Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 19 (1886)
- Issue
- Heft 23 (8.6.1886)
- Article
- Erkannte Irrungen
- Date
- 1886-06-08
- Page
- 367 (sequence 2)
- Language
- German
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367 Leo war während dieser Exerzitien so zu Muth wie dem Armensünder, der den Henker kaltblütig die Anordnungen zu seiner Aufknüpfung treffen sieht; er zitterte wie Espenlaub. Er sing auch an, die Frage zu ventiliren, ob cr wohl lieber abstcigen und der ganzen Neiterhcrrlichkcit, wie einem schönen Traume, entsagen solle, aber jede Faser in ihm lehnte sich gegen eine.solche Znmnthung auf. Er war nun einmal darin und wollte seine Nolle um jeden Preis in Ehren zu Ende führen. ״HauS, mein theurcr Freund," flehte er mit gcbrochcucr Stiminc, ״habe Erbarmen mit —" ״Mir", hatte cr in seiner Seelen angst sagen wollen, aber er ertappte sich noch rechtzeitig und setzte hinzu: ״Mit dem armen Thierc. Mache cs nicht zu sehr erbost — sei bedacht, cs mir möglichster Vermeidung von Eklat unb Skandal in Bewegung zu setzen. Halt — warte noch ein wenig. So — jetzt." Er drückte die Augen zu, duckte den Kopf zwischen die Schultern und preßte die Füße fest an den Bauch des Pferdes. Er empfahl seine Seele dem Herrn und erwartete in dieser Stellung die Katastrophe. Sie crfolgte bald. Hans ließ seine Peitsche mit solcher Wucht auf das Hintere des Pferdes uicdersauscn, daß ihre Spur sich tief eingrub und der Klatsch bis zu dem andern Thcil der Gesellschaft drang, welche schon ciucu ziemlich großen Borsprung gewonnen hatte. Jetzt — jetzt, dachte Leo, folgt das minotaurisch wilde Aufbäumen und dann — die Himmelfahrt. Seine ohnehin ätherisch dünnen Sinne machten Anstalten, vollends zu verduften. Da— da — waö ist daS? Er schlug angenehm überrascht die Augen auf wie Einer, der sich mit geschlossenen Augen in einen- Abgrund geworfen hat und jeden Augenblick erwartet, den harten Boden zu berühren, an welchem er zertrümmern soll, dafür aber von weichen Armen aufgefangeu wird. Sein Pferd trottete lustig vorwärts, als wenn es den herzhaften Hieb Hansens für einen kordkalen Scherz angesehen hätte; von der gefürchteten, verderblichen Reaktion war keine Spur. Bald war der Wagen erreicht. ״Sie haben ein kleines Ncitcralientcuer gehabt," wandte sich Hedwig lächelnd zu Leo. Er übersah das Lächeln und nahm das ״Abenteuer" für baare Münze. ״Ja." sagte cr mit der stoisch ruhigen Gleichgültigkeit, mit welcher stark geistige Männer von übcrstandcnen Lebensgefahren zu sprechen pflegen, ״mein Pferd hat ein wenig zu viel Feuer, wird Leicht scheu. es ist ein Vollblut ״Esel," warf Hans unter der Nase brummend ein. Leo ließ sich nicht aus dem Konzept bringen. ״Ein Vollblutenglaudcr," fuhr cr fort. ״Man hat mir gleich davon abgerathen, als ich es gekauft habe; aber, mein Fräulein, wir Männer machen uns wenig daraus. Ein ungeberdigeS Pferd ist fast so wie eins schöne Frau, die gerne schmollt und Launen hat — das macht die Geschichte um so pikanter." ״Gicb nur Acht," raunte ihm Hans ins Ohr, ״daß Dein Vollblntengländer nicht in die GeruchSweitr des Grases konunt, sonst fürchte ich, fängt er wieder ,zu viel Fencr< und ich weiß nicht, ob Du auch diesmal die Geschschte so pikant finden wirst." ״Es ist im höchsten Grade widerlich," bemerkte eine junge Dame, welche in der unmittelbaren Nähe der Friedc'schen Loge saß, zu ihrem Manne, als die Kalesche der Frau Doktor Friede, umgeben von der Ncitcrsnite, vor die Rampe der Tribüne rollte und anhielt, ״es ist widerlich und vorletzt daS Anstandsgcfühl, mit welchem ostentativen Applomb diese Juden überall auftreten." ״Eine schamlose Bagage," sagte der Herr Gemahl verächtlich, Hedwig mit seinem Operngucker aufs Korn nehmend. ״Aber das muß man ihnen lassen — hübsch sind sie. die Jüdinnen." Die junge Dame rümpfte die Nase und warf die Lippen auf. ״Wer an drallen Büsten und dicken, sinnlichen Gesichtern ohne den geringsten idealen Zug Gefallen findet — ״ ״Aber, meine Liebste," wandte der Herr Gemahl im Tone der Indignation ob eine- Eingriffs in seine Kompcteuzsphäre ein, ״Du wirst doch nicht so naiv sein, die Hedwig ebenfalls in diese Klasse rangiren zu wollen! Die Hedwig — über deren Züge und Gestalt es wie ein idealer geistiger Schimnicr schwebt. WaS das Uebrige anbelangt, gebe ich Dir vollkommen Recht, aber die Schönheit.da mußt Du mir wieder Recht geben.״ Madame hätte aber gerade im letzteren Punkte sehr gerne Recht behalten. Sie wollte ihren Stand-. Punkt weiter verfechten, aber sie hatte keine Zeit mehr dazu, denn Hedwig und ihre Mutter hatten bereits in ihrer Loge Platz genommen. ״Küß' die Hand, meine Gnädige," grüßte der höflichcjNachbar, ״wie ist's mit dem werthen Befinden?"! ״Wir danken," erwiderte Frau Friede, ״nicht schlimmer wie gewöhnlich. Wir haben doch wohl daS Vergnügen, Sie heute Abend bei und zu sehen?" . ״Ich werde mich glücklich schätzen, anwesend seinzu dürfen. Es ist doch richtig, daß Sie, gnädiges Fräulein, beim Konzerte Mitwirken werden?" Hedwig nickte leicht mit dein Kopfe. ״Ich hahe der Attfforocruug des Künstlers Folge geleistet und werde ihn in einigen Stücken begleiten. Ich habe ungern eingewiLligt." Hier stieß Madame den Herrn Gemahl uumerklich mit dem Ellenbogen an. (Fortsetzung solgt.)