Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 19 (1886)
- Issue
- Heft 20 (20.5.1886)
- Article
- Bemerkungen zu Wiese's Memoiren [Rezension]
- Date
- 1886-05-20
- Page
- 308 (sequence 2)
- Language
- German
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308 das achte Gepräge des vor Jahrtausenden im Morgenlande wirkenden Ahns trägt — und ein Mann wie Wiese hat von dieser Arbeit und diesem Leben keine Ahnung! Wiese nenne doch ein Agens von gleich sittlicher Kraft wie das Judenthum und einen Menschenkreis von gleich bedeutsamem Einfluß auf die sittliche Erziehung der Menschheit wie die Juden. Wurzelt denn nicht auch die reine christliche und islamitische Glaubens- und Sittenlehre im Judenthume? Müßte darum nicht gerade ein Mann von seinem sittlichen Ernste und Gottesglauben eS als einen willkommenen Fortschritt freudig begrüßen, wenn eine erleuchtetere Zeit die Schranken niederreißt, welche einem Stamme wie dem jüdischen von dem so lange in wahnbcthörter Befaugenheit versagten Wirken für des Landes Wohlfahrt auSschließcn? Müßte er nicht in dem Einfluß oeS JudenthumS uwd der Juden eine Förderung seiner Ideale erblicken? Er aber rühmt sich, im Abgeordneten- Hause gegen eine Gleichberechtigung jüdischer Lehrer sich ausgesprochen zu haben, in welcher er ״einen verhängnißvollcn Wendepunkt in der Geschichte des prenßischen Schulwesens" prophezeite. Er begründete diese Haltung als Bertreter der Regierung mit dem Hinweis auf die Schule als Erziehungsanstalt, welche als solche ״die Einheit sittlicher Uebcrzeugungen" auf Seite des Lehrerkollegiums nothwendig erheische. Da aber ״die Wurzeln der Sittlichkeit im religiösen Glauben liegen", so würde ״durch den gleichberechtigten Eintritt der Juden in die Lehrerkollegien diese innere Einheit derselben für gleichgültig erklärt und gelöst, und man sage sich dadurch von der tieferen sittlichen Aufgabe der Schule los." ') Wir glauben, daß diese künstliche Beweisführung sich um so mehr selbst richtet, als Wiese nicht zu widersprechen wagt, wenn in Zweifel gezogen wird, ob die Zahl der Gymnasiallehrer, die das apostolische Glaubensbekenntniß als ihrer religiösen Ueberzeugung konform bezeichnen können, nicht einmal ״Eins vom Tausend" betragen möchte.״) Hätte er sich bei dieser von ihm tief beklagten Sachlage nicht sagen müssen, daß der ״Jndisfercntismus und die Un- Wahrheit des Namenchristenthums", wie er dieselbe bezeichnet, einen weit cntsittlichenderen Einfluß auf die Schüler auSübt, wie die Gleichberechtigung der jüdischen Lehrer an den Schulen? Bei dieser vorurtheilsvollen Gesinnung erscheint es zweifelhaft, ob er es sich als Verdienst oder Schwäche anrechnet, wenn er berichtet, daß er einen ״jüdischen" Privatdozcnten in Breslau, Jak. VernayS, für das Amt des Obcrbibliothekars an der Universität zu Bonn empfahl, mit welchem Amte auch die Befugniß, Vorlesungen zu halten, ver- Kunden war, weil dessen Arbeiten ihm eine ungemeine Befriedigung gewährt hatten.') Wiese wurde von dem Minister v. Raumer in das Ministerium berufen. Zum Erweis, daß v. Raumer den veränderten Zeitumständcn Rechnung zu tragen wußte, führt Wiese das Folgende an. Das nach dem Könige Friedrich Wilhelm III. benannte evangelische Friedrich-Wilhelms-Gymnasium in Posen hatte eine größere Frequenz jüdischer als christlicher Schüler aufgewiesen. Dieses erregte das Mißfallen des Königs Friedrich Wilhelm IV. in so hohem Grade, daß er von dem Minister v. Raumer die sofortige Abstellling dieses Mißstauds und eine angemessene Beschränkung der Aufnahme von Juden daselbst verlangte. Der Minister war aber ״keinen Augenblick zweifelhaft, daß er nach Lage der Gesetzgebung zu einer solchen Maßregel keine Befugniß habe."״) Das hieß denn auch wohl für ihn der Noth gehorchen, nicht dem eigenen Trieb. In dem Vorurthcil, welches Wiese gegen die Inden erfüllt, begegnete ihm v. NaumerS Nachfolger im Kultusministerium, v. Vethman-Holweg. Wiese berichtet über ihn, daß er Ln den Verhandlungen über die von den Juden erhobenen Ansprüche vor dem Landtage mit der Beredsamkeit eines bewegten Herzens herrliche Zeugnisse dieses Sinns abgelegt. ״Als wir eines Tages daS Abgeordnetenhaus nach einer daselbst geführten lebhaften Debatte der Art verließen, sagte er: ״Inden, Lehrer in christlichen Schuten, uilnmermehr! Sie würden gar nicht anders können, als auch aus dem Lehren ein Geschäft machen. Wenn sie sich uns wirklich in das Lehramt eindrängen sollten, würde ich lieber mein Ministerium aufgeben!" 1 * 3) Man sollte eine derartige, einem krassesten Köhlerglauben entstammende, durch und durch nichtige Verachtung des jüdischen Wesens an so hoher Stelle kaum für möglich halten. Gehört denn Gerechtigkeit nicht mit zu den allerersten Erfordernissen einer ״innigen Religiosität", welche Wiese zu des Ministers Charaktergruudzugcn zählt? Und die Gerechtigkeit erheischt doch wohl, daß man genau prüft, bevor man über einen Menschen ein verfallendes Urthci! schöpft, und nun gar über einen ganzen McnschenkreiS. Eine innige Religiosität leitet doch wohl zur strengsten Selbst- Prüfung an und fordert zur sorgfältigsten Läuterung und Berichtigung der Einpsindungcn und Gedanken auf, insbesondere aber der Urtheile, welche wir über unsere Nebcnmenschen uns gebildet. Der wahrhaft Fromme wird sich nicht von Vorurtheilcn beherrschen lassen. (Schluß folgt.) 1 ף. Band, Seite 232. 2) 2. Band, Seite 88- 1 ף. Band, Seite 243. -) 1. Band, Seite 192. 3) 1. Band, Seite 228.