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Jeschurun · 1886-06-24 · Heft 25 (24.6.1886) · p. 388

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Journal
Jeschurun
Volume
19 (1886)
Issue
Heft 25 (24.6.1886)
Article
Alexander von Oettingen wider Stöcker und die Christlich-Sozialen
Date
1886-06-24
Page
388 (sequence 2)
Language
German
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388 gefährdenden gegenseitigen Zerstcischnug der Völker im grausigsten Religionskriege". Er bezeichnet sie als das ״Prinzip nacktester Intoleranz und gröbster Herab- Würdigung der religiösen Freiheit" und ruft der Gegenwart warnend zu? ,.Hüten wir uns vor allen Dingen als Christen oder als Diener der Religion uns auf die schiefe und schlüpfcrige Ebene dcö weltlich-wüsten ParteigetriebcS zu begeben!" Er verwarnt Stöcker ernstlichst ob seiner ״demagogischen Umtriebe"; was er treibe sei ״keine christliche Praxis". Er ruft ihm zu: ״mißbrauche nicht die Kanzel oder den Lehrstuhl zu politischen Zcilbetrachtnngen und polemischen Ausfällen gegen die Partcigcgner", und stempele beileibe nicht gewisse sozialpolitische VerfassungS oder Partcianschanungen mit christlichen Etiketten." Er wendet sich gegen die Partei mit der Frage: ״sind denn die Herren Konservativen, sind die Herren KrenzzcitnngSritter — inklusive die aristokratischen Sportsmänucr nndBallctschwärmer wla BaronPrudclwitz und Strudelwitz — wirklich Vertreter ,christlicher Politik, oder wird nicht Vielen von ihnen im Interesse ihrer StandcSpolitik das Christenthmn zu einem nützlichen und brauchbaren VolkSerziehnngSmittcl — — zu einer — wie man'6 genannt hat — ganz rentablen Heuchelei?" Er faßt sodann seine Meinung in den kurzen Satz zusammen: ״Eine christliche Obrigkeit ist ein Segen GottcS; aber ein obrigkeitliches Christcnthnm ist eine Schlinge Satans." 311 drastischer Weise erläutert er den Mißbrauch,' welcher durch die VcrwcchSlung dcS Begriffs einer christlichen Gesinnung mit der durch Erfahrung und Vernunft zu erlernenden Berufstcchnik entsteht. Zn dem mißbrauchten Wortsinn gebe cS keine christliche Politik, keine christliche Aesthctik, keine christliche Logik, wie cS keine christliche Harmonielehre, Grammatik, Medizin, Nationalökonomie, WirthschaftS- Politik re. giebt. Er geißelt die mit christlicher Gesinnung und That prunkende Heuchelei, namentlich der höheren GesellschastSschichtcn, in welchen man vielfach ״keine Ahnung von der Existenz der zehn Gebote, ja verwundert und blöde drcinschaute, wenn davon die Rede war, daß daS vierte und sechste Gebot, diese Grundpfeiler sittlich-sozialer Ordnung, heutzutage mit Füßen getreten werden, und daß gerade daraus sich vielfach die miserc sociale erklärt." Und ״neben der Indifferenz und Unbildung in dieser Frage macht sich ein weitverbreiteter Haß und eine grundsätzliche Feindschast gegen daS positive Christculhum geltend," so daß er ״den sogenannten Gebildeten" geradezu das Recht abspricht,״den Sozialismus wegen seines Atheismus anzuklagen; sie sollten vielmehr an die eigene Brust schlagen u. s. w." Wenn von Oettiiigcn, der so scharf in das Gericht mit seinen eigenen Glaubensgenossen geht, über den Antisemitismus ״ä. la Henrici & Stöcker" also den Stab bricht und daS grundlegende Prinzip unserer Christlich-Sozialen so entschieden verdammt, auch von einer ״vcrjudetcn Presse" redet, so hat das blntwenig auf sich. Alle die von ihnl in sittlicher lind religiöser Entrüstung gcbrandmarkten Schäden in seiner eigenen Gesellschaft sind auch, nach seiner eigenen Meinung, schwerlich aus daS Schuldkonto dieser ״verjudetcn Presse" zu setzen. Er denkt auch in seiner Schrift nicht im Entferntesten daran, ihr dieselben zuznschieben. Wir verzichten darauf, über ״die verjudcte Presse" eine Erklärung zu verlangen, sprechen ihm vielmehr unfern Dank ans für das freimülhige Wort, daS er aus sittlichen Beweggründen und in frommer christlicher Gesinnung au unsere Gegner gerichtet. Wer die Juden in!111 fönttrnlafien. (Schluß.) Die Gemeinde in Samarkand besitzt eine wohl eingerichtete Synagoge, jedoch keinen Sclwchet und muß sich für den Fleischgcnuß der anderwärts befindlichen Schechita bedienen. In der ProvinzShemirctschiuök ist die Gemeinde zu Wjernve die bedeutendste und angesehenste. Hier lagen die Verhältnisse lange sehr im Argen. Keine Schechita, keine Mikwe, die von den jüdischen Soldatc eingerichtete Synagoge war verfallen, seitdem viele von ihnen, aus?cm Militärdienste entlassen, nach ihrer Hcimath znrnckgekchrt waren. Mau niielhcte sich für Sabbath und Festtage ein Lokal zur Abhaltung des Gottesdienstes und wechselte sehr häufig Die Thorarolle, von einem Orte zum andern gebracht, in feuchten und ungeeigneten Räumen anfbcwahrt, setzte Schimmel an. Außerdem herrschte Uneinigkeit unter der kleinen religiösen Gemeinschaft. So war eS bis zum Jahre 1884. Da endlich ermannte man sich zum Bessern, Dank der Anregung wackerer und geachteter Männer. Man erwarb ein Grundstück zum Bau eines Gotteshauses. Als aber die Gcmcindemitglicdcr sich zn einer Berathnng über die weitere Ausführung versammelten, da hörte man verzagte Klagen über die Schwierigkeiten des UnternehmenS. ״Wie können wir solches vollsührcn? Woher sollen wir die Mittel entnehmen?" Nur der Energie der Gemcindchänptcr, der Herren G... m und S .... S, ist cS znzuschreibcn, daß man das kaum erst Begonnene nicht fahren ließ. Ihr erstes Bemühen galt der Er- Wirkung der behördlichen Erlanbniß zn dem Bau einer Synagoge. Sic hatten hier guten Erfolg, . und cS wurde endlich einstimmig beschlossen, denselben nach dem von der Negierung und der OrtSbchörde genehmigten Plane anSzuführen. ES galt nun die erforderlichen Geldmittel anfznbringen. Man veranstaltete hierfür Sammlungen, zu welchen auch die in den ifmltegeubcn

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