Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 19 (1886)
- Issue
- Heft 25 (24.6.1886)
- Article
- Rußland : Petersburg [Nachricht]
- Date
- 1886-06-24
- Page
- 397 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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sind, einer Besichtigung nach ihrem eigenen Ermessen zu unterwerfen, ganz abgesehen von den durch das Gesetz für die genannten Behörden zu diesem Zwecke vorgeschriebenen Terminen. — 3) Alle Dokumente auf das Recht zu Handels- oder Gewerbebetrieb werden den Inden nicht vor Vorzeigung einer Beglaubigung über ihre Anschreibnng zu einem WchrpflichtSbezirk anSgereicht, außerdem denjenigen Personen, welche das wehrpflichtige Alter überschritten oder ihre Wehrpflicht abgeleistet haben — mir gegen Vorstell ring einer Beglaubigung über ihre Abstellung oder entgnltige Ableistung der Wehrpflicht. — 4) Die Familie eines Juden, der sich der Wehrpflicht entzieht, wird einer Geldstrafe von 300 Rubel unterworfm. Die Beitreibung dieser Strafen ist den betreffenden Bezirks-, Kreis- und städtischen Wehrpflichtö-׳ bchördcn auferlegt, wird durch die Polizei anSgefuhrl und kann im Falle der Zahlungsunfähigkeit nicht durch Arrest ersetzt werden. — 5) Für Ergreifung eines Juden, der sich der Wehrpflicht entzogen, wird eine besondere Gratifikation, nach Bestimmung des Ministeriums des Innern, aus einem besonders hierzu bestimmten Kredit gezahlt.״ Wir haben dieses Gesetz in schuldiger Ehrfurcht hinznnehmcn, wenn es uuS auch sehr schmerzt, daß uns auch in Betreff der allgemeinen Wehrpflicht eine Sonderstellung angewiesen wird. Erlunliltc Imntgen. Bon Samuel Bcrthold Nosncr. (׳Alle 'HccijLc vovbcljaltcn.) (Fortsetzung.) Die Musik stimmte jetzt einen brausenden Tusch an und von der Tribüne der PrciSvcrtheilungSkommission schallte das erste schrille Glockenzeichen. Die Nenner stellten ihre Promenaden ein, ihre Riemen wurden angczogeu, daS Geschirr geordnet; man befeuchtete ihnen Rüstern und Man! mit Wasser und flößte ihnen aus Champagnerslaschcn erfrischende Getränke ein. Die Stallknechte gingen mit ihnen so behutsam um, wie Kammerdiener mit ihren gestrengen Herren. Die Eigenthümer einiger der Pferde kamen hinzu, um sich von dem Befinden ihrer Lieblinge zu überzeugen. Das zweite Glockensignal gellte aus. Die Iockcy'S eilten herbei mit ihren blau-, gelb-, grün-, roth-, rothgrün-, blauschwarz- und schwarzwciß - seidenen Kostümen, untersuchten Alles an ihren Pferden und liebkosten sie. ihnen Hals und Stirne streichelnd. Dann schwangen sie sich in die Sattel und ritten auf die Bahn, wo sie sich in einer Reihe ausslellten, des dritten Zeichens gewärtig. Eine tiefe Stille entsteht über der vicllanscndköpsigcn Menge, man läßt die Zunge ruhen und konzentrirt die gescmrmte Ausmerksamkeit in die Augen. Endlich.... ein schrilles Klingeln.... Hurrah! Sausend ,,geht die Gesellschaft vom Start." IV. Ella konnte den ganzen Tag nicht zur Ruhe kommen, etwas wie ein Schuldbewußtscin bedrückte und beunruhigte ihr Gemüth. Sie blickte mit einer scheuen Furcht dem Abend entgegen, cS ahnte sie, daß der Spaß, welcher ihr im Anfänge so ergötzlich geschienen, mit einem unangenehmen, wenn nicht gar traurigen Eklat endigen werde. Ja, nachdem die erste Sinnes- Überstürzung, welche ein jeder frische Eindruck in ihrem lebhaften Temperament wachricf, sich verloren hatte, erschien ihr die Sache in einem ganz andern, sehr ernstem Lichte. Es ist ja wahr, daß das eitle Mädchen für die schnöde Abweisung des aufrichtigen und edlen Jünglings, sic dachte an Rafael, eine Demnthigung verdiente, aber keine in dieser Form und nicht durch ihren Bruder sollte ihr diese zu Theil werden! Sie war einigemal entschlossen, Franz zu bitten, von seinem Vorhaben abznstchen und die Wette zu bezahlen, sie war auch darauf gefaßt, ihm den gegenwärtigen Inhalt ihrer Privatschatullc als Beitrag zu dem zu bezahlenden Champagner anzubicten; zum Unglücke aber konnte sie den ganzen Tag über nicht mit ihrn allein sein. Kriegskameraden und sonstige Freunde, welche den nach vierjähriger Abwesenheit wieder Hcimgckehrten besuchten, nahmen ihn den ganzen Tag in Anspruch, beim Diner aber schreckte sie die Gegenwart der Eltern ab, den Gegenstand 'zur Sprache zu bringen. Uebrigens betrübte sic das Fehlschlagen ihrer Absicht nicht sehr, denn nach einigem Nachdenken gewann sie die Ueberzcngnng, daß sie dabei nicht viel verliere; sie erkannte, daß die Hossnung, ans den Entschluß ihres Bruders einzuwirken, von vornherein eine ganz aussichtslose Illusion sei. Sie wird ja noch von Allen für ein unreifes, launiges Kind angesehen, und vollends von dem stolzen Manne, der gewohnt ist, dort, wo er befehlen darf, keine Einsprache gegen seinen Willen zu dulden. Ein jovialer Scherz oder eine souveräne Absertignng stand ihr im günstigsten Falle in Aussicht. Es blieb ihr absolut keine andere Wahl als den Dingen freien Lauf zn lassen. # Rafael befand sich so gegen die fünfte Nachmittagsstunde in seiner bescheidenen Innggesellenwohnung. Ein Tisch, sechs Fauteuils, ein Bücherkasten, dem man eine große Freundschaft erwies, wenn man bei seinem Anblick das goldene Wort der Weisen: schon nicht auf den Krug, sondern ans daö, was in ihm ist, sich in'S Ge-