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Jeschurun · 1886-07-08 · Heft 27 (8.7.1886) · p. 421

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
19 (1886)
Issue
Heft 27 (8.7.1886)
Article
Die "Revue des deux Mondes" über Drumont's Pamphlet [Rezension]
Date
1886-07-08
Page
421 (sequence 2)
Language
German
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421 daß sie eS ganz sind. Man kann ihnen keine Arbeit und Lasten zumuthen und ihnen den Mitgcnnß an deren Ertrag streitig machen. Sie sind Burger desselben Vaterlands. Mag man der Meinung sein, daß sie gleich allen übrigen Bürgern dahin streben, ihre Ziele zu verwirklichen, und dafür weder Geld noch Mühe scheuen — geradeso wie jeder Andere für die seinigen — einen Vorwurf darf man darum nicht gegen sic erheben, geschweige denn es ihnen zum Verbrechen anrechnen. UebrigcnS übertreibe Drumont vielfach, und seine Angaben seien durchaus nicht immer korrekt. — WaS Herr Brunetiere im Uebrigen über Darmstädtcrs Brochüre ,,Coup d’oeil sur Fhistoire du peuplc juif“ und die ״Alliance JSraelite Universelle" sagt, interessirt uns hier heute nicht. ES ist jedenfalls sehr bcmerkeuSwerth. ׳ daß die ״Revue des deux Mondes", welche sich nicht durch Judenfrenndlichkeit auSzeichnet, dennoch den Druniont'schen Standpunkt durchaus verdammt. Air ruWM Indenftage. Eine überaus werthvolle Arbeit ist soeben über diesen Gegenstand unter dem Titel: ״Die jüdischen Kolonien in Rußland. Kulturhistorische Studie und Beitrag zur Geschichte der Juden in Rußland, von Julius Elk", bei Kauffmann, Frankfurt a. M. erschienen. Dieselbe stützt sich auf Berichte in dein russisch-israelitischen Journal ״Woschod" und die eigenen Betrachtungen des Verfassers, dem für diese Bereicherung der einschlägigen Literatur die wärmste Anerkennung gebührt. Wir entnehmen diesem Werke die folgenden Daten. Die verhaltnißmäßig starke jüdische Bevölkerung Rußlands resultirt ans drei Epochen seiner Geschichte: der Eroberung des jüdischen Chazarenreichs (1016), der zwangsweisen Ansiedelung jüdischer Volks stamme im dreizehnten Jahrhundert, der Einverleibung des russischen Polens (!772,!793,! 795). Die Juden waren in Polen in jeglicher Hinsicht der übrigen Be׳ völkcrung gleichgestellt bis!370, da die Piastcu-Dynastie ausstarb. Trotz wiederholter Anregung des Klerus, die Juden zwangsweise zu bekehren, duldeten diese Könige keinerlei Schmälerung der den Juden ein׳ geräumten Rechte. Und ebenso gelang es auch spater nicht, die freundliche Gesinnung des polnischen Volkes gegen die Juden in Haß zu verwandeln. Es herrschte ein herzliches Einvernehmen zwischen den Christen und Juden. Namhafte polnische GeschichLSschreiber rühmen die vortrefflichen Eigenschaften der Juden; namentlich deren strenge Sittlichkeit, innige Frömmigkeit und treue, standhafte Anhänglichkeit an ihr polnisches Vaterland, nicht minder auch den hervorragenden Anthcil, den sie an Förderung des Handels und der Industrie, der Künste und Wissenschaften nehmen Es ist demnach eine Lüge, wenn man die Juden in Rußland als Eindringlinge betrachtet. Sie sind früher, daselbst ansässig gewesen, als ein russisches Reich über- Haupt existirte. Und gleicherweise ist cS eine Lüge, wenn man versuchen möchte, den Juden irgend welche Verschuldungen aufzubürden, um deren heutige Bedrückung zu rechtfertigen. ״Zu allen Zeiten gehörte die russische Judenschaft zu den durch Moralität, Arbeitsamkeit und Loyalität ausgezeichnetsten Bewohnern des Zarenreichs." ״Nichtsdestoweniger .haben alle diese guten, die russische Judenschaft charakterisircuden Eigenschasten niemals beim christlich-russischeu Volke auch nur die geringste Anerkennung gefunden; dasselbe verharrt noch heute in seinem von den Kämpfen mit den Chazaren herstammenden Haß gegen die Juden und läßt dieselben bei jeder nur denkbaren Gelegenheit je nach Umständen seine Abneigung, Verachtung oder offene Feindschaft fühlen." *) Der erste Erlaß der Russen gegen die Chazaren- Juden war das Verbot, bei Todesstrafe das Gebiet von Kiew zu betreten. 1093 hob Großfürst Swhatopolk dieses Verbot ans. Sein Nachfolger aber führte eS sofort wieder ein und ließ alle Juden, die nicht nnverzüglich sich aus dem Bezirke entfernten, verbrennen. — Erst Iwan III. (1462—1505) war den Juden freundlicher gesinnt, sein Nachfolger aber war vom finstersten barbarischen Haß erfüllt und namentlich Iwan IV. (1533—1584) suchte sie ganz auSzurotten. So hatte dieser Aar z. B. nach Eroberung der polnischen Stadt Polvzk (1563) nichts Angelegentlicherezu thun, als allen dort lebenden Juden die Taufe anzubefchlen und sämmtlichc sich hierzu Weigernde in der Düna ersäufen zu lassen. — Unter Alexei Michaelawitsch (1645—1676) ward den: KlcruS die Bekehrung der Juden zur dringenden Pflicht gemacht. Da derselbe aber solches nicht bewerkstelligen. konnte, erschien 1649 ein Dekret, demzufolge die Juden ans ganz Rußland vertrieben werden sollten. Die Folge war die erbarmungslose Austreibung der Juden 1658 aus Kaluga, 1669 aus Wilna, 1676 anS Moskau. Unter den spätere» Negierungen bis Peter den Großen behandelte man die Inden etwas milder. Katharina I. schärfte aber die strikte Beobachtung der grausamen Gesetze wiederum ein, welche v׳sn Peter II. noch verschärft wurden. Unter diesem Zaren wurden die Juden aus der Ukraine, aus Klein-Nußlan- und dem Innern des russischen Reichs Lusgetriebcu und *) Seite 13.

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