Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 19 (1886)
- Issue
- Heft 20 (20.5.1886)
- Article
- Erkannte Irrungen
- Date
- 1886-05-20
- Page
- 319 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2932754-2933154-2933174-2965639--22008-2965685- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
819 sich vor, wenn sie herunterkommt, ihr einen solchen Stoß zu geben, daß sie mitsammt dem Fräulein weit, weit fliegen soll — bis in den Himmel hinein. Das gnädige Fräulein soll sehen, was der Pankrazius alles im Stande ist. Der Pankraz wußte gar nicht, welche Nichtigkeit es mit seiner Vornahme hatte — er stand wirklich im Begriff, sein Fräulein in den Himmel zu befördern. Wir er aber so hinaufschielte, bemerkte er mit Entsetzen, daß das Fräulein sich nur an einem Seile festhalte. daß ihre Augen geschlossen seien und ihr Kopf, auf die Brust hcrabgefallen, hin und herschwankte. Der geriebene Schlingel halte'mehr als genug Verstand, um das Kritische der Situation zu begreifen. Als die Schaukel wieder herabgeschossen kam, stürzte er wie besessen ihr entgegen, und packte sie an dem Ringe, welcher an ihrem Boden angebracht war. Die Schaukel aber flog mit solcher Schwungkraft, daß sie auch den ziemlich massiven Bengel eine Strecke weit in die Lust mitschleifte. Als Pankratius die Schaukel vollends zum Stehen gebracht hatte, sah er, daß das Fräulein blaß und regungslos in den Polstern lag; ihre Hände hielten noch immer das Seil krampfhaft umklammert. Er lief schnell zum Springbrunnen, schöpfte seinen schmierigen Hut mit Wasser voll und schleuderte es dem gnädigen Fräulein mit vielem Wohlbehagen ins Angesicht. Wer weiß, wie lange er jetzt wieder auf eine so günstige Gelegenheit warten muß, seiner Herrschaft Wasser ins Gesicht schütten zu dürfen. Ob in Folge der Berührung des kalten Wassers, oder des Duftes, welches an demselben vom Hute haften blieb, möge auf sich beruhen — genug, Hedwig kam wieder zu sich. Ihr erster Gedanke war, daß in einer solchen Höhe doch einige Vorsicht Noth thut. — Erst wenn sie gewußt hätte, warum -die edle Dame drunten so aufgeräumt gelacht hatte.! Um die überschwängliche Freude von Mutter und Tochter begreifen zu können, möge hinzugefügt sein, daß die Familie Colmar neben derjenigen des Bürger׳ Meisters die vornehmste in der ganzen Stadt war. Sie war von uraltem Adel, war die Nebenlinie eines angesehenen Grafengeschlechts und hatte Liaisons bis in die allerhöchste Sphäre des Thrones hinauf. Dank diesen einflußreichen Verbindungen befand sich Herr von Colmar selbst in sehr geordneten, wenn auch nicht abundanten pekuniären Verhältniffen und konnte, wie nicht minder Herr von Colmar fils, einer glänzenden Karriere entgegensetzen. Es war ein offenes Gehcimniß, daß Ersterer demnächst zu einer sehr bedeutenden und gut dotirten Stelle im Jnstizwesen berufen werden solle, und Franz durfte, um von seinen bisherigen Erfolgen zu schließen — er war trotz seiner scchsundzwanzig Jahre schon Rittmeister— zuversichtlich seine Augen bis zur GeneralSepaulLtte erheben. Rafael war noch nie in einer solchen unzufriedenen Stimmung von der Villa in die Stadt zurückgekehri. Er hatte die Hände auf dem Rücken gekreuzt, den Kopf gesenkt und ein galliger Unmuth zuckte aus jedem Zug seiues Angesichtes hervor. Daß der Teufel den MoseS mitsammt seiner verdammten Hypochonderweisheit dorthin cxpcdirt hätte, wo der Pfeffer wächst! — Seit jenem Gespräch mit seinem Freunde hatte sich in sein Gemüth ctw.rS Fremdes cingenistet; ein Theil vom Skeptizismus des Andern war an ihm haften geblieben. Er schaute und witterte jetzt in jedem Winkel Gespenster, und hinter den unschuldigsten Worten vermuthete er Verrath. — Sein Kopf setzte sich unbewußtju einen! ver- »einenden Schütteln in Bewegung..... Er brauste auf. WaS — ist es vielleicht etwas Anderes als eitle Gespensterseherci, als unvernünftiges Sichselbstquälcn? Und just wird er es nicht für etwas Anderes nehmen — just nicht! III. ״Mein vcrehrtcster Herr Kommcrzienrath, es thnt mir aufrichtig leid, daß Sie sich in dieser Angelegenheit hierher bemüht haben und — um offen zu sein — noch mehr bedauere ich, daß Sie Ihre Haud zu einer so unglückseligen That geboten haben." ״WaS den ersten Punkt betrifft, Herr Doktor, theile ich Ihr Bedauern vollständig, im zweiten Punkte jedoch muß ich Ihr freundliches Beileid dankend, aber entschieden ablehnen." ״Bitte, es fällt mir nicht ein, cs Ihnen gewaltsam aufnöthigen zu wollen. Chacun ä. son gout!" Diese Worte wurden zwischen Doktor Friede und Kommerzienrath Bankier Frankl in einem kleinen Kabinet des Ersteren gewechselt, welches sich anstoßend an seiner Kanzlei befand. Bei den letzten Worten steckte Doktor Friede sein Kinn so weit von sich, daß die Fläche seines Gesichtes in eine horizontale Lage kam; er zog die Achseln in die Höhe, welche er aber, der Bequemkichkeit halber, mitsammt seinem Kinn bald wieder in die frühere Position herablicß. Hieraus nahm er eine Zigarrentaschc aus achtem SeehimdSleder heraus, welche mit edlem Havannakrallt gefüllt war und reichte sie, dem Herrn Kommerzienrath hin. ״Darf ich aufwarten?" ״Ich danke, ich rauche heule nicht." (Fortsetzuug folgt.) JP r ucüfel) 1‘cr-־Wer:icHtigung in Wr. £9. Seile 297, Spalre 2, 3. Zeile von oben statt ״daß Jemand" lies ״daß nicht Jemand". WrneMcrsten bev Wedcrütion. N. N. in Paris. Wir haben Ihren inlcrressanten Brief erhallen. Da wir aber grundsätzlich von anonymen Zuschriften leine Notiz nehme«, so ersuchen wir Sie, sich unzu nennen.