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Jeschurun · 1886-06-17 · Heft 24 (17.6.1886) · p. 376

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Journal
Jeschurun
Volume
19 (1886)
Issue
Heft 24 (17.6.1886)
Article
Wandelungen
Date
1886-06-17
Page
376 (sequence 2)
Language
German
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876 ״Mich unangenehm berühren? — was mein Vater in seiner letzten Stunde gesprochen? — unmöglich.— Ich bitte, Herr Doktor." ״Wenn Sie darauf bestehen, werde ich Ihrem Wunsche wohl entsprechen müssen — doch ich bitte Sie. eingedenk zu sein, daß Sie mich zu diesen Mittheilungen gedrängt." Einen Moment war sie im Begriff, ihre Bitte zurückzunehmen, doch sie überwand diese Anwandlung und Walther fuhr fort. ״An jenem Tage, der, ohne daß wir es ahnten, zum letzten unseres unvergeßlichen Freundes bestimmt war, befand ich mich mit einigen andern zum Frühstück bei Herrn von Merten. Es entspann sich ein Streit über einen juristischen Gegenstand und Herr von Merten forderte mich auf, ihn in sein Vibliothekzimmer zu begleiten, wo er mir aus irgend einem Werke die Nichtigkeit seiner Behauptung beweisen wollte. Wir begaben uns dorhiu, und dort war es, wo er, wie ich bereits erwähnte, seine Befürchtungen über die Zukunft seines Kindes anssprach und —" er stockte. ״Und?" wiederholte Belle, ״ich bitte, Herr Doktor." ״Sie bestehen darauf? — nun wohl, ich wiederhole Ihnen Herrn von McrtenS eigene Worte — ist es mir doch, als tönten sie noch in meinen Ohren. — Walther, sprach er, wie von einer Ahnung ergriffen — Sie werden an diese Stunde denken, ich weiß cs — erinnern Sie sich dann, daß es mein innigster, mein sehnlichster Wunsch gewesen ist, meine Bella mit Ihnen zu verbinden." Wie mit Purpur übergossen saß das liebreizende junge Mädchen da, sie war nicht im Staude, den Blick vom Boden zu heben. In Walthers Busen arbeitete eS mächtig, er vermochte nicht mehr seiner Leidenschaft Einhalt zu gebieten. ״Bella!" stüsterte er mit vor Erregung bebender Stimme, ״Sie wissen, daß ich Sie liebe — unanSsprcchlich liebe — aber Sie dürfen nicht vergessen, daß ich Ihnen diese Eröffnung nur auf Ihr wiederholtes Drängen gemacht." ״Ich habe es nicht vergessen," sprach sie leise und versuchte den Blick zu ihm zu heben, aber sie beacgnete seinem glühenden, leidenschaftlichen, und erschreckt senkte sie das Auge nieder. Er war außer Stande, sich zu mäßigen und Alles, was er seit Monaten oft mit fast Übermenschlicher Kraft in sein Inneres zurnckgedrängt, eS machte sich urplötzlich Bahn und drängte sich unaufhaltsam über seine Lippen. — Uebcrrascht, erschüttert, von den verschiedenartigsten Empfindungen bestürmt, haftete Bella'S Auge noch immer am Boden. ״Bella!" flehte er, ״lassen Sie den Wunsch Ihres Vaters mein Fürsprecher sein — werden Sie mein! — Ich weiß, daß Sie einen Andern geliebt haben und weiß, daß Sie meine glühende Liebe nicht erwidern können — aber ich weiß auch, daß Sie mir Achtung nicht versagen. — Und wenn Sie nur eineimvilligen, mein zu werden, so will ich mich damit gern bescheiden." Flehend hing sein Blick an ihren Lippen, er erwartete ihre Entscheidung. — Sein Athem ging rasch und heiß, sie hätte dem ruhigen, besonnenen Mann einer derartigen mächtigen Empfindung nicht fähig gehalten. Sie liebte ihn nicht, aber ihr Herz war frei, war todt, wie sie es nannte — und dennoch gewährte es ihr eine innige Befriedigung, die sie sich selber freilich nicht gestand — von einem solchen Manne, den sie in Wirklichkeit von ganzem Herzen hochachtete, so geliebt zu werden. Und in seiner letzten Stunde hatte ihr Vater sie ihm bestimmt. ״Herr Doktor," sprach sie leise, ohne den Blick zu heben, ״ich fühle mich Ihnen —" Ein Wagen hielt vor dem Hause, der Sanitätsrath war heimgckehrt. Unwillkürlich lauschten beide den ihnen wohlbekannten Schritten, und beide wußten nicht, sollten sie sich seiner raschen Heimkehr freuen oder nicht. Mit freundlichem Gruß trat er in das Zimmer und im Nu hatte sein scharfer Blick die Situation erkannt. ״Guten Abend, Kinder! nun, wie geht's, wie stcht'S? — habt Euch hoffentlich gut unterhalten?" Walther war beinahe unangenehm berührt durch den scherzenden Ton seines Vaters. ״Lieber Vater," sprach er, ״Du kennst schon seit längerer Zeit meine Gefühle für Fräulein von Merten und hast mich wiederholt ermuntert, sie ihr zu bekennen. — Ich habe cs endlich gewagt und sehe nun in Furcht und Hoffnung ihrer Entscheidung entgegen." ״Ich auch," ries der Sanitätsrath, indem er sich zu ihr setzte und in väterlicher Vertraulichkeit seine Hand aus ihre Schulter legte. ״Spannen Sie uns nicht länger auf die Folter, Kind. Sagen Sie ja und Sie haben zwei Menschen glücklich gemacht. Der Friedrich ist ein kreuzbraver Junge und hat Sie ganz unendlich lieb." ״Aber solche Liebe," erwiderte sie endlich mit geprcßter Stimme, ״verdiente die aufrichtigste, die innigste Gegenliebe, und zu meinem innigsten Bedauern —" ״Papperlepap," rief der alte Herr, ״ich weiß schon, was Sie jetzt sagen wollen, die Geschichte von Ihrem gestorbenen Herzen weiß ich auswendig." (Fortsetzung folgt.)

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