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Jeschurun · 1886-07-15 · Heft 28 (15.7.1886) · p. 447

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
19 (1886)
Issue
Heft 28 (15.7.1886)
Article
Erkannte Irrungen
Date
1886-07-15
Page
447 (sequence 2)
Language
German
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447 mannshohen Fliederbusche ausgestellt, um von hier mit bang klopfendem Herzen den Ausgang der Dinge abzuwarten. ״Sie wünschen, Fräulein...?" fragte Rafael, auf seinem Platze bleibend. Thränen überzogen ihre Gazetlenaugen. ״Ich bin unschuldig," flüsterte sie, ihn mit einem bittenden Blick ansehend. Raphael trat näher, ein hoher Ernst lag auf seiner Stirne und über seinen Augen, deren dunkle Gluth aus dem marmorblasseii Angesichte noch lebhafter herausloderte. ״Warum weinen Sie, Fräulein?" fragte er sie, über deren Wangen die ersten Thränen herabrollten. ״Ach," entgegnete sie mit thränenunterdrückter Stimme, ״Sie denken gewiß, daß auch ich meine Freude an dem häßlichen Streiche meines Bruders habe." ״Wieso wissen Sie, daß ich deswegen hier bin?" ״Ich ahnte es und Ihre Miene sagt mir, daß ich mich nicht getäuscht habe. O, wenn Sie wüßten, wie tief ich es bedauere und wie gern ich von dem armen Mädchen die Beleidigung abwenden möchte, welche ihm mein leichtsinniger Bruder, zufügen will. Aber ich vermag nichts, absolut nichts, ich kann nicht helfen! Ich beschwöre Sie, glauben Sie mir das, und lassen Sie nicht mich für die Schuld meines Bruders büßen." Ein Sonnenstrahl der Freude glitt über das Antlitz Rafaels. ״Ich glaube Ihnen, Fräulein," sagte er warm, ״daß ihr edles Gemüth tief betrübt ist ob der Verletzung der Menschen- und Frauenwürde, welche von einem ihrer nächsten Blutsverwandten geplant wird. ES gereicht Ihnen zur größten Ehre, aber —" sein Ton schlug in eine melancholische Traurigkeit über — ״was nützt cs? Auch Ihre Seele wird sich nicht in Ihrer jetzigen Diamantenreinhcit erhalten, auch Sie —" ״Halten Sie ein!" fiel sie ihm mit leidenschaftlicher Gluth ins Wort, ״Sic morden mich, wenn Sic den Satz vollenden! Ich mag nicht leben, wenn Sie mich für fähig halten, je so ungerecht, so verworfen zu werden — ich schwöre —" ״Schwören Sie nicht. nein, schwören Sie nicht!" unterbrach sie Rafael und seine Stimme zitterte vor mächtiger Erregung. Auch ich befand mich einst, einst? — vor kaum einer Woche, in Ihrem Falle, auch ich wollte schwören und jetzt...., ich weiß nicht, wie es mir ergehen wird, ich weiß nicht, ob nicht die nächste Zeit mich belehren wird, daß ich im Begriffe stand, einen Meineid zu leisten!" Seine Stimme wurde bei den letzten Worten tonlos. Ein einziger purpurner Lichtstreifen fiel durch das dämmernde Land und legte sich roth glühend, wie cm Glorienschein, um seine Stirn. Er blickte trübe zur Erde, schmerzliche Trauer beschattete sein Antlitz. Ella betrachtete ihn mit Blicken, in welchen ihre ganze Seele lag, er erschien ihr wie ein dem trüben Dunstkreise dieser Welt entrücktes höheres Wesen, und i!n Geiste sank sie anbetend vor ihm nieder. Ein glühendes, schmerzlich süßes Sehnen durchzitterte ihre Seele. ״Nehmen Sie die harten Worte zurück," bat sie schluchzend, ״sie würden mir immer in den Ohren wiederkliugen und den Frieden meiner Seele stören." Er zuckte langsam die Achseln und schaute sie mit einem Gemisch von Mitleid, Trauer und Wonne an. ״Geben Sie mir Ihre Hand darauf, daß Sie sie znrücknehmen," drang sie mit leidenschaftlicher Inständigkeit. Er reichte ihr die Hand — im selben Moment bückte sie sich blitzschnell und drückte einen Kuß auf dieselbe. ״Fräulein — Ella was thnn Sie!" rief Rafael erschrocken und riß seine Hand zurück; eS war zu spät! Wie Feuer brannte ihm der Kuß von Ella'- Lippen ans der Hand. Ella bedeckte das vurvm-nberstammte Gesicht mit den Händen und warf sich laut schluchzend auf eine nebcnanstchende Grrtenbank nieder. Raphael betrachtete sie einige Augenblicke wie gebannt, dann raffte er sich plötzlich zusammen und eilte mit beschleunigten Schritten fort. ״Ein Mensch ist des andern Schicksal," murmelte er dumpf und blickte düster vor sich nieder, als er in seine Wohnung zurückkehrte. Die Lage des edlen Kindes, welches durch die Laune des Schicksals in einer ihm geistig so fremden Umgebung geboren wurde, erschütlerte ihn tief und bejchästigte in tausendfacher Form seine Gedanken. Was hätte unter anderen Verhaltnissen ans einem solchen Herzen und einer solchen Seele nicht Alles werden können! Das Ideal eines Menschen und Weibes, ein auf die Erde gestiegener Engel, ein tröstender Lichtstrahl aus dem Eden zwischen den irdischen Widerwärtigkeiten. So aber werden alle diese Schätze entweiht, eutwerthet werden, das strahlende Licht des Goldes wird untergehen unter den Flecken, welche von seiner schmutzigen Unigcbuug sich auf demselben anhänfen werden. Es muß so kommen, so steht es in dem unwandelbaren Gesetzbuche der Natur geschrieben. Heute vergießt sie Thränen und schwört, daß ihr das Leben werthlos sei, wenn es sie einem solchen Loose entgegenführen sollte; aber so bestimmt wie diese Thränen trocknen müssen, ebenso muß und wird eine Zeit kommen, wo sie diese Regungen nicht mehr verstehen und als jugendliche Schwärmereien mitleidig belächeln wird! Usrtfetzung folgt.)

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