Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 19 (1886)
- Issue
- Heft 22 (3.6.1886)
- Article
- Erkannte Irrungen
- Date
- 1886-06-03
- Page
- 351 (sequence 2)
- Language
- German
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351 sprechen nicht vergißt. Hans, daß Du Dich immer an meiner Seite hältst!" Endlich! — Hedwig erschien in der ganzen Pracht ihrer Schönheit und ihres Reichlhums am Arme ihrer! Mutter aus der ersten Stufe der Freitreppe; ein Groom! folgte ihnen. ״Vivat!" schrie Leo in Extase, seinen Helm schwenkend. ״Vive ln reine de la beaute! Vive —" Wer weiß, wie lange das so fortgcgangen wäre, wenn nicht ein plötzlicher Ruck an seiner linken Hand, mit welcher er die Zügel hielt, ihm die Zunge gelähmt und das Blut in den Adern erstarren gemacht hatte. Der hungrige Gaul, welcher in der Regel nicht sehr stark zu dejeuniren pflegte, benutzte den unbewachten Moment, um von dem saftigen Gras eines nahen Bcetrandes sich ein MaulvoU zu nehmen. Leo gerieth ins Schwanken, er rutschte von rechts nach links und wieder retour, und nur Hans, der i.n schnell am Arm erwischte, bewahrte ihn vor dem Hinunterpurzeln. Die Damen bestiegen das im Sonnenschein glänzende und funkelnde Gespann, der Groom schwang sich auf den Kutscherbock und die Truppe setzte sich in Bewegung; Hans mit Leo auf der einen Seite der Kalesche, die beiden andern Kavaliere auf der andern Seite. Leo schielte mit begehrlichen Blicken auf die schwellenden Polster des Wagens, und dachte, Sehnsucht erfüllt, wie süß es sich dort ruhen ließe — und er muß da oben unter ewigem Hangen und Bangen die ärgsten Folterqualen durchmachen und sich einen ״Wolf" aufreiben! — Er tröstete sich aber mit dem Gedanken, daß eine jede hervorragende Stellung im Leben ihre Opfer heische, und mit etwas leichterem Herzen setzte auch er sein Pferd in Bewegung. Die sonst so verlassenen Bergwcge waren heute lebhaft bevölkert, auch aus dem Gebirge eilte Alles in die Stadt, um dem anziehenden Schauspiele der Wett׳- rennen beizuwohnen. Man konnte häufig rollenden Equipagen und eilig marschirenden Fußgänger-Gruppen begegnen. Hans, der neben dem Wagen ritt, und ein ziemlich geschcidtcr Junge war, unterhielt eine geistreiche Causerie mit Hedwig, über welcher er ganz die schmerzvolle Existenz seines Freundes Leo vergaß. Aus einmal hörte er sich in einem hülfesuchenden Ton beim Namen gerufen; er wandte sich um und gewahrte erst jetzt, daß Leo sich nicht mehr an seiner Seite befand. Dieser war nämlich — man verzeihe mir den maritimen Ausdruck — ans den Sand gefahren und saß, oder besser gesagt, lag, etwa fünfzig Schritte rückwärts, fest, während das Pferd einige Schritte abseits nach Herzenslust im üppigen Grase weidete und sich mit großer Seelenruhe, den Schweif nach rechts und links wedelnd, die Fliegen abtrieb. Das fromme Thier hatte sich nämlich von dem saftigen Futter gar mächtig angezogen gefühlt und war stehen geblieben, um ein halbes Stündchen zu grasen, und als sein hartherziger Reiter ihm selbst dieses bescheidene Vergnügen mißgönnte und es durch unablässiges Zerren am Zügel und mit einigen zaghaften Versuchen mit dcn Sporen belästigte, machte eS kurzen Prozeß mit ihm; — eS warf den Kopf in die Höhe, fletschte die Zähne, zog die Ohren ein und beförderte ihn schließlich mit einem einzigen Ruck von seinem buckligen Rücken auf die Erde. Jetzt lag er dort im Sand und rief aus seinen Nöthen die Hülfe seines Freundes an. Hans entschuldigte sich für einige Augenblicke bei den Damen und ritt zurück, um den gefallenen Apoll wieder aujzurichten. Neben.den anderen Tugenden besaß Leos Rosinante auch noch die, daß sie auf einem Auge stockblind war, sie bemerkte daher dcn nahenden Reiter nicht und ließ sich von ihm ganz gemächlich am Zaume fassen. ״Wird das Thier jetzt nicht za aufgeregt, zu unbändig sein?" fragte Leo ängstlich, besorgt zu seinem Freunde aufblickend, der ihn antrieb, endlich einmal hinaufzuklettern. ״Ei freilich," gab Jener zur Antwort. ״Du siehst doch, ich kann cs tamn am Ausreißen verhiudcrn." ״Aber ohne Scherz, Haus. Siehe, wie verdächtig es die Ohren spitzt.... wie die Schnauze vibrirt... " Hans brach in ein schallendes Gelachter aus; er mußte sich die Thränen aus den Angen wischen. ״Wirklich, die untrüglichen Zeichen einer hochgradigen Nervosität. Es wäre gut, ihm ein nervenberuhigendes Mittel cinzngeben.... oder, hast Du Dein Riechfläschchen bei Dir?" ״Meinst Da wirklich, daß das nützen wird?" fragte Leo zweifelhaft und griff in die Hosentasche. Das ging denn aber doch schon über die Gemüthlichkeit. ״Du Schafskopf," schrie HanS ärgerlich, ״sichst Du denn nicht, daß diese Kuh in Pserdegestalt froh ist, aus den Füßen stehen zu können? Meinst Du, ich werde Deinetwegen das Wettrennen verpassen? Steige auf, oder Du kannst Zusehen, wie Du mit diesem Kadaver fertig allein wirst!" ״Nu, nu," machte Leo beschwichtigend, der eS auf diesen Fall nicht ankommen lassen wollte, und arbeitete sich mühsam in die Höhe. Hans warf ihm die Zügel zu. ״So! Nun — Gyüh — hü — ho!" HanS konnte schreien, so viel er wollte, bas' Pferd that, als ob der ganze Vorgang es gar nichts anginge. (Fortsetzung folgt.)