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Jeschurun · 1886-06-24 · Heft 25 (24.6.1886) · p. 398

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Journal
Jeschurun
Volume
19 (1886)
Issue
Heft 25 (24.6.1886)
Article
Erkannte Irrungen
Date
1886-06-24
Page
398 (sequence 2)
Language
German
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398 dächtniß rief, ein Schreibtisch und endlich ein mit Zicgenleder überzogenes Kanapee, welches manche Eigenheit ans der Zeit, da cs mit lustigen Sprüngen über die Fluren hüpfte, sich noch nicht ganz abgewohnt hatte, und unter Anderem ein meckerndes Geräusch vernehmen ließ, so oft man sich auf demselben in eine andere Lage versetzte. — DaS war daö Mobiliar des Zimmers. Es wäre undankbare Mühe, alle Bestimmnngen hcrznzählcn, denen dieses eine Zimmer zu ent« sprechen halte und ich will mich begnügen, von den vielen Titeln bloS zwei der bestklingendcn anzu führen: Salon und Kneipbnde. Doch gegenwärtig war cS weder das Eine noch daS Andere, sondern ein Studirznmncr. Wenigstens sollte cS das sein. Nafael liegt auf dem oft meckernden Ziegenkanapee ausgestreckt, in der Linken hält er eine Zigarre, von welcher der Ranch in einem dünnen blauen Streifen anfsteigt, in der Rechten aber Kant'S ״Kritik der reinen Vernunft." Aber cS will heute mit dein Studieren nicht recht von statten gehen. Je länger er in dem Buche liest, desto mehr kritisches Zeug und weniger reine Vernunft findet er in demselben. Bon der steifen Haltung des Kopfes, welche daS Lesen in liegender Stellung erfordert, bcfainmt er schließlich einen lebhaften Schmerz iu'S Genick, ebenso in den rechten Arm, mit welchem er daS Buch über daS Gesicht gehalten hat — Das bleibt ihm als Reinertrag von seinem heutigen Studium. Er läßt daher schön sacht die Hand mit dem Buche neben sich ausS Kanapee nieder, läßt den Kopf, erleichtert aufathmcnd, zurücksinkcn und läßt endlich seine Blicke träumend über das mit labyrinthisch verschlungenen Arabesken übersäte Feld des Plafonds irren. Man hat oft Zeiten, wo bei Einem eine Art geistiger Windstille eintritt, kein Luftzug bläht die Segel und eine bleierne, welke Trägheit macht den Gebrauch der Ruder unmöglich. Man ist zu nichts Rechtem tauglich, das Gehirn ist leer und alle Diagenese der Welt könnten ulit allen Laternen in demselben keinen Gedanken entdecken Wenn man in einer solchen Zeit noch so viel Verstand behält, um sich seinen Zustand überlegen zu können, dann werden in Einem ernste Bedenken laut, ob man noch das Recht habe, sich zur Klasse der Bernnnstmenschen zu zählen. In einer solchen Vcrfassung befand sich Nafael gegenwärtig und wie er so zum Plafond hinausstarrte, übcrkam ihn auf einmal die lichtvolle Hingebung, daß eS bei sothancn Verhältnisscn noch das Klügste wäre, die Entwirrung des LinienlabyrithS der Arabesken zu versuchen. Was kann man Zweckmäßigeres thun? — In Gemäßheit dessen wählte er das hinausragende Ende einer Linie znm Ausgangspunkt und suchte von hier aus langsam vordringend den Lauf der Linie zwischen dem bunten Wirrwarr zu verfolgen — so, dachte er, muß er doch schließlich znm Punkt gelangen, auf welchem die Linie hinauSlänft. Eine Weile ging Alles ganz gut, plötzlich aber verwickelte sich die Linie so unsinnig mit sich selbst und mit den andern, daß er ihre Spur verlor. Er nahm eine zweite Linie, eine dritte, vierte und fünfte — aber mit keiner war er glücklicher. Und wie er so beharrlich hinanfstarrte, vollzog sich vor seinen Augen ein zauberhaftes, gcheimnißoollcs Wunder. Dort, wo die erste Linie ansängt, tauchte plötzlich der Kopf Kant'S ans der Wand hervor. — Bei der zweiten Linie erschien Leibnitz, bei der dritten Schlciermachcr, bei der vierten Spinoza und bei der fünften Schopcn- Hauer. Er kannte wohl keinen einzigen dieser schätzbaren Herren persönlich, aber er erkannte sie doch.... Der erste war Kant — ja, ja, ganz gewiß...., der zweite Leibnitz u. s. w. Und .sämmtliche Köpfe hatten den Mund wie znm Sprechen geöffnet und jede Linie kam aus der Höhlung des entsprechenden Mundes heraus. Und diese Linien bestanden nicht mehr auö Strichen, sondern auS winzigen Buchstaben, welche sich zu Wörtern vereinigten, und diese Wörter, bis in die Millionen gehend, bildeten die verschlungenen Formen der Arabesken Nafael war seiner Sache so gewiß, daß er in der Linie Kant'S z. B. ganz deutlich einige Sätze ans der ״Kritik der reinen Vernunft" entzifferte. Und er probirtc cS jetzt wieder, die Spur eines jeden der Philo׳ sophcn zu verfolgen und sein Endziel ausfindig zu machen. cS ging auch jetzt nicht. Dasselbe nn cntwirrbare Netz von Verwickelungen. Er hatte aber doch einen Fortschritt gemacht, das Endziel hatte er entdeckt, er war an einen Punkt gelaugt, in welchem alle Fäden deS Labyrinthes anSlicfen. In der Mitte der Figur nämlich war ein Stück von der Mauerbcklcidnng abgesprungen, und hatte einen leeren Raum znrückgclasjen, an der Grenze dieses Raumes endeten zahllose Linien und verhallten die Worte der Philosoph.-n. Nafael wußte selbst nicht, was an dieser Wahrnehmung denn so Belustigendes sei, aber er konnte sich nicht enthalten in ein herzliches Kichern auSznbrechen. Und je länger er auf den einfältigen Fleck hinanfstarrte, mit welchem das Abspringen eines MörtelstückchenS den mystischen Kombinationen der kühnsten Geister ein Ziel gefegt hat, um so mehr fühlt er sein Zwerchfell gekitzelt, bis er schließlich ans dem Stadium des stillen KichernS in das eines schallenden Gelächters überging. ״Bist Du verrückt?" Mit diesen Worten überschritt Leo die Schwelle des Zimmers und trat ein. ״Noch nicht — aber ich hatte eine Anwandlung cs.zu werden." ״Wenn Dn Lust dazu hast," sagte Leo achselzuckend und warf sich in einen Sessel, seinen Hui aber in eine Zimmerecke. ״Was mich betrisst, so habe ich

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