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Jeschurun · 1886-07-08 · Heft 27 (8.7.1886) · p. 424

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Journal
Jeschurun
Volume
19 (1886)
Issue
Heft 27 (8.7.1886)
Article
Wandelungen
Date
1886-07-08
Page
424 (sequence 2)
Language
German
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424 verlaß Dich auf mich, wird er Dein Zimmer nicht betreten." ״Ich will Alles thun, um nur rasch wieder zu Kräften zu kommen — und dann, sobald ich mich nur aufrecht halten kann, will ich fort! — fort!" ״Fort?" fragte die Alte, ״und wohin wolltest Du?" ״Mutter," flüsterte Tirza. während das Blut ihr in die Wangen trat, ״ich bin Werners angetraute Gattin — glaubst Du, daß er mich zurückstoßen wird?" ״Werner?" wiederholte die Greisin bebend. Erst jetzt traten dieentsetzlichen Folgen des ent» deckten Verbrechens klar vor ihre Augen. — Es war ja wahr, Tirza war Werners angetraute Gattin — und wenn sie sich nun zu ihm wandte, so mußte das Verbrechen ihres Sohnes offenbar werden. — Dann mußten auch die Behörden einschreiten gegen den entlarvten Betrüger, den Ehebrecher. — O! o! und er war ihr Sohn! Kraftlos sank ihr Haupt auf ihre Brust. — Vergebens wartete Tirza aus Antwort. ״Mutter," flüsterte sie endlich besorgt, ״ist Dir nicht wohl?" Die Alte regte sich nicht; ob sie eingeschlafen war? Auch die Kranke schloß erschöpft die Augen. Mit angehaltenem Athem lauschte Müller im Vorzimmer, eine Viertelstunde verstrich, er hörte nichts als die unregelmäßigen Athemzüge der Kranken. Eine unheimliche Ahnung übersiel ihn, ein Blick in das Krankenzimmer überzeugte ihn, daß Tirza die Augen noch geschlossen hatte, während seine Mutter in unnatürlicher Haltung im Sessel kauerte, ihr Kopf hing über die eine Seitenlehne des Fauteuils. Rasch entledigte er sich seiner Stiefel und schlich unhörbaren Schrittes zum Bette. Er hob die Mutter mit starkem Arm empor und trug sie hinaus. Draußen aber mußte er innehatten, er hatte nicht geahnt, daß die alte Frau so furchtbar schwer. Er suchte sie zu erwecken, rief seine Leute herbei, stellte alle möglichen Wiederbelebungsversuche an — doch umsonst, die alte Mütter war heimgegangen. Wochen waren verstrichen; Tirza hatte das Krankenlager noch nicht verlassen. Die grauenvolle Entdeckung deö an ihr verübten Betruges, der Tod ihrer ehemaligen Schwiegermutter, an der sie mit der Liebe einer Tochter gehangen, deren letztes Liebeswerk ihr gegolten hatte — dieses Alles drohte mit zerstörender Macht ihre Gesundheit vollends zu untergraben. Endlich siegte jedoch: ihre Jugendkraft und ihr glühendes Verlangen nach Genesung. Zum ersten Mal hatte sie LaS Vrtt verlassen, um. einige Stunden, im. Lehnsessel zuzubringen. Der alte theilnehmende Arzt, der ihre düstere Verschlossenheit dem Zerwürfnisse mit dem vermeintlichcn Gatten zuschricb, forderte diesen auf, nun endlich - Schritte zur Versöhnung zu thun und sich reuevoll der Gattin wieder zu nahen. ״Ich habe sie schwer beleidigt," erwiderte Müller, ״wäre nicht zu fürchten, daß die Erinnerung daran und die dadurch unvermeidliche Gemüthserregung ihre Genesung abermals verzögern könnte?" ״Ich hoffe nicht," versetzte der Arzt, ״und verspreche mir vielmehr von Ihrer gegenseitigen Versöhnung einen heilsamen Erfolg. Ich würde meine Vermittelung anbieten, aber zwischen Mann und Frau soll sich kein Dritter drängen. Also versuchen Sie getrost Ihr Heil." Müller versprach'-, hatte er sich doch bisher nur mit übergroßer Selbstüberwindung von ihr fern gehalten. Aber er gab sich keinen Illusionen hin. Zwar hatte er geschworen, sie nicht von sich zu lassen, um keinen Preis!. — Aber er wußte, daß es einen hatten Kampf kosten werde. Er wartete, bis er ihre Pflegerin außerhalb ihres Zinuners traf und erst dann, als er sie allein wußte,- begab er sich zu ihr. Er hatte sorgfältig Toilette gemacht, seine ohnehin einnehmende Persönlichkeit noch zu heben. Seine Kleidung glich in Schnitt und Farbe derjenigen, die sein Bruder zu tragen pflegte. Tirza saß im Lehnsessel, der Thür den Rücken zugewandt, so war eS ihm möglich, das Zimmer zu betreten, ohne von ihr bemerkt zu werden. — Vorsichtig schob er den Nachriegel vor, denn er mußte um jeden Preis verhindern, iu den Erörterungen mit ihr belauscht zu werden. Langsam, doch absichtlich nicht ganz geräuschlos, trat er näher. Tirza wandte sich nicht um, und so vermochte er ungestört einige Minuten in ihrem Anschauen zu verharren. . O. wie war sie noch so wunderbar schön, —* selbst die langwierige Krankheit hatte ihrer Schönheit keinen Eintrag gethan. Seine Pulse klopften, er glaubte sie müße eS hören — unwillkürlich hoben sich seine Arme, sie zu umschlingen, doch er wußte es, sie würde ihn von sich stoßen, und wollte er nicht unwiederbringlich Alles verlieren, so mußte er vor allem sich selbst beherrschen. ״Tirza!" sprach er halblaut. Erschrocken fuhr sie zusammen und richtete sich auf; Abscheu und Entsetzen sprachen aus ihren Blicken. ״Elender!" stammelte sie ״fort, hinaus!" (Fortsetzung folgt.)

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