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Jeschurun · 1886-06-03 · Heft 22 (3.6.1886) · p. 350

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
19 (1886)
Issue
Heft 22 (3.6.1886)
Article
Rußland [Nachricht]
Date
1886-06-03
Page
350 (sequence 2)
Language
German
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850 * Lodz, 24. Mai. Der Bau der großen Synagoge, welcher sich wegen mangelnder Geldmittel mehrere Jahre verzögert hat, wird nunmehr seiner Vollendung entgegengeführt werden. Man gedenkt bereu Einweihung gegen Ende des Jahres vornehmen zu können. Die Bankosten werden sich auf mehr als 250,000 Nudel belaufen. — HerrJsraclPoSnanski hatte die Summe von 200,000 Rubel zur Errichtung eines jüdischen Krankenhauses gespendet. Er fügte dieser hochherzigen Schenkung jetzt auch die unentgeltliche Ucberlassung eines Bauplatzes hinzu. Mit dem Bau wird jetzt begonnen. (Hazephira.) Amerika. R. Newyork. In Castle Garde sind im Monat April 1031 jüdische Einwanderer angelangt, und zwar 443 Männer, 260 Franc», 328 Kinder. Der Nationalität nach verthcilt, kommt hiervon auf Frankreich und der Türkei je ein, aus England und Dänemark je zwei, auf Rumänien 28, auf Deutschland 40, auf Oesterreich 309, auf Rußland 639. Von diesen Ein- Wanderern verblieben 776 hier und 225 reisten weiter westwärts. Mmmte Immgen. Von Samuel Bert hold Nosner. (Alle Rechte Vorbehalten.) (Fortsetzung.) Ucbrigenö muß man ein so ungewöhnlich großer Hasenfuß sein, wie es unser Freund Leo ist, um auf dem Rücken dieses Kleppers, dessen Jugcndfeucr, wenn ihn über׳- Haupt je ein solches durchlodert hatte, unter Nahrungssorgen der schwersten Art und unter dem Einflüsse des reisen Lebensalters längst erloschen war, eine solche Todesangst zu empfinden. Mit der Bitte um strengste Diskretion will ich auch vcrrathcn, daß unser geschätzter Freund auf dem Rücken eines Micthgauls sitzt, den er um die Summe von drei Gulden und fünfzig Kreuzern für den heutigen Tag zur unbeschränkten Nutznießung gemicthet hat. Aber, wie schon gesagt. daS ist tiefstes Geheimniß oder soll es wenigstens sein, denn Leo hält sich fest überzeugt, daß er diesen edlen Renner um dreihundert Gulden gekauft hat und daß cS kein vernünstigcS Geschöpf auf dem weiten Erdenrund giebt, welches an der Notorietät dieser Thatsache zweifelt. Was sind ihm dreihundert Gulden! Er hat das Pferd direkt für die Dauer der Wettrennen gekauft und wird cS nach Beendigung derselben wieder an den ״Mann" bringen. Dieser ״Mann" bedeutet aber zweierlei Individualitäten, je nachdem Uneingeweihte oder Eingeweihte sich ihn vorzustellen versuchen; die Ersteren verstehen nämlich darlmtcr einen Käufer, die Letzteren aber den Vermicthcr der kläglichen Schindmähre. — Nur in den Momenten, da er sich den imposanten und bewältigend noblen Anblick veranschaulicht, welchen er so hoch zu Roß bieten muß, verschwindet daS Zucken der Furcht und des Schmerzes — der Sattel reibt grausam — aus seinem Angesichte, welches an dessen Statt von einem gl orienhaften Glanze verklärt wird. Ein solcher Moment ist cS auch, da er, sein Pferd zärtlich über den Hals streichelnd, an seinen Nachbar die scelenvcrgnügte Worte richtet: ״Was sagst Du zu meinem ,Thiers, Hans?" ״Meinst Du Deine» Pudel?" ״Pudel — Pudel — ich meine mein — Thier, mein Pferd." ״Ja so — Dein Pferd. was soll ich dazu sagen? Ich bin immer noch der Ansicht, daß es, in Berücksichtigung seines psychischen und physischen Zustandes eine ungebührliche Zumuthung ist, von ihm zu verlangen, daß es einen so schweren Bengel, wie Du, einige Stunden auf dem Rücken schleppe. Ich rathe Dir, wenn Du Dir keinen Prozeß mit dem Prinzipal aufhalsen willst, jo steige ab und führe das Pferd den ganzen Tag schön sacht an Zaun — sonst fällt cs in einer Stunde ganz gewiß unter Dir zu- {ammen." Die bleiche Furcht befiel doppelt stark die Seele Leo's — er wußte, was ein Zusammensturz des Pferdes für dessen Reiter za bedeuten habe. In der Bestürzung beachtete er gar nicht den verletzenden Sinn, welchen die Worte ״Prinzipal", ״Prozeß" enthielten, er dachte au nichts als seine Haut in Sicherheit zu bringen: im Geiste sah er sich schon arg zerquetschtunter der Masse seines faulen VierfüßlerS liegen. Was sollte dann ans seinem Schnurrbärtchen, welches ihm heute volle drei Stunden Zeit gekostet hat, aus seinem Pince-ncz, aus dem Jockeyanzug, aus den unzähligen Eroberungen und endlich ans ihm im Ganzen werden? ״Du meinst doch das nicht gar im Ernst?" fragte er seinen Freund mit zugcschnürter Kehle. Ein gewaltsam hcrvorbrcchcudcS Gelächter desselben machte ihm die Situation klar. Er wurde grenzenlos wüthend, aber er mußte seine Wuth in sich ersticken, denn seine gegenwärtige verdammt heikle Position legte ihm mannigfaltige Reserven ans. ״Unsinniges Gewäsch," brumnite er bissig, ״Prinzipal — Prozeß! Als ob ich Jemandem für mein Thier verantwortlich wäre."; Da er aber nun einmal nolens völens sein sittsam sich verhalten mußte, wollte er wenigstens seine Sanftmuth so gut wie möglich zu seinem Vortheile ausnutzen. Cr neigte sich vertraulich zu seinem Nachbar und raunte ihm ms Ohr: ״Daß Du aber Dein Ver-

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