Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 19 (1886)
- Issue
- Heft 22 (3.6.1886)
- Article
- Deutschland : Berlin [Nachricht]
- Date
- 1886-06-03
- Page
- 347 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- correspondence
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2932754-2933154-2933176--22099-2965851- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
847 Angriffe zu beleuchten. Es hatten sich auch viele Mitglieder des ,.Vereins Deutscher Studenten", welcher die studirendc Jugend nach dem Herzen Stöckers repräsentirt, cingefuudcn, um ihren verehrten Meister gegen etwaige Verunglimpfungen zu schützen. Aus der sehr lebhaft geführten Kontroverse!heile ich Ihnen das Folgende mit. Herr Abgeordneter Hintze, Vorsitzender des Akademisch liberalen Vereins, wies zunächst Stöckers Beschuldigungen gegen den Verein, als habe derselbe eine unpatriotischc und materialistische Tendenz, kräftig zurück. Er wandte sich dann gegen die Stöcker'sche Behauptung: daß das Judcnthum die Schuld dafür trage, daß ein großer Thcil der Deutschen unpatriotisch sei, weil die Judcnpressc den deutschen Geist vernichtet habe. Wenn der deutsche Geist so schwach ist, rief Herr Hintze, daß er durch die geringe Zahl der Juden vernichtet werden kann, dann allerdings ist er kaum der Achtung wcrth. Er forderte von Herrn Stöcker auch den Nachweis von der ״Vcrjüdclung" des Akademisch׳liberalen Vereins. Dieser von stürmischen Beifallsbczenguiigcn begleiteten Rede folgte ein eandklatus theologiae Vurghardt, welcher wahrscheinlich aus Westfalen stammt. Dieser junge Mann hat ganz eigcnthümliche Begriffe von Gerechtigkeit und Toleranz. Er behauptete, der ״Verein Deutscher Studenten" sei gar nicht intolerant. Weil aber in Westfalen es viele Wucherer gebe, welche Juden seien, deshalb bekämpfe der Verein, die Juden unter der Parole ״Mit Gott für Kaiser und Reich". Ihm ward von dem Medizincr BaginSky gehörig gedient. Der Student Fischbeck, Mitglied der Burschenschaft ״Neo Germania" erklärte u. 31 daß seine Burschenschaft Leute von Rechts und Links aufnchme, aber nicht Leute vom Schlage Stöckers. Ihm folgte ein Herr Di׳. Latzitl, welcher für den ״Verein Deutscher Studenten" eine Lanze brach und unter lebhaftem Beifall der Mitglieder dieses Vereins die Inden als ein ausländisches Gewächs erklärte. Sie wollten keine Judenhctze, Gott bewahre! Es solle nur die Emanzipation der Juden wieder aufgehoben werden! Ihm erwiderte der Redakteur Herr Karfunkel, welcher sich als .,Jude" vorstctttc, trotzdem aber für sich in Anspruch nahm, voll und ganz ein Deutscher zu sein. Er glaube nicht, daß unter den Anwesenden Viele sein dürften, deren Vorfahren so lange in Deutschland ansässig wären, wie die Seinigcn. Dr.Latzill bezeichnet er als seinen Vetter, welche Enthüllung bei der jndcnfeindlichcn Gesinnung dieses Herrn allseitige Heiterkeit erregte. Herr Karfunkel wies die Angriffe ans die Juden schlagend zurück und ries: Sie werden gegen die Juden, die mit so großer Zähigkeit an ihrem Glauben sesthalten, deren Väter sich für denselben haben hinschlachteu. lassen, durch keine Verhetzung etwas auSrichtcn! s Frankfurt a. M., 3l.Mai. Gestern fand hier unter dem Präsidium des Herrn Rabbiner Hirsch eine Versammlung der Freien Vereinigung für die Interessen des orthodoxen JndenthumS Statt, an welcher außer den Mitgliedern des provisorischen Komitees verschicdene Herren Theil nahmen, welche sich um daS Zustandekommen der Vereinigung bemüht und ein warmes Interesse für ihre Zwecke an den Tag gelegt hatten. Nachdem Bericht über den gegenwärtigen Stand erstattet war, (die Vereinigung zählt jetzt 1050 Mitglieder) wurde ein Stalutenentwurf einer eingehenden Prüfung und Besprechung unterzogen und die Berufung der Generalversammlung zur Konstituirnng der Bcreinigung auf Montag den 21. Juni d. I. beschlossen. m Lyck, 27, Mai. Der Redakteur der hebräischen Wochenschrift ״Hamagid", Herr David Gordon, ist dieser Tage verstorben. Er vertrat in seiner Zeitung die Interessen des traditionellen JndenthumS. Wenig und mühevoll waren seine Tage. Er erreichte nur ein Alter von vienmdfünfzig Jahren. ת׳ג״צ׳ב׳ה. * München, im Mai. Die israelitische Gemcinde von Nördlingen, welche aus 85 Gemeinde- Mitgliedern besteht, baut eine Synagoge, die bis nächsten August fertig sein wird. Die Kosten des Baues und der Einrichtung belaufen sich auf ca. 120,000 Mark. Hiervon wurden 80,000 Mark als Anlehcn ausgenommen, und 40,000 Mark sollen von den Gemeindemitglicdern getragen werden, und zwar dadurch, daß verheirathete Familicnhänpier 400 Mark für 2 Plätze, unverheirathete je 200 Mark für einen Platz in der neuen Synagoge bezahlen sollen. Der Nördlinger Stadtmagistrat be- (tätigte den Beschluß, wogegen 6 Gcmeindemitglicdcr bei dem VerwaltnngsgcrichtShof Beschwerde erhoben haben Rechtsanwalt Dr. Wassermann, welcher die Beschwerde bei der Verhandlung vertreten, erklärte den betreffenden Beschluß als einen Eingriff ans die Gewissensfreiheit, ganz abgesehen von der völlig ungerechtfertigten, nnbilligen Belastung aller selbstständigen Gemcindcmitglieder ohne Rücksicht ans deren Steuerkraft und Leistungsfähigkeit. Rechtsanwalt Dr. Hcllmann, der die Kultusgemeinde vertritt, fand den Beschluß zweckmäßig und erblickte bei der anerkannten Zahlungsfähigkeit der Israeliten in Nördlingen keine ungehörige Belastung darin. Staatsanwalt Dr. Schaff beantragte in seinem Gutachten, daß der Beschwerde stattzngeben sei. DaS Urtheil, das am 9. April verkündigt wurde, lautet dahin, daß der Beschluß der Kultusgemeinde ausrecht zu erhalten und die Beschwerdeführer abzuweisen seien. (Laubhütte.) Oesterreich-Ungarn. O. Wien, 26. Mai. Wenn von fremder nnkundiger oder böswilliger Seite gegen das Judenthum