Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 19 (1886)
- Issue
- Heft 21 (27.5.1886)
- Article
- Erkannte Irrungen
- Date
- 1886-05-27
- Page
- 335 (sequence 2)
- Language
- German
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335 selbst, und zwar mit viel mehr Berechtigung als Sie, erheben; Sie sind eS, die uns in Mißkredit bringen — das heißt.mich nicht." ״Nein, Sie nicht." ״Aber eS wäre Schade, hierüber noch ein Wort zu verlieren. Ich betrachte die Sache als vollkommen abgethan. So wie ich mich ohne ,koschere* Kost recht gut befinde, so fühle ich auch nicht das Vedürfniß nach einer ,koscheres Sozietät. Ich fühle mich in meiner gegenwärtigen Stellung so angenehm wie möglich." ״Wohl bekomm'S, mein Herr." Der Bankier ging. Bald nach seinem Weggehen kam ein Lake! herein und meldete, daß die Equipage zur Disposition des gnädigen Herrn stehe. Der Herr Doktor schloß sein Privatlabinet ab, hinterließ dem Büreauleitcr einige Informationen und bestieg eine leichte Chaise. Heute war der erste Wettrcnntag, und der Herr Doktor ließ sich zum Wettrennplatz hinausfahren. In den Gassen der Stadt pulsrrte das Leben in einem vollen lärmenden Strom. Elegante Kaleschen mit noch eleganteren Insassen rollten ununterbrochen über das Straßenpflaster, und eine unzählbare Menschenmenge fluthete auf dem Trottoir; eine freudige, erwartungSvottc Spannung beherrschte die Physiognomie des Einzelnen und der Gcsammtheit. Und diese ganze, große Bölkcrwandernng bewegte sich nach derselben Richtung, ihr Ziel war die Wettrcnnbahn. Außerhalb der Stadt befand sich ein sehr großer, ebener Wiesenplan, auf welchem alljährlich die Wettrennen abgchalten wurden. An einer Stelle der Rennbahn, von welcher man am besten das weite Feld überblicken konnte, war ein pavillonartiges, umfangreiches Gebäude aus Holz aufgeführt, welches die Logen und sonstigen Plätze für die Zuschauer enthielt. Rechts von diesem Gebäude befand sich eine luftige Ncstaurationshalle, während es nach links von anderen Sportszwccken dienenden Baulichkeiten, wie Waage, Totalisatortribüne u. s. w. flankirt wurde. Die Dächer aller dieser Baracken umwehte heute ein ganzer Wald bunter Flaggen und Wimpel. Die eigentliche Rennbahn war durch Rampen unzugänglich gemacht, welche eine unzählbare Menge, Kopf an Kopf gedrängt, besetzt hielt, die halbe Bahn mit einem schwarzen Menschenrahmcn umfassend. Auf dem inncrn Raume des durch die Rennbahn beschriebenen Kreises herrschte ein lebhaftes, Treiben; diesen Raunt erfüllten wimmelnd die Tausende der Gratiszuschauer, die entweder keine Lust oder kein Geld oder auch keines von Beiden hatten, sich eine Karte zu nehmen. Die niederen Hügel des Terrains hielten dichte, mit Feldstechern bewaffnete Gruppen besetzt; Kavaliere und Offiziere zu Pferde, welche den Preisbewerbern cutgegenreiten wollten, um so jede Phase des Wettstreites beobachten zu können, ragten aus dem Gewühle heraus, und neben den: Geräusch der großen Menschenmenge erfüllte auch der Lärm der Selcher, Bäcker, Bier- und Programmverkäuser die Lust, welche laut schreiend ihre Maaren anboten und priesen. Während dessen spielte eine Militärkapelle fröhliche Weisen; die glänzenden Equipagen wuchsen zu einer immer imposanter werdenden Wagenburg, an und die Logen-. Sitz- und Stehplätze füllten sich allmählig.— Bor der breiten Freitreppe der Friede'schen Billa hielt ein prächtiger, mit blauer Seide gepolsterter Laudauer, an dessen Seite eine Gruppe von vier Reitern in Sportkostüm auf etwas zu warten schienen. Dieses Etwas waren die Friede'schen Damm, Mutter und Tochter, welche gegenwärtig noch unter den Händen ihrer Zofen sich besanden und die letzten Metamor* phosen der allmächtigen Rivalin OvidS. der Mode, an sich vollziehen ließen. Unter den Reitern erblicken wir auch unseren lieben Bekannten Ludwig alias Leo alias Louis. Er wird gar nicht uiüde sich in seinem kleinen Taschenspiegel zu besehen — er findet, daß sein Gesicht durch die Iockeikappe um hundert Prozent an Unwiderstehlichkeit zugenommen hat und er denkt mit einiger Besorgniß daran, was er mit Len vielen zarten Herzen, die ihm voraussichtlich im Sturme haufcuwcis zufliegen werden, anfangen wird? Gleichzeitig regt sich auch in ihm ein edles Mitleid mit jenen armen Täubchen, über welche er das namenlose Unglück einer hofsuungslosen Liebe hcraufbeschwörcu wird; denn das ist ja klar, daß er nicht im Staude sein wird, alle erweckte Leidenschaften zu erwidern. Die Aermstcn — sie wären wahrlich besseren Looses würdig gewesen! Aber — was kann er denn dafür, daß ihn das Schicksal mit solchen gesährlichen Reizen bedacht hat? Mit einem resignirten und unschuldvollen Lächeln bringt er sein Gewissen zur Ruhe. Ein Sportsman von Fach würde an seiner Haltung zu Pferde Manches auSzusetzcn finden; die Steigbügel sind hoch hinaufgegangen und seine in dieselben gestemmten Füße stehen so steif wie Stelzen weit von dem Bauche des Pferdes weg. Er klammert sich mit beiden Händen krampfhaft au die Zugel, wie au ein NettuugSseil, und wenn er ermüdet die Füße ein wenig ein biegt, dann sieht man erst wie sie vor Augst und Müdigkeit schlottern. Und diese noble Schinderei soll zum Mindesten noch zwei bis drei Stunden dauern! Sein Gesicht durchzuckt ununterbwcheu eine bange Aengstlichkeit, die er sich vergebens bemüht, niederzukämpfeu und zu verbergen. (Fortsetzung folgt.)