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Jeschurun · 1886-07-08 · Heft 27 (8.7.1886) · p. 431

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Journal
Jeschurun
Volume
19 (1886)
Issue
Heft 27 (8.7.1886)
Article
Erkannte Irrungen
Date
1886-07-08
Page
431 (sequence 2)
Language
German
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431 Die possirliche Geschichte gereichte der ganzen tapferen Gesellschaft zur großen Belustigung, eS wurde im Chore herzlich darüber gelacht. Rafael mußte seine ganze Willenskraft zusammennehmen, um sich vor dem untergeordneten Menschen von seinem verletzten Ehrgefühle, daö sich wie ein vcrwunderer Löwe gebcrdete. nicht hinreißen zn lassen, aber nur zum Tchcil gelang es ihm. Oie Worte, die in ihm aufschricn. die nichtige Verlockung, diesen ossenkundigen Schimpf zu vergelten, welche sein ganzes Wesen packte, vernrochte er zu unterdrücken, er konnte aber nicht die finsteren Strahlen verhüllen, welche seinen Augen enlsprühtea und die Kreidefarbe, die sein Angesicht überzog. Er entfernte sich aus dem Vorzimmer und suchte die Zofe der gnädigen Frau ans. ״Melden Sie mich Ihrer Herrschaft," sagte er zu dieser. Die Zofe suchte mit den Augen den Boden und mit jenem vielsagenden, impertinenten Lächeln, mit welchem diese eitlen Katzen in Menschengestalt zu verrathcn pstcgcn, daß ihre Worte und Handlungen die diplomatischen MaSkirungen irgend eines Boudoir- Mysteriums sind, antwortele sie lispelnd: ״Die gnädige Frau sind bei der Toilette." ..Und der Herr GerichtSrath?" Wieder dasselbe Lächeln: ״Sind nicht zn Hanse." Rafael wußte genug. Er wankte noch einmal in das Vorzimmer des Rittmeisters zurück. ״Ich appcllire an Ihre Soldatenehre," schrieb er hier auf eine dritte Visitenkarte, ״und mit Bcrnfnng auf dieselbe ermahne ich Sie, von Ihrer heutigen Wette abzustchen!" Diese Karte hatte mehr Erfolg, als die beiden vorangegangenen, sic erreichte das, was den anderen nicht gelungen war: sic bewog Franz von Colmar, in das Vorzimmer herauSzukommen. Als er nämlich den Inhalt der Karte gelesen hatte, sprang er säbelrassclnd, sporcnklirreud und einen markigen Nciterfl.ich ansstoßend, ans und stürzte in daö Vorzimmer; in diesem befand sich aber Niemand mehr als der Bursche. Franz, von Colmar kehrte mit einer drohend gefalteten Stirne zu seinen Trinkgenossen zurück. ״Impertinent!" rief er mit dem Tone tiefster Entrüstung. ״Ich werde dem unverschämten Burschen beibringen, was cö heißt, in einem solchen Tone zu einem Colmar und einem kaiserlichen Offizier zn sprechen und sich in dessen private Angelegenheiten zu mischen." ״Bah," sagte ein Oberlientcnant mit wegwerfender Geringschätzung, ״Du thust Unrecht, Dich so ernstlich darüber aufzuhalten. ES ist wahr, cS ist im höchsten Grade ärgerlich, wenn ein arroganter Jude mit Außerachtlassung aller gesellschaftlichen und sozialen Schranken sich einem so auf den Hals drängt, aber ernst würde ich die Sache dennoch nicht nehmen, ich würde sie vielmehr als ein dankbares Sujet zu einer sehr ergötzlichen Komödie ansehen. Wenn es Dein Stand und Deine gesellschaftliche Stellung gestatt-en sollten, ihn für satissaktionsfähig zu betrachten —״ ״Gewiß gestatten sie das," warf ein etwas älterer ernsterer Hauptmann ein, ״ja, sie gebieten eS sogar. Du mußt ihn entschieden fordern, denn diese Leute wissen aus solchen Vorfällen durch tendenziöse Entstelluugeu Kapital zu schlagen. Schon mancher Ehrenmaun wurde in ähnlichen Fällen durch auSgestreute Verdächtigungen in ein schiefes Licht gerückt. Man darf solchem Gesindel nicht die geringste Handhabe gegen sich in Händen lassen, man muß ihnen auch den geringfügigsten Posten sofort qniitiren, sonst macht man sic dreist, und sie werden noch unverschämter als sie gewöhnlich sind." ״Ei," rief der Oberlieutenant wieder mit jovialer Freude, ״Da haben wir ja die Komödie! Du forderst ihn auf Säbel und schlägst ihm zum Souvenir die Nasenspitze ab. Du verstehst ja diese Operation wie ein anSgelernter Bader." ״Ja." lachte ein Anderer, ״damit er ein ewiges mene teM vor Augen habe, künftig nicht in Alles die Nase zu stecken." Es wurde in dcrMunde gelacht. ״Ich glaube aber," bemerkte der Hauptmann, ״daß dieser Zwischenfall die Wette in ein neues, für Dich ungünstiges Stadium gebracht hat. Die Wette scheint für Dich verloren-" ״Wieso?" ..Weil ich cs für wahrscheinlich halte, daß der Mensch nun sich in die Villa begeben und dort Alles verrathe» wird." ״Das ändert au der Sache nichts." ״Wie? WaS?" tönte es zweifelhaft und erstaunt durcheinander. ״ES scheint mir, daß Du hierin denn doch ein wenig zu viel Vertrauen in Deine guten Sterne setzest," wandte der Hauptmann halb scherzhaft und halb bedenklich ein. ״Um keines Haaresbreite zu viel," sagte Franz entschieden und selbstbewußt. ״Ich kenne meine Leute' zu gut. als daß ich mich irren sollte. Wenn er wirklich so blöde wäre, das zu thun, so wird er den Botenlohn in einer kalten Abweisung finden. Sie werden ihm nicht glauben." Herr von Colmar kalknlirte sehr richtig, nur das Eine vergaß cr, daß die Begründung dieses Kalküls die größte Injurie cinschloß, die ihm je ein Mensch׳ zuschtcndcrn konnte. Allerdings war eS anzunehmen, daß die Nachricht von dieser Wette überall auf Unglauben stoßen werde, denn — wer sollte den hochadeligen Franz von Colmar, den gebildeten Mann, den Offizier einer ähnlichen Erbärmlichkeit fähig halten?! (Fortsetzung folgt.)

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