Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 19 (1886)
- Issue
- Heft 21 (27.5.1886)
- Article
- Österreich-Ungarn : Wien [Nachricht]
- Date
- 1886-05-27
- Page
- 331 (sequence 2)
- Language
- German
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331 Versammlung bezeichnte vr. Weitlof ״Abwehr der Verkürzung der staatsbürgerlichen Rechte" als einen der Zwecke des Deutschen Klubs. In dem Programme des Deutschen Klubs vom 23. September v. I. endlich heißt es: ״Wir sind nicht nur eine nationale und sozial-refonnatorische und daher antikorruptionistischc Partei, sondern wir halten auch treu zu unseren frcihcitlichen Idealen." Wie laßt sich die Rede des Dr. Stemmender mit diesen Kundgebungen des Deutschen Klubs, dem auch der Abgeordnete Steinwender angehört, in Einklang bringen? G. Wien, 21. Mai. Wie die Vlüthe unserer Jugend, die Studentenschaft, von dem Gifte des AntisemitiSmus infizirt ist, beweist ihr Verhalten bei dem kürzlich veranstalteten Kommers zu Ehren des verstorbenen Dichters Viktor v. Scheffel. Juden waren zu demselben nicht zugelassen worden, vielmehr ausdrücklich publizirt. daß die ausgcgcbcncn Eintrittskarten für Juden keine Gültigkeit haben sollten. — Herr v. Schönerer schreibt in seinen ״Unverfälschten Deutscheu Worten" das Folgende: ״Wir sind auch der Meinung, daß das große Geserrcs (!) der Judenblätter über den ,Brand von Stry׳ nur darin seinen Grund hat, daß Juden die Betroffenen sind, und nur den Zweck, diesen Juden zu schönen, unentgeltlichen neuen Häusern an Stelle der abgebrannten, schmutzigen, halb verfallenen und werthloscn Hütten zu verhelfen. Israel versteht cs eben, aus Allem ein Geschäft zu machen." DaS nennt man doch human, und das sott ״unvcrfälscht deutsch" sein!! K. Lemberg, 17. Mai. Das Verhalten des ungarischen UnterrichtSministcrS gegen die jüdischen Schüler hinsichtlich des Schreibens und Zeichnens am Sabbath hat bedauerlichst bei seinem cisleithanischen Kollegen solchen Beifall gefunden, daß er in seine Fußtapfen getreten ist. Auch den galizischen Schulen ist ein Ministerialerlaß zugegangen, nach welchem den jüdischen Knaben fortan nicht mehr gestattet sein soll, das Gebot der Sabbathhciligung zu respektiren. Von Seiten des Vereins ״Schomer Israel" ist in Folge dessen eine Vorstellung an den Minister abgcgaugcn, welche also lautet: ״Die Tagesblätter brachten in den jüngsten Tagen die Mittheilung, daß das hohe k k. Ministerium für Kultus und Unterricht in neuester Zeit einen Erlaß herausgegcben hat, wornach die bislang den Schülern jüdischen Glaubens gewährte Befreiung vom Schreiben und Zeichnen an Samstagen künftig nicht mehr zu bewilligen ist. Der Verein ״Schomer Israel" in Lemberg, dessen statutenmäßige Aufgabe es ist, die jüdischen Interessen \\\ wahren, hegt die volle Ueberzeugung, daß durch diesen Erlaß nicht nur jüdische Interessen verletzt werden, sondern daß dadurch die Hindernisse, welche dem so sehr wünschenswerthen allgemeinen Schulbesuche der jüdischen schulpflichtigen Jugend im Wege stehen, wesentlich vermehrt wurden. Die Sonntage und alle katholischen Feiertage werden in sümmtlichcn Schulen durch ganzliche Befreiung vom Schulunterricht an diesen Tagen respcktirt. Die jüdische Bevölkerung kann als Minorität nicht die gleiche Berücksichtigung fordern und erblickte in der bis nunzu gewährten Befreiung der Schuljugend vonr Schulbesuche an bcu jüdischen Hauptfeiertagcn und sodann vom Schreib- und Zeichenunterrichte an Sabbathcn, eine werthvolle, möglichste Anerkennung der Gleichberechtigung. Dies soll nun anders werden aus angeblichen didaktischen Gründen, welche bis nun zu keinen erheblichen Uebelständcn und Klagen führten. Die gewährte Befreiung vom Schreib- und Zeichnenunterrichte an Samstagen war geeignet, die große Masse der strenggläubigen jüdischen Bevölkerung mit der öffentlichen allgemeinen Schule auszusöhncn, während die Untersagung dieser Befreiung diesen großen Theil der jüdischen Bevölkerung zu schwerer Gewisscnskollision führt und in der Folge eine Verminderung des Schulbcsuches seitens der Kinder dieses Thciles der jüdischen Bevölkerung bewirken wird, eine Konsequenz, welche ebenso vom allgemeinen kulturellen, als auch vom staatlichen Standpunkte höchst beklagenswert!) ist und in Angesicht welcher der minutiöse didaktische Grund der Aufhebung dieser Befreiung sehr gering in die Wagschale fällt und füglich übergangen werden kann. Gestützt auf diese Gründe, bittet der ergebenst gefertigte Ausschuß des Vereins ״Schomer Israel": Euer Exzellung geruhen zu verfügen, daß die bis nunzu an den Sabbathcn gewährte Befreiung der jüdischen Schuljugend vom Schreiben und Zeichnen auch weiteres zu ertheilen sei. Der Ausschuß des Vereins ״Schomer Israel". *0* Pest, 20. Mai. Der Antisemitismus zeitigt gar sonderbare Früchte. Da hat einer der Obermeister desselben, der Abgeordnete Freiherr v. Andreanski, am vergangenen Montag eine kostbare Probe geleistet. Er begründete seine ablehnende Haltung gegen die Bewilligung für die Munkacs-BeSkider Bahnstrecke folgcndcrmaßcn: ״Das Ministerium hat diese Bahn nur für die Juden gebaut, welche Kaftane tragen und aus Galizien gern nach Ungarn kommen wollen. Also den galizischen Juden zu Gefallen! Die Negierung müßte für solche Handlungsweise in den Anklageznstand versetzt werden. Einem Ministerium, welches Bahnen baut, damit Ungarn von galizischen Juden leichter und rascher überschwemmt werden kann, bewilligeich keinen Kreuzer!" Sprach's unter Beifall der gesammtcn antisemitischen Partei und setzte sich nieder! 8. Znrmvno (Galizien), im Jjar. Einer der edelsten Männer, ein wahrhafter איש קדוש וטהור ist kürzlich von hinnen geschieden. Chajim Herzmann