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Jeschurun · 1886-07-08 · Heft 27 (8.7.1886) · p. 422

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Journal
Jeschurun
Volume
19 (1886)
Issue
Heft 27 (8.7.1886)
Article
Zur russischen Judenfrage
Date
1886-07-08
Page
422 (sequence 2)
Language
German
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:422 ausgeplündert. Unter Anna und Iwan wehte abwechselnd ein günstiger und ein schärferer Wind. Elisabeth aber war eine konsequente Feindin der Juden. Ebenso schloß die große Katharina von allen Privilegien und Erleichterungen immer die Juden aus. Unter Paul war eS nicht besser. Die Juden wurden durch ein Stencr-AuSpressnngSsystcm an den Bettelstab gebracht und führten eine klägliche Existenz. (Fortsetzung folgt.) Merschan. Zeitschrift für die Geschichte der Inden in Deutschland. Herausgegeben von Professor Dr. Ludwig Geiger. Band 1. — Heft 1. Brauuschweig, C. A. Schwetschke & Sohn. 1886. Wir haben in diesem Hefte das erste Werk der von dem Deutsch-Israelitischen Gemeindedun de berufenen ״Historischen Kommission" vor uns. Das Unternehmen, zu welchem aus Anfordcrn des GenieindebundeS auch einzelne jüdische Gemeinden namhaste Beiträge beisteuern, hat in seinem Programm ausgesprochen, daß eS Abhandlungen und Forschungen, Mittheilungen von ungedruckten oder schwer Zuganglichcn historischen Materialien (Urkunden, Briefen, kleinere geschichtliche Darstellungen), u. s. w. bringen will. ES wird ferner nachdrücklich betont, daß die Zeitschrift ״von vornherein jeden Bersuch abwcisen wird, in die politischen oder religiösen Fragen der Gegenwart einzugreisen." Nach der hier vorliegenden ErstlingSarbcit dieser ״Historischen Kommission" ist man aber im hohen Grade erstaunt, gleich durch die erste Gabe ״Moseö McudelSsohn und das Judenthum von Dr. Jakob Auerbach" mit einer Schrift überrascht zn werden, welche, wert entfernt, ״nicht in die religiösen Fragen der Gegenwart einzugreifen", geradezu entschieden die vitalste Frage der Gegenwart berührt. Wir wollen hiermit keineswegs gegen den Verfasser deS Aufsatzes einen Vorwurf erheben, wohl aber gegen die Ncdaktoren, welche ihrem Programme auch nicht einen Augenblick treu geblieben sind, insbesondere aber gegen den Deutsch- Israelitischen Gemeindcbund, welcher auch mit diesem seinem neuesten Werke, im Gegensätze zu seiner Vcrsicherung, sich in den Dienst der Reform stellt und für die Förderung der Reform allgemeine Mittel verausgabt. Der Verfasser polemisirt am Schlüsse seiner Abhandlung gegen Mendelssohn in folgender Weise: ״Mendelssohn hatte alle Ritualgesctze ohne Unterschied für dauernd verbindlich erklärt. Können wir aber annehmen, daß Gesetze, welche nicht zu allen Zeiten ihrem Zwecke dienen, zu allen Zeiten gelten sollen? Reicht die Scheidung der alten Gesetzeslehrer zwischen den Gesetzen, die nur in Palästina zu beobachten waren, und denen, die auch außerhalb dieses Landes Geltung haben, auch für gänzlich umgcstaltcte Verhältnisse noch aus, und muß nicht eine neue und schärfere Unterscheidung vorgcnommen werden? DaS Wesen der Religion muß unverändert bleiben, aber gerade um ihretwillen und nicht aus Leichtfertigkeit und Bequemlichkeit traten Männer im Judenthum auf, die eine entschiedene Reform forderten. Das Judenthnm hat gewiß Institutionen, deren Bedeutung niemals aufhören wird. Eine solche Institution ist z. B. das Gesetz des wöchentlichen Ruhetages, diese nnschätzbare soziale und religiöse Wohlthat, welche die zwilisirte Welt dem Judenthum zn. verdanken hat; von einem solchen Gesetze, welches an und für. sich und in allen Fällen seinen Zweck erfüllt, kann man sagen, daß der göttliche Gesetzgeber es für alle Zeiten bestimmt hat. Nicht aber vom ganzen ״Zeremonialgcsctz", mit welcher an und für sich nicht passenden Benennung Mendelssohn alle Religionsgcsctze bezeichnet hat, - ohne auf den von ihm gewiß nicht verkannten wesentlichen Unterschied auch der noch gellenden biblischen Vorschriften aufmerksam zu machen. Die neuere, mit Leopold Zunz beginnende Wissenschaft des Jndenthums erkennt nach der Auffassung Abraham Geigcr's in der Tradition das Prinzip des lebendigen Geistes und des Fortschritts nach veränderte» Verhältnissen und leitet aus ihm die Berechtigung zu der von Vielen erstrebten Umgestaltung her, wie sie in unserer Zeit unabweiölich geworden ist und thcilweisc auch schon begonnen hat. Die Wissenschaft hat sich die Aufgabe gestellt, die Grundgedanken des Jndenthums in ihrer Tiefe zn erfassen, und darauf hinznwirken, daß jeder Zwiespalt zwischen Leben und Ucbcrzcngung aufhörc. Die Männer dieser Richtung kämpfen aufs Entschiedenste gegen die durch äußeren Formcndicnst entstehende verderbliche Werkheiligkeit, fordern überall volle innere Wahrhaftigkeit, wie sie dem Geiste und der Geschichte deS Jndenthums entspricht, und dringen auf Beseitigung aller Mißbräuche und veralteten Formen. Die Neformbestrcbuugen im heutigen Judenthum setzen das Werk Mmdelsohn's fort und sind in seinem Geiste dahin gerichtet, den alten Gegensatz zwischen prophetischem und gesetzlichem Judenthnm von Grund ans zn überwinden." Wir fragen: kann man eifriger für das Prinzip der Reform cinstchen? Wie bereits erwähnt, wir wollen hier mit dem Verfasser darob nicht rechten. Wohl aber verdient eS nachdrücklichst bemerkt zu werden, daß im Gegensatz zu dem ausgegebenen Programm

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