem Abendessen ouf ihn zu warten, da er vermuthlich erst am kommenden Tage hcimkommen werde. Es war gegen Abend, Walther hatte sie zu einem Spaziergang auffordern lasten, sie hatte erwidert, er möge entschuldigen, sie fühle sich nicht disponirt zum Ausgehcn. Beunruhigt durch diese Antwort ließ er sie um eine Unterredung bitten; sie war im Begriffe, auch diese zu verweigern, doch sie besann sich, so peinlich eine Erklärung war, es mußte ja doch zu einer kommen, und wenn schon, dann je früher desto besser. Sie ließ ihm wissen, daß sie ihn erwarte. Sic saß am Tische, den Kopf auf die Hand gestützt, als er grüßend in das Zimnter trat. ״Bella!" rief er, ängstlich besorgt auf sie zueilend, ״was ist Dir? — Du fühlst Dich hoffentlich nicht unwohl?" Sie antwortete nicht und wandte sich auch nicht zu ihm. ״Um des Himmels Willen, sage mir, was ist geschehen?" Er wollte seinen Arm um sie schlingen, sie zuckte zusammen und stieß ihn zurück. ״Lass' mich!" flüsterte sie, ״ich kann'S nicht ertragen." ״Was kannst Du nicht ertragen?" fragte er mit gepreßter Stimme. ״Deine Umarmung," flüsterte sie. Leichenblasse überzog sein Angesicht; er rang vergebenS nach Worten, er brachte keines hervor, doch sein fliegender Athen, sagte ihr, was er empfand. ״Da, lies," flüsterte sie endlich, das erwähnte Blatt mit der einen Hand ihm reichend, während die andere noch innncr das Antlitz bedeckte, ״lies, was ich zu thun im Begriffe war und was ich dann gcworden wäre." Er las den Artikel und preßte die Hand fest auf die Brust, er empfand dort einen stechenden Schmerz. ״Also Du liebst mich durchaus nicht?" fragte er bebend. ״Ich habe es Dir im Vorhinein gesagt," erwiderte sie leise, ohne den Blick zu ihm zu heben. Es war wahr, sie hatte es ihm im Vorhinein gesagt, doch in den jüngst verflossenen Wochen hatte er sich in dem süßen Wahne gewiegt, daß eS ihm doch bereits gelungen, ihre Neigung zu erringen. Und er hatte sich so glücklich, so namenlos glücklich gefühlt in diesem Wahne — und nun diese entsetzliche Wirklichkeit! — nicht genug, daß sie ihn nicht liebte, sie fühlte sich gedemüthigt, erniedrigt durch sein« Umarmung. Krampfhaft krümmten sich seine Finger und zer^ knitterten das unglückselige Blatt, das er noch immer in der Hand hielt. ״Und die wahnwitzigen Worte eines hirnverbrannten WeibeS —" (Fortsetzung folgt.);

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