Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 19 (1886)
- Issue
- Heft 23 (8.6.1886)
- Article
- Wandelungen
- Date
- 1886-06-08
- Page
- 360 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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360 Dich unserer letzten Unterredung? Du warfst mir meine Machinationen vor, sprachst Deine Ueberzeugung aus, daß wir uns des Vermögens Deiner Tochter versichern wollten u. s. w. An jenem Tage, Adele, hast Du Dein eigenes Urtheil gesprochen. An jenem Tage ward der Entschluß gefaßt, der jetzt zur Ausführung gekommen. Und wenn Du nun fußfällig meinen Alfred bitten würdest, er möge Deine Tochter nehmen, er würde sie zurückweisen. — Mit diesen Zeilen wollte ich Dir nur sagen, daß Du und nur Du allein die Schuld an Deiner Tochter Unglück trägst. Minna Wiesenhein." Der zweite Brief war von Herrenhand. ״Theure, innigst geliebte Bella, unvergeßliche Freundin meiner Jugend! Soeben erfahre ich durch meine Mutier, welch' unverzeihliche Epistel sie au Deine Mutter gerichtet hat. Verzeihung, Bella, Verzeihung! Bedenke, daß die Kinder nicht verantwortlich sind für die Sünden der Eltern. Mein Vater hat Dich beraubt, meine Mutter hat Dich geschmäht, aber ich, Bella, ich bin unschuldig, ich liebe Dich heilte noch so treu und aufrichtig wie in den Tagen Deines Glanzes und Reichlhums. — Und nun, wo Du arm bist und vermuthlich verlassen von allen den Schmeichlern, die nur der Millionärin ihre Huldigung gebracht, nun wird wohl auch jener Abenteurer Dich aufgegeben haben, und Du wirst zur Einsicht gekommen sein. — Bella, theure, geliebte Bella! nun ist es an der Zeit, die Aufrichtigkeit meiner Liebe zu beweisen. Bella! ich liebe Dich bis zum Wahnsinn und darnnt wage ich es, Dir aus diesem Wege meine Hand anznbicteu. — Nimm sie an, ich beschwöre Dich! — und das Vermögen, das Dir entrissen, ist wieder Dein! Verständige mich durch eine Annonce in der Times von Deinem Entschlüsse. B. an A. und ein einfaches ,Im sei Deine Antwort und in einigen Tagen wirst Du belohnt sein für Dein Vertrauen. Weise nicht zurück, ich beschwöre Dich, Deinen ewig getreuen Alfred." Walther hatte den Brief zu Ende gelesen; einige Minuten saß. er nachdenkend da. ״In welcher Weise glauben Sie hierdurch dem Betrüger aus die Spur zu kommen?" Sie sah erstaunt zu ihm aus. ״Sollte nicht das Postzeichen seinen Aufenthaltsort verrathen?" ״Das bezweifle ich," erwiderte er, ״die Leute sind zu schlau, als daß sie sich in solch' plumper Weise selbst verrathen würden." ״Was sind das für Briefe?" fragte der SanitätSrath. Bella reichte sie ihm, und Walther war eben im Begriffe, einige Erläuterungen hinzuzufügcn, als der SanitätSrath zu einem Patienten gerufen wurde. ״Als ob die Leute am Tage nicht Zeit genug hätten, krank zu werden," brummte er, ״müssen sie auch noch die Nacht zu Hülfe nehmen. Ich bliebe wahrhaftig lieber hier bei euch, als in diesem Hundewetter —״ ״Aber müssen Sie denn bei diesem Wetter jedem Nnfe folgen? — Sie sind den ganzen Tag nicht zu Athem gekommen, könnten Sic nicht einen jüngeren Kollegen —" ״Wo denken Sie hin, Kind! glauben Sie denn, cs wäre nur Ernst? Freilich wäre ich lieber hier bei Ihnen geblieben, aber ich hoffe bald zurück zu sein. Adieu Kinder! amüsirt euch gut mit einander." Er eilte fort, indem er dem Sohne einen eigenthümlich blinzelnden Blick znwarf. Eine leise Nöthe überzog Walthers männlich schönes Angesicht, er hatte des Vaters Wink verstanden. Bella war mit einer Handarbeit beschäftigt, ihr Auge haftete an der Stickerei. Walther schritt sinnend auf nnd nieder, aber sein Blick hing unverwandt an der anmuthigeu Stickerei. ״Sie sind also nicht der Ansicht, Herr Doktor, daß ich ans diesen Briefen Nutzen ziehen könnte?" Er zuckte die Achseln. ״Ich zweifle," sprach er, sich ihr gegenüber setzend. ״Wie gesagt, ich halte die Leute für zu schlau, sich selbst zu verrathen. — Doch einen Versuch wäre es allenfalls werth. — Zn diesem Zwecke müßte ich Sie freilich ersuchen, mich zu erntächtigcn, die erwähnte Annonce in die Times rücken zu lassen." Bella erröthete. ״Halten Sie daS für unumgänzlich?" ״C’est selon, ich habe bereits erwähnt, daß ich von' der ganzen Sache nicht viel halte. Doch ich kann mich irren, und in dem Falle hätten wir allerdings cinigcrrnaßcn Aussicht. Aber in dem Falle könnte die Aussicht durch die Annonce bedeutend gesteigert werden." ״ES wäre mir äußerst unangenehm," sagte Bella leise. ״Das begreife ich. UebrigeuS wollen Sie bedenken, daß dieser Alfred Wieseuheiu nicht ahnt, daß Sie sich in Deutschland befinden. Beide Briefe sind nach N.... gerichtet. Sobald die Annonce in der Times erschienen, muß die italienische Polizei avisirt werden, auf Billa W.... ein scharfes Auge zu haben. Dort werden sie suchen oder suchen lassen. UebrigenS brauchen Sie im Augenblick keinen Entschluß zu fassen, überlegen Sie die Sache mit meineur Vater." (Fortsetzung folgt.)