Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 19 (1886)
- Issue
- Heft 26 (1.7.1886)
- Article
- Deutschland : Berlin [Nachricht]
- Date
- 1886-07-01
- Page
- 411 (sequence 2)
- Language
- German
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411 unter der zahlreichen Iudenschaft sehr groß sein? Er giebt von seinen Erlebnissen, Erfahrungen und Disputationcn manch artiges Histörchen zum Besten, von welchen wir nur ein köstliches Stückchen, das er ganz naiv erzählt, hier wiedergeben wollen. In einem Orte der Bukowina, (Schade, daß man dessen Namen nicht erfahren kann, um sich näher erkundigen zu können) übte er einst sein frommes Werk aus und machte den Juden die ihnen gewiß funkelnagelneue Wahrheit begreistich, daß das Gebet nur dann bleibenden Segen dringe, wenn man cs mit Andacht spreche. Darauf erwiderte nun ein solcher geistig und sittlich herabgekommener Jude: Da habt Ihr Recht! Ein Gebet ohne Nachdenken ist nichts als eine Null. Nun schaut aber, wir reihen das ganze Jahr solche Nullen nebeneinander, lauter Nullen, denn Ihr mögt Recht haben, daß wir nicht immer mit der ganzen Seele beim Gebete sind, wenn wir beten. Da ist aber der Jom- Kippur, der große Tag der Vergebung und Sühne, da hat jeder Jude vor diese Nullen eine gewaltige wirkliche Eins gesetzt, und da hat denn die lange Nullenreihe einen großen Werth! Diese Antwort als Erweis der geistigen und sittlichen Gcsunkcnheit benutzen zu wollen, ist doch wohl etwas naiv. — Im Ucbrigen behauptet er, daß die Dclitzjche Ucbersetzung des neuen Testaments ins Hebräische bei den Juden in Bcssarabien eine wunderbare Verbreitung finde und eine hosfnungSreichste Bewegung unter den Juden bewirke. Wahrscheinlich hat er hier den Schwindler Joseph Nabiuowitsch im Auge, auf welchen Delitzsch allerdings in rührender Selbsttäuschung große Hoffnungen gesetzt hat, von welchen er aber höchst wahrscheinlich jetzt bereits entnüchtcrt zurückgekommcn ist. 0. Berlin, 24. Juni. Der Reichstag versammelt sich morgen wiederum zu einer nur wenige Tage währenden Zusammenkunft. Die samose Petition der autisemitischen Thierjchntzfrennde wird nicht mehr zur Ler- Handlung kommen. Da die Session alsdann geschlossen wird, so ist nach der Gepflogenheit des Reichstags die Petition sowohl, wie der darüber gefaßte Beschluß der Petitions-Kommission ״Ueberweisung zur Erwägung" hinfällig. Es unterliegt jedoch kann: einem Zweifel, daß der Verband der Thierschutzvcrcine seine Vorstellung in der kommenden Session erneuern wird. Es empfiehlt sich deshalb, ans der Wacht zu stehen, um dem aus eine der wichtigsten jüdischen Institutionen geplanten Angriff zu begegnen. *ji* Frankfurt a. M. Der Vorstand der freien Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judenthums, welche ihren Sitz in Frankfurt hat, besteht aus folgendenden Herren: Rabr. Hirsch-Frankfurt, Nbr. Dr. Auerbach - Haiberfladt, Distriktsrbr. Barnbcrger- Kissingen, Provinzialrbr. D1׳. Eahn-Fulda, Rbr. Dr. Carlebach-Lübeck, Nbr. Dr. Deutsch-Straßburg (Elsaß), Nbr. Dr. Ehrmann-Baden (Schweiz), Nbr. Dr. Kahn- Wiesbaden, Provinzialrbr. Dr. Koref-Hanau. Rbr. Dr. Lehmann-Mainz, Rbr. Dr. Marx-Darmstadt, Nbr. Dr. Plato-Köln, Rbr. Dr. Sänger-Bingen, Nbr. Spitzer-Wien, Buttenwiesen.-Mannhelm, Moses Frenke!- Frankfurt a. M., Selig Goldschmid-Frankfurt a. M., Rechtsanwalt Dr. Hirsch-Frankfurt a. M., Theodor Homburger-Frankfurt a. M., Dr. Königshoser-Fürth, H. Lehmann-Stettin, Georg Marx Königsberg i. Pr., Benjamin RooS-Frankfurt a. M., Emanucl Schwarzschild-Frankfurt a. M. * DErintaVL, 21. Juni. Ein zeitlich schon etwas zurückliegender Vorgang, der erst dieser Tage zu unserer Kenntniß gelaugte, dürfte interessant genug sein, um ihn noch nachträglich in die Ocffentlichkeit zu ziehen. Eine Schnlamtsaspirantin jüdischer Konfession, die die Prüfung mit ״gut" bestanden, hatte sich behufs geneigter Berücksichtigung bei Vergebung von Lehrerinnenstellen an das Ministerium, Abtheilung für Schulangelegenheiten, gewendet. Darauf erhielt sie folgende Antwort: ״An Fräulein so und so. Auf Ihre Eingabe vom 27. v. M. erwidern wir Ihnen, daß zur Ver- Wendung von Schnlamtsaspirantinnen israelitischer Religion im diesseitigen öffentlichen Schuldienste vorläufig keine Gelegenheit gegeben ist. Knorr." Oesterreich-Ungarn. G. Wien, 20. Juni. Es giebt doch noch Leute, welche etwas auf ihre Reputation halten. Die Ritter des Antisemitismus haben die Arbeiter beschuldigt, sie waren von den Juden bestochen und stünden deshalb abseits in dem heiligen Krcuzzuge gegen die Juden. Diesen Flecken wollten die Arbeiter nicht an ihrem guten Namen haften lassen und deshalb versammelten sich ihrer etwa 900 zu Bruck aus den verschiedensten Städten, um dagegen feierlichst und förmlichst zu protestircn. Nach vielen energischen Reden wurde eine Resolution gefaßt, welche u. A. es betont, daß die Arbeiter alle nationalen und konfessionelle:: Hetzereien verdaunnen, daß sie die infame Verleumdung der Schöncrer-Partei zurückweisen und daß sie die ganze antisemitische Bewegung als Volksbetrug erklären. SP. Uns ltrrgarn. Juni. Unserem gesegneten Oesterreich-Ungarn ist einmal fortwährend Antisemitenmusik bcschieden. Schweigen die ungarländischcn Banden, giebt drüben der Abgeordneten Türk sammt Konsorten einige Piecen zum Besten, und zur Abwechslung werden sodann bei uns einige neue Stücke komponirt, die mit kultusministeriellen Erlassen in schöner Harmonie ausklingen. Manchmal verrennen sich unsere Antisemiten so arg, daß sie zum Philssemitismus ihre Zuflucht nehmen