Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 19 (1886)
- Issue
- Heft 21 (27.5.1886)
- Article
- Pirqe avot
- Date
- 1886-05-27
- Page
- 326 (sequence 2)
- Language
- German
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826 Arach's aber in der andern, würde er sie alle aufwiegen. Oft ist das sittliche Verdienst eines Minderbegabten, der nur einen bescheidenen Grad des Wissens erlangt hat, ein weit größeres als dasjenige eines Hochbegabten, der einen hohen Grad des Wissens sich angeeignet hat. Das bescheidene Wissen des Wenigbegabten verdankt er seiner außerordentlichen Anstrengung und Hingebung, während den Andern das Lernen in Folge seiner günstigen Begabung außerordentlich leicht geworden, und er den Grad seines glänzenden Wissens in erster Linie seinen BildungSanlagcn verdankt. Er hat nur das Verdienst, die Anlagen, die ihm sein Schöpfer gegeben, nicht vernachlässigt und sie ihrer Bestimmung gemäß gebraucht zu haben, ein Verdienst, welches der Minderbegabte mit seinem bescheidenen Wissen mit ihm theilt. Im Munde eines Nabbi Zochanan den Sakai, der, selbst ein Muster des umsassendsten Wissens, eine sehr große Schülerzahl hatte und ganz eigentlich unmittelbar nach dem Zusammenbruch des jüdischen StaatslebenS der Träger und Fortcrhaltcr der Lehre war, war dieser Ausspruch doppelt bedeutsam. Er mahnte die Tüchtigsten seiner Schüler zur Bescheidenheit und zum pflichigetrcuen Gebrauch ihrer Anlagen und ermuthigte die Minderbegabten zun! unverzagten Fortschritt. Die hier nach ihren besonderen Eigenthümlichkeiten geschilderten Füufe waren die Ansgezeichneten unter seinen Schülern. Der Nachruf אשרי יולדתו auf seine Mutter bezeichnet Nabbi Jehoschua als einen Mann von sittlicher und geistiger Vollendung. Wenn hinsichtlich des Ruhms des Rabbi Elieser Sohn Horkenos und des Nabbi Elasar Sohn Arach's die Uebcrlieferung getheilt zu sein scheint, wem die Palme gebührt, so dürfte dieses Schwanken nur scheinbar sein und Jedem für ein bestinunteS gleich wichtige« Feld der Wissenschaftslehre mit gleicher Berechtigung die Palme zuzuerkennen sein. Rabbi Elieser Sohn vorkenoS für das zuverlässig treue und vollständige Bewahren des überlieferten Schatzes der Wissenschaft, Nabbi Elasar Sohn Arach's, wenn eS sich um die reichhaltige Folgerung und vielseitige Anwendung der Gesetzeslehre zur Gestaltung der menschlichen Verhältnisse nach dem gcoffenbartcn göttlichen Willen handelt. Die allerdingS zunächst im sittlichen Gebiete sich bewährenden Charaktere ירא חטא und הסיד dürsten gleichwohl auch ihre volle Geltung für das Gebiet der Wissenschaftslehre haben. Der ירא חטא wird gewissenhaft sich vor Allem davor hüten, nichts JrrthümlicheS zur Geltung zu bringen, ihn wird die Eitelkeit nicht verführen, irgend etwas als neu entdeckte Wahrheit zu lehren, an deren Richtigkeit er selbst im Innern noch zweifelt, er wird keine irrige Meinung ansrecht halten, weil er sie einmal geäußert, sobald er sie als Jrrthum, oder auch nur als zweifelhaft eingesehen, er wird nie hartnackig auf seine Ansicht bestehen und sich gern belehren lassen. Vollends der חסיד wird auch im Gebiete der Wissenschaft die vollendete Selbstlosigkeit bewähren, ihm wird nur die Erkenntniß und Lehren dcS Wahren und Guten an! Herzen liegen, gleichgültig, ob ihm oder einem Andern daraus der Nahm der Entdeckung erwächst, ja er wird gern auf die Ansicht eines Andern eingchen, wird sie prüfen, wird, sie verbessern, wird sie mit Gründen und Beweisen zu/stützen suchet!, wird sie endlich adoptircn, wenn sie ihm die bessere erscheint, wie wir dies unzählige Male in den Verhandlungen des Talmuds finden. (Fortsetzung folgt.) Uaildelungtk. von Friedrich Nott. .. . (Nachdruck verboten. (Fortsetzung.) ״Und Ihr alter Freund, gilt Ihnen gar nichts?" fragte der SanitatSrath mit sanftem Vorwurf. ״Verzeihen Sie," bat sie, ״aber —" ״AVer —" siel er ein, ״Sie sehen Ihre Verhältnisse zu schwarz, viel zu schwarz. Ich begreife den Schmerz, den Sie um den Verlust der zärtlichsten Mutter empfinden Ich begreife die Erbitterung, die Sie erfüllt, wenn Sic dcS schamlosen Betruges Ihres Vormundes gedenken. Aber ich bitte nicht zu vergesscn, daß das Möglichste geschieht, dcö Betrügers habhaft zu werden und, Sie kennen doch das gute alte Sprichwort: Nichts ist so fein gesponnen, cö kommt doch an die Sonnen. So wollen wir denn honen, daß auch der Professor Wicsenhein mit seinem Raube recht bald wieder au die Sonne kommen möge. WaS jedoch Ihre Trauer um den Verlobten betrifft, der Sic verlassen hat, so — Sie werden sich erinnern, daß Sic nach Empfang seines letzten Schreibens ohnmächtig znsanuncnbrachen. Ihr italienischer Arzt entwand dieses Schreiben Ihrer Hand und übergab eS mir. Um Ihrer selbst willen hielten wir uns verpflichtet, Einsicht davon zu nehmen, und mit bestem Wissen und Gewissen, liebes Kind, kam! ich Sie versichern, Derjenige, dessen Verlust Sic so tief zu beklagen scheinen, ist des Gedankens nicht werth, den Sie an ihn verschwenden." ..Das sehe ich ein," erwiderte Bella, nach Fassung ringend, ״ich glaube, ich liebe ihn schon jetzt nicht mehr — ich glaube, ich würde ihn hassen, wenn ich ihn nicht so sehr verachten würde." ״Brav! liebes Kind, brav! Sie sind auf dem besten Wege."