Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 19 (1886)
- Issue
- Heft 28 (15.7.1886)
- Article
- Zur russischen Judenfrage
- Date
- 1886-07-15
- Page
- 438 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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438 war jedoch schon der Keim ihrer Verkümmerung. Man überwies den jüdischen Kolonisten höchst unangemessene Ländereien zu wett den Werth übersteigenden Preisen. Kaum begonnen, sanken sie in Elend und Noth. Als Kaiser Nikolaus den Stand der Kolonien untersuchen ließ, schoben die Organe selbstverständlich alle Schuld auf die Juden. Der Kaiser schenkte aber diesen Be- Hauptungen wenig Glauben und erließ (1835) neue und anscheinend geeignetere Verordnungen für das Kolonisationswerk. Das klägliche Schicksal der ersten Ansiedler mochte aber die Inden abschrecken, es von Neuem zu wagen. Da lenkte der Finanzminister Graf Kankrin die Aufmerksamkeit des Kaisers auf Sibirien als das geeignetste Feld für die Anlegung jüdischer Ackerbau-Kolonien. Dieser Vorschlag fand den kaiserlichcn Beifall in so großem Maße, daß unverzüglich an dessen Verwirklichung gegangen werden sollte. Im Jahre 1836 erging der Befehl, im Gebiete von Omsk und Twersk 15154 Desjatin (1 Desj. — 109'/4 Ar) für diesen Zweck anzuweisen. Dieses Projekt erregte eine kaum zu beschreibende Begeisterung unter den Juden. In kürzester Frist hatten sich 990 jüdische Familien für die Kolonisation gemeldet. Nach dem Erlaß vom 27. Oktober 1836 sollte diesen Lebensmittel und Unterstützungen während der Neise nach derselben Norm gewährt werden, welche für jüdische Soldaten gelten. Jede Familie sollte von der Regierung unentgeltlich I5DeSjatin guten Ackerlandes, die nöthigen Geräthschaften, Sämereien u. s. w. erhalten. Vergebens harrten die Juden des Befehls, für den Abmarsch, zu welchem sie sich bereit gemacht hatten. Da traten mehrere hundert Familien die über eigene Reisemittel'verfügten, die weite Reise an. Aber plötzlich und unerwartet (5. Januar 1837) kam der Befehl: ״die Uebersiedelung der Juden nach Sibirien wird eingestellt." Man hatte sich inzwischen anders besonnen und wollte die Ansiedelung in Süd» rußland fördern. In Folge dessen wurden alle auf dem Wege nach Sibirien befindlichen Juden aufgegriffen, eingespcrrt und später ״als Verbrecher leichterer Klasse" ״immer je zwei der männlichen resp. weiblichen Arrestanten mittelst Handschellen" an einandergekettet zu Fuß Hunderte von Meilen nach Cherson tranSportirt! Das war das Loos der auf den Kaiser bauenden freiwilligen jüdischen Pioniere der sibirischen Kolonisation; Wie viele Menschen hierbei nmS Leben kamen, entzieht sich der öffentlichen Kenntniß. Indessen rückten die Vorbereitungen für die Ansiedelung in Südrußland' auch keineswegs von der Stelle. Die Minister Bludow und Kisselew wünschten solche zu beschleunigen, der Generalgouvernenr Woronzow aber widerstrebte. Kaiser Nikolaus mußte erst in Lithanen sich von der Armuth und dem Elend der Juden überzeugen und mir eigenen Augen das Unglück gewahren, in welches die als Kolonisten angemeldeten Juden durch dieses ganze Verfahren gestürzt waren, mußte erst ihre rührenden Bitten und Klagen selbst vernehmen, um die jetzt projektirte Kolonisation nach Südrußland in Gang zu bringen. Die beiden Gouverneure von Lithaucn und Smolensk, Dolgorukow und Diakow, entwarfen ..eine herzzerreißende Schilderung der Nothlage, in welcher sich fast alle als Kolonisten angemeldeten jüdischen Familien befanden, und meldeten, daß zunächst die Ueberführung von 1467 dieser in ihren Gouvernements lebenden Fainilien, welche 7709 Köpfe zählten, und sich im grenzenlosesten Elend befänden, nach Cherson dringend geboten sei. Allen diesen Familien müßte, da sie nachweislich unschuldigerweise die Opfer der Sistirung des sibirischen Kolonialprojektes geworden seien, die StaatSuntcrstützung von 600 Rubeln pro Familie bewilligt werden — — und es sei sicher anzunehmcn, daß sie sich als Ackerbauer redlich und rechtlich von ihrer Hände Arbeit ernähren würden."*) In gleicher Weise erfolgten auch aus anderen Gouvernements Berichte. Die Juden erhofften von der Kolonisation eine günstige Wendung ihrer Verhältnisse und drängten sich in freudiger Erregung zn derselben. Der Streit zwischen Kisselcw und Woronzow über diese Kolonisationsfrage hatte zur Folge, daß der kaiserliche Befehl noch zwei Jahre lang nicht zur Ausführung gelangte. (Schluß folgt.) Mandelungt«. von Friedrich Rott. . V. . ״ Nachdruck verboten. (Fortsetzung.) Aber er wandte sich nicht um, er eilte vielmehr zu ihr und warf sich ihr zu Füßen. ״Tirza!" rief er, ihre Knie umklammernd, ״Du hast Recht, ich bin ein Elender, aber was ich gcthan habe, ich that eS nur aus Liebe zu Dir — erbarme Dich meiner! — verzeihe mir!" ״Lass' mich!" schrie sie, ״lass' mich!" voll Abscheu sich seiner Berührung erwehrend. Langsam erhob er sich. ״Ich verdiene Deinen Haß," sprach er schmerzlich seufzend, ״denn ich habe schwer an Dir gcfrevelt. Aber es giebt kein Unrecht, das nicht durch aufrichtige Neue zu sühnen wäre — und mit meinem ganzen Leben will ich sühnen, was ich an Dir verbrochen." Sie mißverstand ihn. ״Was willst Du thun?" fragte sie. *) Seite 86.