Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 19 (1886)
- Issue
- Heft 26 (1.7.1886)
- Article
- Deutschland : Berlin [Nachricht]
- Date
- 1886-07-01
- Page
- 410 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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410 I verfassungsmäßigem Wege aufheben müsse. Die erste J Forderung aller deutschen Antisemiten ist daher: I. Die { Gleichberechtigung der Juden ist aufzuhcben; dieselben j sind unter eine besondere Fremdcn-Gesetzgebung zu! stellen. Der Antisemitismus habe jedoch nicht nur ein E negatives Programm, sondern er fühle die Verpflich-? tung, alle nothwendigen wirthschaftlichen Reformen zu i unterstützen, ohne sich jedoch an ein dahin gehendes - Programm der bestehenden Parteien zu binden. Er j müsse deshalb als zweite Forderung stellen: II. Eine i gesunde Reform auf wirthschaftlichem Gebiete ist auf ■ das thatkräftigste zu unterstützen. Im Ferneren beschloß der Kongreß die Bildung einer allgemeinen deutschen antisemitischen Vereinigung, welche ihre nächste Aufgabe in der Zusammenfassung aller antisemitischen Elemente und in einer wirksamen Propaganda für die Grundgedanken des AntisernitiSmus und Aufklärung des Volkes über die Gefahr des Judenthums zu erblicken habe, im Weiteren aber den Boden für eine ״Deutsch.׳ nationale Neformpartei" vorzubereitcn habe. Nähere Details können, da die Verhandlungen streng vertraulich geführt wurden, begreiflicher Weise hier nicht gegeben werden, nur mag noch angedeutet sein, daß die Begründung eines antisemitischen AuSkunsts-Bureaus, eines Rechtsschutz-Vereins, einer Verbands-Kasse, eines Zentral-Organes rc. in Aussicht genommen sind. Im Uebrigen bezweckt die Vereinigung vorläufig ein öffentlicheö Heraustreten nicht, weshalb derselben auch Personen beitreten können, die aus irgend welchen Rücksichten die öffentliche Bctheiligung scheuen würden. Für den geschäftSführenden Ausschuß zeichnet Herr Theod. Fritsch, Leipzig, Windmühlenstraße. Eine selbständige Bctheiligung am politischen Parteileben beabsichtigt die Vereinigung einstweilen nicht, jedoch billigt sie, daß da, wo die örtlichen Verhältnisse die Aufstellung antisemitischer Kandidaten empfehlen, dies geschähe und sichert nach Möglichkeit ihre moralische und materielle Unterstützung zu. Die betheiligten Kreise versprechen sich, daß durch die nunmehr geschaffene Organisation die antisemitische Sache eine sichere Entwickelung nehmen und der Kasseler Kongreß einen wichtigen Wendepunkt in der Bewegung bezeichnen werde. Der antisemitischen Presse wurde noch speziell zur Pflicht gemacht, bei aller Volkstümlichkeit jederzeit den der Sache würdigen vornehmen Ton zu wahren und nicht in den Fehler früher bestehender Blätter zu verfallen. Gehässige und spöttische Angriffe gegen die Person der Juden dienten . der Sache nicht, vielmehr sei der Blick immer auf den Gesammtgeist der Judenschaft zu richten. Sobald die Presse diesen Standpunkt wahre, würden auch die besten Kreise der Gesellschaft der Bewegung näher treten, selbstverständlich, denn jeder wahrhafte Vater׳- landsfreund, der geistige Einsicht genug besitze, müsse Antisemit sein." Da haben wir. also den vollständigen KriegSplan! Mit dem bier- und branntwcinduftenden Pöbel geht'S nicht, also versucht man es mit dem ״bessern" Theil des Volkes!! Was wir zunächst zu erlvarien haben, ist ein systematischer Vorstoß auf die LeglSlatur. * Berlin, 27. Juni. Die hiesige Presse hat sich seit etwa einem Jahre mehrfach mit der Ausweisung eines aus Rußland gebürtigen jüdischen Trödlers, den sie zu einem Pelzwaarcuhändler avanciren ließ, beschäftigt, und dieser Tage war in den Moraenblättern die Rachricht enthalten, der betr. AuSgcwieseue habe sich direkt an Se. Majestät den Kaiser gewandt, Gleiches habe seine Frau bei einer GeburtStagSgratulation gethan und der Kaiser habe den Ausweisungsbefehl einfach kassirt. Richtig hieran ist nach der halbamtlichen Darstellung nur, daß der betreffende Trödler durch mehrfache Eingaben beim königlichen Polizei-Präsidium, dem Ober-Präsidium der Provinz 'Brandenburg und durch Jmmediat-Eingabe seiner Ehefrau die Ausweisung hinzuhalten, bezw. rückgängig zu machen gesucht hat. Unter dem 29. April d. I.. ist demselben darauf seitens des Polizei-Präsidiums eröffnet worden, daß ihm eine Zusicherung betreffs Gestattung des dauernden Aufenthaltes im preußischen Staatsgebiete nicht erthcilt werden könne, ihm der Aufenthalt hicrselbst jedoch bis auf Weiteres und so lange er nicht burd) sein Verhalten Anlaß zur Zurücknahme dieser Erlaubniß gebe, widerruflich gestattet werde. (Bert. Tagbl.) M. Berlin, 28. Juni. Ihre Zeitung widmet der Judeukommissiou von Zeit zu Zeit eine gewiß berechtigte Beachtung. Es wird Ihnen deshalb auch ein kurzer Bericht aus der hiesigen ״Gesellschaft zur Besörderung des ChristenthumS unter den Juden" nicht unwillkommen sein. Am 24. d. M. feierte dieselbe ihr JahreSfest. Herr Holzheuer, Superintendent aus Weferlingen, legte seiner Festpredigt als Text Jcsaia 21, 11 unter, welchen Vers er sich folgendermaßen zurechtlegte: ״Hüter, ist die Nacht schier hin? Hüter, ist die Nacht über Israel schier hin?" Daraus folgert er erstens, daH Israel iioü) immer Wider Gott streitet; zweitens, daß doch noch ein Thcil von Israel gerettet werden wird; drittens, daß die Gemeinde der Gläubigen auf Israels Kommen immer noch harrt. Das nennt man doch eine kühne geniale Tcxterklärung und Nutzanwendung. Ich will mit dem gelehrten und frommen Herren mich nicht messen, aber ich möchte mich anheischig machen, nach diesem Muster der Bibelexegcse jedes Problem aus jedem beliebigen Texte heraus zu ,demonstrieren. —ל Interessanter war der Bericht des Herrn von Velsen, der ein Judenmissionar von Fach ist. Er hat den Osten durchwandert, Galizien und die Bukowina. Natürlich muß die geistige Roth dort