Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 19 (1886)
- Issue
- Heft 22 (3.6.1886)
- Article
- Österreich-Ungarn : Wien [Nachricht]
- Date
- 1886-06-03
- Page
- 348 (sequence 2)
- Language
- German
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348 zu Felde gezogen wird, so können wir bedauernd und abwchrcnd gegen solche Angriffe für unser Heiligthum auftreten. Wenn aber von jüdischer Seite die Axt gegen das Kleinod Israels zum vernichtenden Streiche geführt wird, dann ergreift uns tiefes Weh, und unsere Seele wendet sich mit Abscheu und Entsetzen von solchem vatermörderischem Sakrilcgium ab. Da ist die ״Neuzeit", welche sich als Vertreter des Jndenthums, der Wiener Gemeinde und der Allianz aufspielt und trotz des von jeher eifrig betriebenen Guerillakrieges gegen das Indem thum leider von vielen Unkundigen als solcher betrachtet wird, so — cs fehlt der parlamentarisch zulässige Ausdruck für solches Gebühren — so charaktervoll, ehrlich und wahrheitsliebend, der Welt die horrende Unwahrheit zu verkünden, daß den jüdischen Schülern das Schreiben am Sabbath — religiouSgesctzlich gestattet sei. Angesichts der auch in dieser Zeitung erwähnten Ministcrialverfügungeu, welche den jüdischen Schülern die Beobachtung deS jüdischen Religionsgesetzes in dieser Hinsicht verbietet, ist diese neueste That der ״Neuzeit" selbst bei ihr eine sehr starke Leistung. Sie hatte immerhin bei Manchem doch noch einen solchen. Kredit von Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit, daß man ihr eine derartige Leistung nicht zutraute. Ja, die ״Neuzeit" versteht sich trotz Rohling und Justus auf die Kunst, auS den jüdischen Religionsquellen Alles, auch das Unwahrste und Widersinnigste, zu dcduziren. Sic ist nämlich kühn genug, um den Beweis für die völlige Gesetzmäßigkeit des Schreibens am Sabbath seitens der jüdischen Schüler ans dem Schulchan Aruch beweisen zu wollen. Sie beruft sich auf Orach Ehajim 306, 11, wo eS heißt: 1nau darf am Sabbath von einem Nichtjuden ein HanS in Palästina erwerben, von diesem den Verkaufsakt unterzeichnen und bei Gericht deponiren lassen. Nach den nähern Erlüuterungen handelt cS. sich hier um מצות ישוב הארץ, und deshalb hat man gestattet, daß der Nichtjude diesen Akt, bei welchem ein Jude als Gegenpart betheiligt ist, unterzeichnet. Was folgert die Wahrheit und Ehre liebende, gelehrte ״Neuzeit" hieraus? Man höre und meistere seine Entrüstung! Sie hat die unerhörte Dreistigkeit, den Nichtjuden in einen Juden zu verwandeln und dann zu schreiben: ״Sagt doch die Halacha(!!), daß man wegen der Erwerbung eines HauseS in Palästina am Sabbath einen Vertrag schreiben darf; (der Nichtjude, nicht der Jude — diese ESkamotagc kennzeichnet die ״Neuzeit"!) da wäre eS ja eine Blasphemie (!) sondergleichen, anzunehmen, daß unsere Religion den Besitz eines Hauses in Palästina, das überhaupt nach dem Exil ein eingebildetes, weil unsicheres Eigenthum ist, höher schätzt als die Besitzergreifung von Wissenschaften und Kenntn i s s e n!!" Wer will nach solcher Leistung der ״Neuzeit" diese noch fernerhin als ein jüdisches Organ ansehen? —Der judeufeindliche Ncformvcrcin will nächstens eine große Antisemitcnvcrsammlung hier abhaltcn und ist augenblicklich noch um die Wahl eines Lokals vcrlegen. Sollte dem Vorstande nicht anznrathen sein, das Redaklionsbüreau der ״Neuzeit" zu akquirircn und die Gelehrten der ״Neuzeit" zu Ehrenmitgliedern zu ernennen? p. Lemberg, Mai. Für die Dulder Moses Ritter und deffen Gatten ist bis jetzt eine Summe von etwa siebentausend Gulden eingegangcn, welche zum Ankauf eines Grundstückes benutzt werden soll, auf welchen: das Ehepaar den Rest seines Lebens in Ruhe und Gesundheit verbringen möge. - Jglarr, 25. Mai. Heute Morgen um drei Uhr ist in Humpoletz ein Schadenfeuer ausgebrochcn; elf Häuser sammt den Nebengebäuden und die Synagoge sind abgebrannt. 8?. Aus Ungarn, Mai. Sie liegen sich in den Haaren — nicht das Budapestcr Rabbiner- — Seminar und das Budapcster neologe Nabbinat. Diese werden sich sicherlich schon dahin geeinigt haben, daß das Rabbiuat wohl recht habe, aber doch ein wenig vorlaut gewesen — wir meinen die Antisemiten. Ein Antisemit der feinem Thonart. der den Antisemitismus gern in die Zwangsjacke der Moral und Ehrlichkeit stecken mochte, Namens Rittncr, veröffentlicht eine Brochürc unter dem Titel ״Juan v. Simonyi oder die Vcrjudung des Antisemitismus in Ungarn," in welcher er seine Erlebnisse als Mitarbeiter deS ״Westungarischcn Grenzboten" mittheilt. Vor Allem erfahren wir aus dieser Brochüre, daß Simonyi mit der deutschen. Grammatik nicht auf bestem Fuße stehe. Es ist dies um so bemcrkeuSwerther, als Simonyi sich als Pfleger der deutschen Sprache in Ungarn geriete. Sodann erzählt der Verfasser die Leiden, die er von Seiten Simonyi's auSzusteheu hatte, wie derselbe mehrere mal Verträge und gegebenes Ehrenwort gebrochen. Es ist dies von um so größerem Interesse, als daraus ersichtlich ist, daß nicht einmal Antisemiten gegenüber der Antisemite immer Recht gelten, sondern sich von Eigennutz und vom Vorthcile seines eigenen SeckclS leiten läßt. Ja, selbst den heiligen Altar der VereinSkasse der Antisemiten übervortheilte Herr Simonyi, der Heros von Prcßburg, um 200 Mark, indem er sich die Reisespcsen zum Chemnitzer Kongreß bezahlen ließ, trotzdem er ein Freibittet besaß. Der Verfasser gelangt zur Ueberzeugung, ״daß cS unter den ungarischen Antisemiten nicht sowohl ciuzelne reudige Schafe giebt, sondern vielmehr die ganze Heerde verrcudet ist." Herr Simonyi wollte durch Jntrigue einen Mitarbeiter zum Austritt bewegen, doch willigte ein Jude, der im Solde Simonyi's steht, nicht ein. ״Der Jude war also anständiger und charakter-