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Jeschurun · 1886-05-20 · Heft 20 (20.5.1886) · p. 314

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
19 (1886)
Issue
Heft 20 (20.5.1886)
Article
Deutschland : Berlin [Nachricht]
Date
1886-05-20
Page
314 (sequence 1)
Language
German
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314 Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. -a- Berlin, 16. Mai. Sie haben kürzlich in Ihrer Abhandlung .,Stöcker, die Juden und die Anarchie" in durchaus zutreffender und überzeugender Weise auf die neueste Taktik der antisemitischen Kriegssührnng hingewiesen, nach welcher ans jeder politischen Tagesfrage eine Dynamitbombe geformt wird, welche das Judenthum in die Luft zu sprengen geschickt ist. Sie haben gezeigt, wie nach einem gemeinsam verabredeten, wohlüberlegten Plane gearbeitet wird. Stöcker im Reichstage, v. Hamm erst ein in der Volksversammlung behandle!! das gleiche Thema, in der gleichen Weise. Ihnen gesellen sich jetzt auch Cremer bei den Konservativen der Luisenstadt und v. Puttkam er- Plauth in dem Deutschen Bürgervereiu vor dem HalLischen Thore zu. Stöcker und v. Hammerstein fruklisizirten den Anarchismus und die Sozialdemokratie, Cremer und v. Pnttkamer die neueste Wendung der Kirchenpolitik. Der Erstere stellt als die verderblichen Folgen des nunmehr beendigten Kulturkampfes die angcbliche Thatsache auf, daß die Juden sich wie immer den Streit der Christen zu Nutzen gemacht hätten, da sie während des christlichen Kampfes um die idealen Güter es vermochten, die wirthschaftliche Gesetzgebung unheilvoll zu beeinflussen. Da rast der See und will sein Opfer haben, und dieses Opfer muß natürlich der Jude sein, denn wozu wäre er sonst da? Und außerdem kann cs ja gar nicht besser passen. Das gute Volk ist nun einmal gewohnt, den Juden als den Belzebub zu betrachten; es wird uns sicherlich glauben, wenn wir ihm den Inden als den eigentlichen Gewinner in dem hitzigen Kampfe schildern, als die Hyäne, die auf dem Schlachtselde herumstreist, um sich an den gefallcnen Helden zu mästen. Mag es auch noch so ungereimt sein — was man gern glaubt, glaubt man leicht. —Herr v. Pnttkamer ist mehr Staatsmann als sein Gesinnungsgenosse Crerncr. Er erledigt sich seiner Ausgabe in feinerer Weise. Daß die Juden so ohne Weiteres Ln den Kirchcnstreit hineingezogen werden und nunmehr dessen Kosten tragen sollen, das geht ihm nicht so recht in den Sinn. Aber ein weiser Mann schreckt vor keiner Aufgabe zurück. Die Juden sollen nun einmal der Prügelknabe sein, da muß man dem Problem fein und geschickt zu Leibe gehen. Aber wie? Ach, da' haben wir cs ja! Da ist ja eine Umsturz- Partei — nein, das geht nicht! Das hat schon der große Stöcker gesagt, — aber so wird es passen. Also — die Umsturzpartei, die können wir einmal hier nicht entbehren. "Zu derselben zählen wir freigebig auch den Fortschritt! Nun, merkt ihr noch nichts? Es ist ja das Ei des Kolumbus! Der Fortschritt treibt seine stärksten Wurzeln in! Judenthum! Nun, jetzt ist es doch klar! Umsturzpartei, Fortschritt, Judenthum einerseits, der Staat und das Christenthum andererseits. Warum mußte der Friede mit Rom am 10. Mai 1886 geschlossen werden? Weil der Kamps mit der römischen Kirche heute um so gefährlicher ist, als die in dem Judenthun! ihre stärksten Wurzeln treibende FortschrittS-lUnsturzpartei diesen Kainps benutzt hat, den Staat möglichst seines christlichen Charakters zu entkleiden! — Ist das nicht fein ausgcsponnen? Der Kulturkampf ist aus, es lebe der Kulturkampf! Und der von den Antisemiten so schnlichst herbeigewüuschte Kulturkampf gegen das Judenthum ist ein weit Harmloserer und ungefährlicherer. Das Häuslein Juden, an deren Spitze kein machtvolles Oberhaupt steht, muß unterliegen. Wenn nur erst der Staat Neigung hätte, diesen Kampf ernftlichst zu unternehmen! Nun, ״der Bien wird schon müssen," tröstet man sich, wenn wir nur unermüdlich auf dem Plane ausharren und mit ungeschwächter Kraft und mit aller! Mitteln unsere Schuldigkeit thun! W. Altona, 13. Mai. Durch ein von der Stadt Altona zur Ausführung zu bringendes Straßen- Projekt wurde die Israelitische Gemeinde genöthigt, eine Reihe ihrer um die Synagoge befindlichen Häuser zu verkaufen. Unter diesen befindet sich auch das Haus, in welchem sich seit Menschengedenken, vielleicht seit Bestehen der Gemeinde, der Sitz des Nabbinats und die Bnrcaux der Gemeindeverwaltung befinden. Um nun Platz zum Wiederansbau des RabbinatshauseS, eines Gebäudes für die Bureaux und Sitzungssäle, sowie der ebenfalls sich in der verkauften Häuserreihe befindlichcn מקוה zu gewinnen, muß die Gemeindeverwaltung eine Reihe anderer ihr gehörigen Häuser niedcrreißen lassen. Unter letzteren befindet sich auch das HauS, in welchen seit ca. zweihundert Jahren sich das aller Wahrscheinlichkeit nach von מוהרו״ר צבי הירש אשכנזי בעהמ״ח שו״ת חכם צבי gegründete ״ בית המדרשKlaus״ genannt, an welchem im Laufe zweier Jahrhunderte die bedeutendsten Koryphäen auf dem Gebiete des Talmuds gewirkt haben, so daß sich unsere Klaus Hierselbst den bedeutendsten Instituten dieser Art rühmlich zur Seite stellen kann. Jedoch wird das בית המררש mit dem dazu gehörigen בית הכנסת und sonstigen Räumlichfeiten von der Gemeindeverwaltung fast aus derselben Stelle wieder aufgebant werden, so daß sich in Bälde mit der wirklich musterhaften inneren Verwaltung und der Ausführung der Bestimmung des Klausinstituts *ללמוד וללמד ולהרביץ תורה בישראל auch ein schönes und würdiges Aeußere vereinen wird. Damit nun während der Bauzeit das Klauöiusütut in feiner Thatigkeit und i Wirksamkeit nicht beschränkt wird, hat der jetzige Besitzer

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