Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 19 (1886)
- Issue
- Heft 23 (8.6.1886)
- Article
- Österreich-Ungarn : Wien [Nachricht]
- Date
- 1886-06-08
- Page
- 365 (sequence 2)
- Language
- German
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365 Schriftstellers Martin Scherian, der gleichfalls öfters wegen Taschendicbstahls abgcstraft ist und derzeit wegen eines bei der Kaiscr-Entrevne in Kremsier verübten Diebstahls in der Strafanstalt Mürau eine achtzehnmonatliche schwere Kcrkcrstrafe zn verbüßen hat. Wenn wir fleißig die Gerichtsverhandlung lesen, werden wir unsere Feinde näher kennen lernen. (Oestcrr. Wschr.) Preran, 4. Juni. Das halbamtliche Blatt erhielt folgende Mittheilung aus Prcran: Vor etwa vier Monaten verschwand ein christliches Dienstmädchen, Namens Josephine Hlonschck, aus Prcran, und deren Dienstgcber, der israelitische Lehrer Pollak, wurde vom Pöbel beschuldigt, die Hlonschck im Keller ermordet zn haben, wcßhalb .seinerzeit vor der Wohnung Pollak's Zusammenrottungen stattfandcn. Einige Personen wollten sogar die Leiche der Hloufchek im Keller gesehen haben. Trotz energischer Nachforschungen blieb das Mädchen verschollen, bis am 30. Mai das Bezirksgericht Prcran vom Olmützcr Bezirksgericht verständigt wurde, daß die Hlouschek in Olmutz wegen Diebstahl verhaftet sei. 8?. Ans ׳Ungarn, Juni. Wer da glaubt, unser Herr Kultus- und UntcrrichtSminister sei kein liberaler Mann, befindet sich auf falscher Fährte; wer da meint, derselbe habe manchesmal intolerante An- Wandlungen, kennt Herrn von Trefort nicht; wer da behauptet, Herr Trefort achte die religiöse Ueberzcuguug nicht, der lügt. Oder ist cs intolerant und illiberal, wenn unser Herr Kultusminister dem winzigen Anhänge eines hirnverbrannten, pastoralsüchtigcn Neformrittcrö die Anerkennung als separate Gemeinde ertheilt? Ist cs kein sprechender Beweis, wie Herr Trefort gleiches Recht für alle religiösen Ansichten gelten läßt, wenn er daö erbärmliche Machwerk eines kaum ernsthaft zu betrachtenden MauncS als eine vom Staate anerkannte Religion erklärt? Doch Herr Stern, alias Szterenyi, war der Glückliche, dem die ministriellc Bewilligung zur Gründung einer jüdischen Neformgemcinde Nr. 2 zu Theil geworden. Und nun schweigen alle Lobcshhnmen auf Herrn Trefort. Wir treffen Herrn von Trefort wieder auf dem Pfade, den er so gern wandelt; wir erkennen hierin eine bekannte Manier, mit welcher unser Kultusminister seine Judencdikte erläßt und jenes unglückselige Prinzip, nach welchem er Judenangelcgcnheitcn entscheidet. Wir nehmen daher auch nicht an, daß jener karakteristischc Widerspruch, in welchem daS Pcster Seminar und die Neologcn-Gemeindc miteinander gerathen, wesentlich den Beschluß des Ministers beeinflußte; gestehen aber zu, daß ein zielbewußtcreS Vorgehen diesen Reformzug wcggefegt hätte. Ob auch orthodoxe Rabbiner von! Ministerium um Gutachten angegangen wurden, darüber schweigt die; Fama. Ucbrigens wird die Szterenyi'sche Reform den Ncologcn nicht viel schaden; dem orthodoxen Juden- ~ thume aber gewiß nicht das Mindeste, denn ein Ueberläufcr ans orthodoxen Kreisen müßte ohne Zweifel erst die neologe VorbereitungSschnle dnrchmachen, bevor er zu Sztercnzi anlangt. Die unerbittliche Gewalt der Zeit wird schließlich auch diesen! Humbug sein Grab bereiten. Frankreich. *** Paris, 6. Juni. Dem himmlischen Vater sei Dank, daß die Jndcnhctzm hier sich auf einige literarische Mißgeburten und vor fast leeren Bänken gehaltene Vorträge beschränken. DaS Buch Drnmonts ״la France Juive", daS in den ersten Woche!: kaum ein Exemplar absctztc, hat seinen schließlich erzielten buchhändlerischen Erfolg nur dem Aussehen zn danken, daß daS Duell Drnmonts mit Meyer, Redakteur des ״Gaulois", und die kritisirenden Zeitungen vcranlaßtcn. Ornmont kündigt bereits das Erscheinen der ״Enrope Juive" an. M. Wogue bemerkt dazu: ״L’appetit vieut en mangeaut.“ Nach Europa werden wir wahrscheinlich Amerika haben, den ganzen Erdkreis, vielleicht gar den Mond. Die Inden sind überall, die Inden sind Alles. Aber was sott hernach geschehen? Sie wegjagen, gut, aber wohin dann? Der einzige Weg wäre noch, sic zu tödten. Aber da Drnmont Alles für Juden erklärt, wer soll der Henker sein? Doch richtig, Drnmont selbst wird doch übrig bleiben. DaS Buch des Konvertiten Abt Lehmann ״Ueber den Eintritt der Juden in die bürgerliche Gesellschaft" bleibt .ziemlich unbeachtet. ES enthält daS feinere, verkappte ״Rischuß". Es gicbt hier auch philosemitische Vorträge; z. B. die dcö protestantischen Pastors Hirsch. Dieser schloß seinen letzten Vortrag mit den Worten: ״Die Juden sind ein großes Volk, daS Volk des Ewigen, das Prophetenvolk, daS Zeuge der biblischen Offenbarung war. Der Stifter der herrschenden Religion selbst habe proklamirt: ״Das Heil kommt von den Inden." — Das französische Rabbinat beschäftigt sich augenblicklich mit der Frage, die durch die Einführung der Ehescheidung in Frankreich sich ansdrüngt, Mittel und Wege zu finden, um für den Fall, daß nach gerichtlich ausgesprochener Eheschcidung der Ehemann sich weigern sollte, den jüdisch gültigen ScheidnngSakt (Get) zn vollziehen, die dadurch für die Ehefrau geschaffene Kalamität zu beseitigen. Wir hatten, als in Deutschland die GcsctzeSvorlüge in Bezug ans die Vollzichnng und Trennung der Ehe beim Reichstag eingebracht wurde, im Aufträge des Würzburger Rabbiners זצ״ל mit Herrn E. R. Rosenbann! ans Zell eine Audienz beim Abgeordneten LaSker nachgesucht und erhalten, in welcher wir ihn über dieselbe Frage konsultirm sollten. Es wurde unter Anderem besprochen, ob \1v?.n diejenigen Israeliten, die außer dem Zivilakte der Trauung auch den religiösen Ehcbnnd durch den Rabbiner geschlossen und dadurch gewissermaßen durch gemeinschaftliche Uebereinkunft außer