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Jeschurun · 1886-05-20 · Heft 20 (20.5.1886) · p. 316

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
19 (1886)
Issue
Heft 20 (20.5.1886)
Article
Österreich-Ungarn : Wiener-Neustadt [Nachricht]
Date
1886-05-20
Page
316 (sequence 2)
Language
German
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316 sei vcrjudet, und zum Schlüsse noch einige Wiener- Neustädter Antisemiten. Die osfiziclle Kneipe dauerte bis zwei Uhr Morgens, worauf eine stramme Kneipe j folgte. In den Morgenstunden marfchirte der Rest! der Antisemiten über die Anlagen und saug vor dem! Staudbilde dcö Kaisers Joseph ״Die Wacht am Rhein." So endete diese Versammlung, die unter dem Dcckschilde des Böhmerwaldbuudes unsere friedliche Stadt auf einige Stunden in ihrer Ruhe störte. (N. fr. Pr.) * Meran. Der ״Oesterr. Wochenschr." wird von hier Folgendes berichtet: Auch in unserem Kurplatz hat der Antisemitismus die Luft verpestet, und man verspürt diesen KrankhektSstoff nicht bloS auf der Promenade, sondern auch in den öffentlichen UnterhaltnngSlokalen. Die Acußeruugcn des Hasses verursachen den zur Kur hier weilenden Juden Aufregung und Verdruß, was nicht gerade von Vortheil für die Kranken sein dürfte. Dem Tiroler Bauern ist der Jude nicht bloS ein fremdartiges, sondern auch ein sehr gefährliches Geschöpf. Wenn das Unglück ein solches einmal ihm in seinen Gesichtskreis bringt, so ergreift er mit dem Ausruf: ״Ach JcssaS, ein Jnd'!" schleimigst die Flucht. Die Besitzerin der Villa, in welcher Schreiber dieses feit acht Monaten wohnt, hat Manches zu leiden, weil sie Juden beherbergt. In der Schule wird ihrcu Kindern von dem Geistlichen eingeschärft, daß die Juden Mörder und Räuber sind, vor denen man sich in Acht nehmen muß, und die Schulkinder fragten sic, ob die Juden, die in ihrem Hause wohnen, noch keine Mordthat verübt hätten. *||* Pest, 16. Mai. Man erzählt sich hier, daß der Kaiser kürzlich sich gegen den Statthalter von Galizien, Zaleöki, in Betreff des von der russischen Negierung ergangenen Verbots des auch nur vorübergehenden Aufenthalts ausländischer Juden in Rußland ohne besondere, in jedem Falle cinzuholende Erlaubniß des Ministers, dahin geäußert habe, daß er diese den Handel und Verkehr sehr schädigende Maßregel tief bcdaurc, um so mehr, als Repressalien nicht angängig seien, da diese sich doch ebenfalls auf russische Unter־ thanen jüdischen Bekenntnisses beschränken könne. — (Line jüdische Frau, welche sich Chaje Aschkenasi nennt, macht hier augenblicklich ein gewisses Aufsehen. Sie gicbt vor, die Frau deö Moschiach zu sein. Ihr Mann, MoseS Chajim Aschkenasi, sei mit ihr wegen der Verfolgungen ans Rußland nach Safed gezogen. Dort habe er sich von ihr verabschiedet, um nach dem Auslande zu gehen, von woher er alsdann an der Spitze der Juden als Moschiach nach dem Heiligen Laude zurückkehren und seinen Einzug in Jerusalem halten werde. Die Frau glaubt fest an die messianischc Bestimmung ihres Gatten. Sie macht nicht den Eindruck einer Betrügerin. ES scheint vielmehr, als ob die ausgestandene Angst in Rußland ihren Geist getrübt habe, so daß sic auf diese fixe Idee verfallen ist. Im klebrigen benimmt sie sich allerdings ganz vernünftig. נ Bro-l), im Mai. Von gewisser Seite!nächte man den Glauben erwecken, als ob die jüngsten beklagenSwerthcn Ausschreitungen vornehmlich gegen die Juden gerichtet, oder durch das Verhalten der Juden hervorgerufen wären. Man greift zur Unterslützung dieser falschen Behauptung zu den absonderlichsten Mitteln. Zu diesen gehört auch die Statistik, welche durch das Ueberzcugende der Zahlen der Welt imponirt. Zahlen mögen richtig sein, aber die Schlüsse, welche mau ans denselben ziehen will, können falsch sein. So behauptet mau, von etwa 2400 großen Gütern in Galizien seien 400 in jüdischen Händen und die übrigen ihnen verschuldet. Man weist nach, daß die gesauunte Hypothekarschuldenlast dieser Güter sich auf etwa 190 Millionen Gulden belaufe, welche sich auf etwa 3 Millionen Hektaren vertheile, so daß jedes Hektar mit 63 Gulden belastet sei. Da aber der große Grundbesitz der ersten Magnaten, wie die Potocki, Sapieha u. A. völlig schuldenfrei sei, so treffe auf jedes Hektar der belasteten Güter SO Gulden. Ein Hektar Boden hat aber durchschnittlich einen Werth von etwa 140 Gulden, eS ergicbt sich also, daß der Grundbesitz mit 57 Prozent seines WcrthcS belastet sei und sich schon jetzt zur größeren Hälfte in jüdischen Händen befinde. Ergo seien die Juden die Blutsauger des Landmannö! Man vergißt dabei nur eine ganze Kleinigkeit. Zugegeben, daß das BelastnngSverhältniß richtig ist, so wird doch keinem vernünftigen Menschen eiufallen, das Beleihen von Grundstücken niit 57 Prozent deS wirklichen Werths Blutsaugen zu neunen. Es möchte überhaupt dieses ganze BelastungSverhültniß keineswegs erstaunlich erscheinen. Jedenfalls aber würde dem Herlciher keinerlei Vorwurf treffen können. Dieses, wenn in der That diese Zahlen richtig wären, und wenn die Gläubiger dieser 190 Millionen sämmtlich Juden wären. Das aber ist ganz bestimmt nicht der Fall, und das Ganze ist nichts als eine tendenziöse, antisemitische Lüge und zwar eine sehr plumpe. * Lemberg. Wir bringen ׳folgenden Aufruf gern zur Veröffentlichung und hoffen, daß derselbe dazu beitragen möge, das Unglück der schlvcr getroffenen Brüder zu lindern. ״Die Bezirksstadt Stryj in Galizien welche eine Einwohnerschaft von 15000 Seelen, darunter mehr als 10000 jüdische zählt, ist an! verflossenen שבת הגדויל Mittags ein Raub der Flammen geworden. 600 Häuser sind vollständig cingeäschert, das Hab und Gut sämmtlichcr vom Brandunglück Betroffenen ist total vernichtet, das Elend unbeschreiblich, viele Menschenleben sind überdies den! Brande zum Opfer gefallen. I Die bisher blühende Stadt ist jetzt nur ein großer

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