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Jeschurun · 1886-07-08 · Heft 27 (8.7.1886) · p. 423

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
19 (1886)
Issue
Heft 27 (8.7.1886)
Article
[Rezension] / X.
Date
1886-07-08
Page
423 (sequence 2)
Language
German
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423 und im Gegensatz zu der mit Ostentation betonten angeblichen Ausschließung der ״religiösen Krage", der Deutsch-Israelitische Gemeindebund auch hier wieder im Gegensätze zu dem gesetzeötreuen Jndentl-um für die Reform wirkt. X. Mandeluilgen. von Friedrich Nott. (Nachdruck verboten. (Fortsetzung.) Der Arzt schaute ihn forschend an. ״Wenn meine Vermuthung richtig ist, wenn Sie in Wirklichkeit den Rückfall Ihrer Frau verschuldet haben, so muß ich darauf bestehen, daß Sie sich vorläufig ihr nicht zeigen." So sehr ihn die unhöfliche Sprache des Arztes verletzte, so glaubte er doch wohl zu thun, ihn bei seiner Meinung zu lassen. ״Ich werde im Vorzimmer verweilen," sprach er leise. Der Arzt zuckte die Achseln und entfernte sich. Müller begab sich in Wirklichkeit in das Vorzimmer, das an das Krankenzimmer stieß. Er legte das Ohr an das Schlüsselloch und lauschte. — Alles war still. — Leise drückte er die Thürklinke nieder, trat zurück und stieß nun von der Seite die Thüre auf, die sich unhörbar in ihren Angeln drehte. Nun konnte er die Kranke beobachten, ohne von ihr bemerkt zu werden. Tirza hatte die Augen geschlossen, regungslos lag sie da — wenn sie stürbe! o, wenn sie stürbe! — wie würde er eS ertragen können? — er liebte sie doch noch immer mit furchtbar dämonischer Leidenschaft. Aber wenn sie nun am Leben blieb und sich nicht wiedervon seiner Lüge täuschen ließ?— Hölle und Teufel! sie war sein, — sein durch die Macht der Thatsachen, sein Kind hatte unter ihrem Herzen geruht׳ — nimmer, nimmer würde er sie lassen. — Unheimlich rollte sein Auge, mühsam hob sich seine Brust. Er nagte in ohnmächtiger Wnth an den Nägeln seiner Finger, aber er verhielt sich lautlos, und das treue Mädchen, das dort am Bette ihrer Herrin beobachtend weilte, hatte keine Ahnung von seiner Gegenwart. Eine Viertelstunde mochte so verstrichen sein, Tirza hätte sich nicht ein einziges Mal geregt. Da ward die Thür dcS Vorzimmers geräuschlos geöffnet, und, gestützt auf zwei junge Mädchen, die im Hause bedienstet waren, trat die blinde alte Frau, die Mutter des Löwenwirthes, in das Zimmer. Müller fuhr erschrocken auf, was wollte seine Mutter hier? Weshalb hatte sie die für sie so sehr beschwerliche Stiege überschritten? — hatte am Ende doch das Mitleid mit dem Sohne den Sieg davon ' getragen über ihre strenge Moral? — er glaubte es hoffen zu dürfen und athmete erleichtert auf. Doch er beschloß, wenn irgend möglich, der Mutter seine Gegenwart nicht zu verratken. Schweigend deutete er auf die schlafende Kranke und winkte den Mädchen, geräuschlos sich zu verhalten. ״Frau Mütter schläft," flüsterte die Eine. ״So laßt uns leise sein, ganz leise," entgcgnete die Blinde im selben Ton. ״Führt mich dicht zum Bette meiner Schwiegertochter, stellet mir dorthin einen Sessel, und dann entfernt euch. Wer ist bei der ' Kranken? ״Die alte Kati, die sie immer pflegt." Die Mädchen vollzogen die Befehle der Greisin, aber doch nicht ganz ohne Geräusch. Tirza schlug diel Augen auf und glaubte im ersten Moment, ihnen - nicht tränen zu dürfen, als sie die Blinde an ihrem Bette gewahrte. ״Mutter!" flüsterte sie, ״Mutter!" - *־--־ ״Ach, Du wachst, liebes Kind! — wie geht eS Dir, meine Tochter?" Tirza erwiderte nichts, aber sie drückte die Hand der Blinden an ihre Lippen. ׳ h ״Kati," sprach die Alte, ״ich möchte mit'meiner Schwiegertochter allein bleiben, gehe Du hinaus, sobaldwir Deiner bedürfen, läute ich." Die Dienerin stellte die Handschelle in den Bereich' der Blinden und entfernte sich. . ׳ י ״Sind wir allein, mein Kind?" ■ ״Ich sehe keinen Menschen." Vorsichtig tastete die Blinde nach der Stirnber;; Kranken und legte prüfend ihre Hand darauf. -^,Wie geht es Dir, meine Tochter?" : י',־ ׳־• Aber Tirza erwiderte abermals kein 'Wort, eilttiefer schmerzlicher Seufzer war׳,׳ ihre Antwort. ‘,ן ״Mein armes, arme« Kind," fuhr die Alte Nichts ohne Anstrengung fort, ״ich bin zu Dir gekommen, meine Tochter, weil ich mir dachte, eS würde Dir^ wohl thun, einen Menschen bei Dir zu habengegen - den Du Dich aussprechen kannst." ״Dank Dir, meine liebe, gute Mutter," stammelte Tirza, ״Du bist so gut — 0, so gut! -- Du bist ja auch die Mutter meines unvergeßlichen Max." ' . ' ״Leider bin ich auch Moritzens Mutter," seufzte! die Alte. - ״Sprich nicht von ihm!" fuhr Tirza aus, ״er—:ן ec — 0, Mutter! Mutter! — schütze mich vor ihm׳! — ich kann ihn nicht sehen." Zitternd umklammerte sie die Hand tor Blinden.-'. ״Beruhige Dich, Kind," bat die Greisin, lieb--! kosend die Wangen ihr streichelnd,'-״trachte nur -vor Allem, wieder kräftiger zu werden und bis dahiri ׳

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