Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 19 (1886)
- Issue
- Heft 20 (20.5.1886)
- Article
- Wandelungen
- Date
- 1886-05-20
- Page
- 312 (sequence 2)
- Language
- German
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312 keine Rechtskraft erlangt; trotzdem hatte Frau von Merten den SanitäLSrath Walter als Arzt stets hochgeschätzt, und selbst nachdem sic die Heimath verlassen, hatte sie bei ihrer schwankenden Gesundheit seine Nathschläge cingeholt, und er mußte sie auf ihr ausdrückliches Verlangen einige Mal besuchen. Seitdem sie jedoch in Italien sich befand, hatte sie nur brieflich mit ihm verkehrt. Am folgenden Tage fand das Vegräbniß der Verstorbenen statt. Säinmtliche Honorationcn der Umgegcnd erwiesen den sterblichen Resten der sanften deutschen Dame die letzte Ehre. Von mehreren Sekten erfolgten Einladungen an Bella, die nächste Zeit in befreundeter Familie zuzubringen, noch galt sie ja als reiche Erbin; doch sie nahm keine an. In stummer Verzweiflung sah sie den Sarg in die Gruft senken, sie hatte keine Thräncn mehr. Wie im Traum vernahm sie die Worte des Geistlichen,, der die Grabrede hielt; wie im Traum die theilnehmenden Worte ihrer Freunde und Bekannten, die sie ihres ausrichtigsten Beileids versicherten. Sie ver׳ nahm ihre Worte, ohne den Sinn derselben zu fassen. Unmittelbar nach dem Begräbuiß hatte der SänitätSrath die Abreise bestimmt, willenlos wie ein Kind fügte sie sich Allem. Stumm reichte sie einigen Freundinnen ihrer Mutter und den langjährigen Dienern ihres Hauses die Hand, alle weinten, nur sie selbst fand keine Thrane. Schon am verflossenen Tage hatte der Samtats-׳ rath seinem Sohne, einem tüchtigen Advokaten, die Verhältnisse seines Schützlings nütgetheilt und ihn äufgesordert, eventuell die nothwendigcn Schritte einzuleitcn, um, wo möglich, des Defraudanten habhaft zu werden und zu retten, was noch zu retten. Er theiltc dieses Bella mit, als er im Eisenbahnkonpee an ihrer Seite saß und sich bemühte, um jeden Preis ihre ihmnnheimflch werdende Starrheit zu brechen. Doch eS gelang nicht so bald, er wußte kaum, ob sie ihn hörte/ Er sprach von ihren Kinderjahren, von ihren verstorbenen Eltern, ob sie - sich ihres Vaters zu erinnern wisse? Ein stummes Neigen des Kopfes war ihre Antwort. Er betrachtete auch dieses als Fortschritt und bat, sie möge ihm Einiges aus den letzten Tagen ihrer Mutter mittheilen. Sie preßte die Hand auf's Herz, ein schmerzlicher Seufzer entrang sich ihrer Brust- ,,Spater," flüsterte sie. Am Abend des folgenden Tages hatten sie das Ziel ihrer Reise erreicht. Die alte Haushälterin des Sanitätsrathes empfing sie auf's Herzlichste. Sie theiltc ihrem Herrn mit, daß sein Sohn eine Geschäftsreise habe unternehmen müssen, jedoch am folgenden Tage, zurück zu sein hoffe. Dann begrüßte die treue Alte die junge Dame, für die sie im Aufträge ihres Herrn ein freundliches Zimmer in Bereitschaft hatte. Bella, die aus der ganzen Reise kein Auge geschlossen hatte, folgte der freundlichen Aufforderung und begab sich unverweilt zur Ruhe. Sie war so erschöpft, daß sie sofort entschlummerte. Schon in den Frühstunden des folgenden Tages mußte der SanitätSrath sich wiederum seinem Berufe widmen, erst gegen Mittag war eS ihm möglich, sich nach seinem Gaste umzusehen. Mit freundlichem Gruße trat er in ihr Zimmer. Wegen des unjüdischen Lebens- Wandels ihrer verstorbenen Mutter hatte er sich nicht veranlaßt gesehen, das junge Mädchen auf die jüdischen Trauervorschriften aufmerksam zu machen. Sie saß zurückgelehnt in einem Fauteuil, die gefalteten Hunde im Schooße liegend, die Augen ins Leere starrend. Mit sichtlicher Anstrengung erhob sie sich, ihm-entgegen zu gehen. Er bat sie, sich nicht zu bemühen und sprach die Hoffnung aus, daß sie sich in seinem Hause recht bald heinusch fühlen werde. ״Ich bin Ihnen vielen Dank schuldig," flüsterte sie —" ״Bitte, bitte, liebes Kind, davon müssen Sie nicht reden. Ihr seliger Vater war mir ein theurer Freund, und es gewährt mir aufrichtige Genugthuung, seiner Tochter einige Gefälligkeiten erweisen zu können. Wenn ich Sie nur erst wieder etwas frischer sehen würde. Aber Sie sind auch noch ermüdet von der Reise." ״Müde bin ich," entgegnete sie leise, ״— wenn auch nicht von der Reise." Er zog einen Sessel näher und setzte sich ihr gegenüber. ״Sie fühlen sich unwohl, liebes Fräulein?" Sie schüttelte den Kopf, eine Thrane entglitt ihrem Auge und stahl sich langsam über ihre bleiche Weiche. ״Ich bin nur müde — ich möchte schlafen und nimmer erwachen." ״Kind, Kind, der Schmerz raubt Ihnen, die Ueberlegnng, so darf man nicht sprechen." ״Und warum nicht? was soll ich auf der Welt? Das Leben hat keinen Reiz mehr für mich. O," fuhr sie lebhafter fort, ״Sie wissen nicht, was ich in den letzten acht Tagen Alles verloren. — Noch heute vor acht Tagen war ich eine glückliche Braut und Tochter und Erbin eines Vermögens, das nur in Kurzem zu freier Disposition stehen sollte, mit dcm ich.hoffte, Hunderte beglücken zu können. Und nun — mein Verlobter hat mich verlassen — meine Mutter ist gestorben mein Vermögen ist mir geraubt —׳ auf der ganzen Welt habe ich nicht einen Menschen, der —׳ ״ Thranen erstickten ihre Stimme. (Fortsetzung folgt.) . - _:_■ ■ ■ •'