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Jeschurun · 1886-07-15 · Heft 28 (15.7.1886) · p. 446

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
19 (1886)
Issue
Heft 28 (15.7.1886)
Article
Rußland : Dolhinow [Nachricht]
Date
1886-07-15
Page
446 (sequence 2)
Language
German
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446 zu verschaffen. So mar das Volk gegen die Juden aus-; geregt worden, und als nun zum Frohnleichnamstage viele Leute in Dolhinow versammelt und vom Trünke noch mehr aufgeregt waren, da war es eigentlich nicht zu verwundern, daß sie über die Juden herfielen. Taufende brachen in die Hauser der Juden ein, erbrachen die Verkaufsläden und vernichteten was ihnen in die Hände gerieth. Die Inden, sowohl solche, welche sich zur Wehr setzten, als diejenigen, welche sich zu fluchten suchten, wurden ohne Erbarmen zu Tode mißhandelt. Branntwein- und Bierfässer wurden auf die Straße gerollt und dort zerschlagen, die Betten wurden aufgerissen und die Federn auf die Straße hinauSgeschüttct. DaS Brüllen der tobenden Menge mischte sich mit dem Angst- und Schmerzensschrei der Uebcrfalleneu. So ging cS bis zum Abend. Neun Todte und dreiundzwanzig Verwundete waren das Resultat der Blutarbcit. Als die Menge sich in ihre Heimathdörfer zurückbegeben wollte, überfiel sie noch die Wirthshäuser in Karolina und Postawa und mißhandelte deren Eigenthümer. Der Gouverneur von Wilna hat sich nach Dolhinow begeben. Die Untersuchung ist im vollen Gange. Der ״Gaz. Polska" entnehmen wir noch folgende ergänzende Einzelheiten: Die Stadt Dolhinow ist zwar klein, hat aber einen sehr lebhaften Verkehr und eine beträchtliche jüdische Bevölkerung, größtentheilS Kauflcutc, Handelsleute und Handwerker. Der Markt ist immer sehr stark besucht. Als der betreffende Bauer gegen Abend in sein Hcimathdorf zurückkehren wollte, schickte er feinen Sohn nochmals aus, um Gebäck zu kaufen und wies ihn an, auf dem Wege, der nach dem Dorfe führt, und zwar in dem WirthShause Slomianka, auf ihn zu warten. Als der Bauer nun mit seinem Fuhrwerke hier anlangtc, faub er den Knaben nicht, glaubte aber, daß er mit der Mutter schon vorausgefahren sei. Dies bestätigte sich nicht. Die Eltern waren natürlich wegen des Verschwindcns ihres Sohnes sehr erregt und suchten ihn überall vergebens. So dauerte daS drei Tage lang. Da will die Mutter Nachts geträumt haben: ihr Sohn sei in dem nach Dakschitz führenden Walde. Sie bezeichncte den Ort genau und fand ihn da, auch wunderbarer Weise, obgleich man am vorigen Tage an derselben Stelle nachgesucht hatte ohne ihn zu finden! Nun sind verschiedene Gerüchte über den Leichenfund in Umlauf: nach dem einen soll die Leiche noch ganz frisch sein, so daß der Mord erst eben vollzogen, oder die Leiche an einem kühlen Orte aufbewahrt gewesen ist. Nach dem anderen soll aus vielen Einschnitten alles Blut der Leiche entzogen sein; nach wieder anderen soll sie mit vielen blauen Unterlaufungen bedeckt sein, welche von Binden herrühren. Die Leiche wurde nach Dolhinow in Gewahrsam gebracht. Die Schuhe und Kleider des Ermordeten fanden sich in dem Fusse einige Werst von Dolhinow entfernt an der nach Dakschitz führenden Straße. DaS Volk bezichtigte die Juden der Unthat nnd verlangte deren gerichtliche Bestrafung Der Richter aber lehnte solche ab, da gar' kein Verdachtsmoment zur Einleitung des Verfahrens gegen die Inden vorhanden. Er ward darob als Verräther an seinem Volke und seinem Glauben geschmäht. Nach genauer Aufnahme des Leichenbefundes ward der Körper begraben. Die Verwandten brachten ihn von Dolhinow nach BuSlowa unter großer Begleitnng. Dct Knabe wurde als Märtyrer betrachtet nnd die Inden als seine Mörder. Man erzählte sich von vielen ähnlichen Schauermärchen. Die Gährung der Gemüther gegen die Inden nahm immer mehr zu und man beschloß, am FrohnleichnamStage einen großen Rache- und Sühneakt vorzunehmen. Große Volksmengen strömten zur Stadt. Kein Landmann trank bei einem Juden oder kaufte von einem Juden das Geringste. Auch diese hätten nicht gewagt, ihnen etwas zu verkaufen, aus Furcht, in Streit zu gerathcn. Biele Juden verließen den Ort. Man fühlte, daß eS losbrechen würde und ersuchte auch mit militärische Hülfe. Die Scheußlichkeiten begannen auch damit, daß ein Bauer eine Judcnfrau schlug, welche ihm keinen Schnaps geben wollte. Das Hülfcgeschrei der Jüdin war gleichsam das Signal für die wüthenden Bauern zum Massaker mit allen Gräueln bestialischer Lust. Der Priester des Ortes kam endlich auf den guten Gedanken, die wüthende Menge dadurch zu beschwichtigen, daß er in seinem Ornate aus dem Marktplatze erschien und die Bauern zu einer Prozession ordnete, die er zur Stadt herausführte, ihr dort den Segen spendete und sie ermahnte, nach Hanse zu gehen. Das gelang ihm auch. Jetzt langten ein Piket Soldaten in Dolhinow an, der Oberst der Gendaemerie und der Vizegouverneur sind auch daselbst angekommen. Es sind viele Verhaftungen vorgenommen worden. Bon Samuel Bert hold Nosner. (Alle Rechte vorlxhaUcn.) (Fortsetzung.) Unterdessen schritt Rafael mit gesenktem Haupt über den Hof, bittere Gedanken und Gesühle erfüllten ihn. Er war schon in der Nähe der Thür angelangt, als er sich leise beim Namen nennen hörte: ״Herr Vergbach!" Er blieb stehen und wendete sich um: Ella, war die Ruferin. Damit man sie vom Hause aus nicht wahrnehmen könne, hatte sie sich hinter einem

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