Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 19 (1886)
- Issue
- Heft 27 (8.7.1886)
- Article
- Deutschland : Hannover [Nachricht]
- Date
- 1886-07-08
- Page
- 426 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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426 Hände arbeiten. Die städtischen und ländlichen Polizeibehördcn setze ich hiervon mit dem Ersuchen in Kcnntniß, gegen dieses Treiben eventuell einzuschreiten."- ״Eines Kommentars bedarf dieses Namensverzeichniß nicht," bemerkt hierzu die ״Kreuzzeitung". Wir nehmen von dieser amtlichen Bekanntmachung, die eine ganze Anzahl Personen mit entschieden jüdischen Namen des schändlichsten Gewerbes bezichtigt, mit schmerzlichstem Bedauern Kcnntniß. Der hämischen Bemerkung der ״Kreuzzeitung" gegenüber aber sprechen wir es aus, daß das schmähliche Gebühren eines Dutzend Juden so wenig mit der ״Jndenfrage" etwas zu Ihn 11 hat. wie deren christliche Gewerbsgenossen etwas mit demChristenthum. Wir möchten aber alle jüdischen Kreise ans diesem Anlässe dringend gebeten haben, den ganzen Einfluß aufzubicten, um die Glaubensgenossen von der Betreibung eines so schamlosen Gewerbes abzuhalten. 0. Berlin, 2. Juli. Die folgende Auslassung der ״Kons. Korresp׳" ist gewiß sehr beachtenswerth. Nachdem der Zweck der lauten und etwas sehr massiven für die große Menge berechneten Agitation seit Jahren nicht erreicht werden konnte und das ״Volk" sich nicht gegen die Juden aufreizcn ließ, scheint man jetzt an die stillere Arbeit gehen zu wollen, welche nicht von der Masse des Volks geleistet werden kann. Beschränkung der Rechte der Juden, so nennt sich anscheinend das neue antisemitische Programm. Konservativ kann man eS meines Erachtens allerdings nicht nennen, viel eher revolutionär. Denn Bestrebungen zur Umgestaltung der Verfassung scheinen immerhin revolutionärer Art zu sein. Die ״Kons. Korresp." schreibt: .,Blatter, von der ״Vornehmheit" des Berliner ״Kleinen Journals" frohlocken über den ״Rückgang des Antisemitismus" in Deutschland, wie er LheilS durch das Eingehen verschiedencr Organe, theils durch das Verschwinden gewisser Personen vom Schauplatz bekundet werde. In sofern es sich dabei um den lärmenden Antisemitismus der Masse handelt, ist das richtig; wir bedauern -aS aber nicht, weil wir diese Erscheinungsform der gegen das Judenthum herrschenden Abneigung von jeher nur für eine vorübergehende gehalten haben, wie sic der naturgemäßen Unklarheit der Anfangsstadien jeder Bewegung entspricht. Das Berechtigte des Antisemitismus kann niemals in der Leidenschaft der Worte liegen, mit denen man die Juden augrcift, sondern nur in dem Ernst der That, den man dem nachtheiligen sozialen und politischen Einstusse derselben entgegensetzt. Diese Erkcnntniß ist im Wachsen, und eben das bedingt das Verschwinden derjenigen Organe und Persönlichkeiten, welche ihrerseits an der alten Auffassung festhalten wollten, indZm sie diese für die allein berechtigte erklärten. Dieser Prozeß ist durch d»s heißspsrnige Drängen einiger meist sehr jungen Agitatoren auf die Bildung einer eigenen antisemitischen Partei befördert worden. Wenn Uebereinstimmung in einem einzelnen Punkte hierzu ausreichend wäre, könnte es einer solchen Partei an Zulauf allerdingS nicht fehlen, sic würde sogar die zahlreichste in ganz Deutschland sein. Damit ist es aber nicht gethan. Die Jndenfrage ist immerhin doch nur eine unter vielen anderen Fragen, und selbst in dieser cinen Frage herrscht keineswegs die nöthige Einigkeit. Die Antisemiten, wenn sie praktische Politik treiben wollen, müssen sich deshalb unter die Parteien vertheilcn, denen sie ihrer sonstigen Anschauungsweise nach zugehören, um dort dem Judenthum mit der That, nicht mit Worten, entgegenzutreten, und vor allem mit der sozialen That, und zwar damit, daß sie die korporative Gliederung des Volkes zu befördern bestrebt sind. Was wir an dem Semitmthum bekämpfen, ist nicht sein Dasein: das menschliche Recht wollen wir Niemandem verkümmert sehen, — sondern den Mißbrauch, den es mit seiner wirthschaftlichcn Ueberlegenheit treibt, die ihm durch die manchesierliche Atomiflrung der heutigen Gesellschaft unendlich viel leichter gemacht wird, als sie es durch die korporative Geschlossenheit des Mittelalters geschehen konnte. Mit der wirthschaftlichcn Ueberlegenheit hängt die ans allen anderen Gebieten des öffentlichen wie auch des privaten Lebens aber eng zusammen. In einer Zeit, die im Allgemeinen sehr wenig Sinn für Pietät besitzt, muß das Geld naturgemäß eine Macht gewinnen, der am letzten Ende nichts mehr widerstehen kann. Es bleibt deshalb kein anderer Ausweg, als das sich die kleinen Wirthschaftskörper, von denen jeder einzelne aber sehr wenig Geld besitzt, zu großen zusammenthun, die als solche auch ihrerseits bedeutende Kapitalkraft besitzen. Wahrend der einzelne Handwerker oder Laudwirth dem Kapitalbesitz gegenüber ohnmächtig ist, kann derJnnungsverband oder die Genossenschaft den Kampf schon auf« nehmen. Hier steckt, praktisch genommen, der Kern der Jndenfrage, und daraus erklärt sich die außerordentliche Heftigkeit, mit welcher der gesammte semitisch angehauchte Liberalismus die Sozialrcform bekämpft. Was folgt daraus? Daß der Antisemitismus, von allen! äußeren Lärmen gegen die Inden absehend, seine ganze Kraft auf die Beförderung -er Sozialreform im Sinne der Kaiserlichen Botschaft vom l7. November 1881 konzentrircn muß. Wir sagten aber schon, daß in dieser Richtung ein unverkennbarer Fortschritt bemerkbar ist. Das ״Kleine Journal" hat mithin - durchaus keinen Grund zur Freude." -a- Berlin, 4. Juli. Die ״Kreuzzeitung" begnügt sich nicht damit, in dem sozialdemokratischen Abgeordneten Singer den Sozialdemokraten zu bekämpfen, sie findet vielmehr, wie .sie gestern schreibt, in ״ihm die Verquickung der Sozialdemokratie mit dem Judenthum,"