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Jeschurun · 1886-05-13 · Heft 19 (13.5.1886) · p. 302

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Journal
Jeschurun
Volume
19 (1886)
Issue
Heft 19 (13.5.1886)
Article
Erkannte Irrungen
Date
1886-05-13
Page
302 (sequence 1)
Language
German
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302 Mannte Irrungen. Von Samuel Berthold Rosner. (Alle Rechte Vorbehalten.) (Fortsetzung.) Sie dachte eben darüber nach, wie man am schicklichsten dieser!ästigen Frage begegnen könne, ohne stanbauswirbelnde Erörterungen zu berühren, als Ella selbst sie von ihrer Verlegenheit befreite. Mit einem ungestümen Ruck befreite sie sich aus der Hand ihres Bruders und begann mit großen Sätzen, ihren Sonnenschirm zu einem Schmetterlingsnetz improvisireud, eine heiße Jagd nach einem prächtigen Nachtfalter. ״Der fehlt sonst nichts zu einem prächtigen Husaren," lachte Franz ihr nachblickend, ״als in eine Uniform gesteckt und auf ein Pferd gesetzt zu werden, hat ein verdammt schneidiges Zeug dazu." Die Mama aber wiegte betrübt den Kopf und ließ einen zephirartigen Seufzer zwischen den feinen Lippen durch. ״Wenn sie nur nicht so — so satanSmäßig wild und so ein Einfaltspinsel wäre!" ״Bah — das braust sich aus. Das sind die gesuchtesten Pferde bei uns, welche als Rekruten sich wie die Bestien gebcrden und ein halbes Bataillon abschmeißen, bevor sie eingeritten sind." ״Wenn Du nur nicht gleich solche drastische Kavallerie-Allegorien bei der Hand hättest," sagte Frau vor! Colmar leicht indignirt und führte das Taschentuch an die sich unwillkürlich rümpfende Nase. ״Pardon, chere Mama," entschuldigte sich Franz ״wir sind ja entre 110u8. Wenn Du wüßtest, wie schwer cs ist, die Worte und Begriffe zu vermeiden, die einem das ganze Jahr hindurch geläufig sind. A propos — ein artiges Haus, dieses Friede'schc." ״Ja, wenn nur Alles auch Gold wäre, was eine glänzende Außenseite hat. — Der arme Herr von Förster hat beim Bau der reizenden Villa kauin daran gedacht, daß aller Komfort, den er in derselben anhäufle, einem Juden zu Gute kommen wird." ״Die Villa war also früher das Eigenthum des Herrn von Förster?" ״Ja — aber lassen wir das. Die Fama weiß viel davon zu - erzählen, auf welche Art die Villa in den Besitz deS Doktor Friede kam. Man sagt, daß der Ruin des Herrn von Förster zum großen Thcil von diesem Advokaten verursacht wurde. Doch — schweigen wir davon." ״Ja, das ist das Beste, denn von solchen Redereien ist gewöhnlich kaum der hundertste Theil wahr." ״Das will ich gerade nicht gesagt haben," verwahrte sich die hochwohlgcborcnc Dame sehr entschieden, ״wenn man vielmehr das Gebühren des Doktor Friede kennt, so ist man sehr geneigt, diesen und ähnlichen Gerüchten vollen Glauben zu schenken. — Dem Charakter dieser Leute kann leider sehr wenig Gutes nachgesagt werden, die wahrhaftigsten Parvenüs." ״Das ist schon wahr," bestätigte Franz mit einem pikanten, bedeutungsvollen Lächeln, ״aber sie wissen doch wenigstens damit hinter dem Berge zu halten. Eine schneidige, perfekte Kokette, das Haüsfräulein, aber dabei voll Chic. Witz und ganz passabel hübsch. Wird eine glänzende Partie sein." Frau von Colmar blieb plötzlich stehen, steifte den Racken wie ein Wchrwolf und schaute ihrem Sohne mit einem stolzen, durchdringenden Blick ins Ingesicht. ״Aber doch nicht für den Rittmeister Franz von Colmar!" Auch Franz war stehen geblieben; er lehnte sich auf seinen Säbel״ warf sich in die Brust und ein selbstbewußtes Lächeln umspielte sein schönes Soldatengesicht. ״Nein, Mama, für den nicht. Aber Rittmeister von Colmar braucht für die Zeit seines Urlaubs eine pikante, kitzelnde Gesellschaft, damit seine kecke Soldatenlaune in der äthcrklaren und kalten Atmosphäre des Elternhauses nicht einfriere, denn dann wäre er, unter seine Kameraden zurückgekehrt, ein verlorener Mann; zur Rotte dieses ,Konservators ist Hedwig Friede wie geschaffen und gut genug." Frau von Colmar nickte ihrem Sohne mit einem zufriedenen Lächeln zu und legte liebevoll ihre Hand׳ um seinen Arm. O, das war Fleisch von ihrem Fleische. Blut von ihrem Blute und Geist von ihrem Geiste! Der stellte nicht erst blöde, unbequeme Fragen, er erfaßte mit klarem, vornehmem Geiste die Situation, so wie sie erfaßt werden mußte, und er hatte für jedes ״Warum" das darauf passende ״Darum" in Bereitschaft. Frau Doktor Friede und Hedwig hatten ihre Gäste bis an den Fuß deö Hügels, bis zum vcrgoldeten Eingangsgitter geleitet. Dann schritten sie den breiten schattigen Weg langsam wieder׳ empor. Vor dem Springbrunnen, desicn dickem Strahle jetzt Mil- Nonen glitzernde Diamanttropfen und Funken ent-- stiebten, blieb Frau Friede stehen und legte ihre Hand auf die Schulter ihrer Tochter. Als Hedwig den Kops nach ihrer Mutter umwandte, war sie überrascht von der glückseligen, lächelnden Helle, die deren Augen entstrahlte. Als wenn aus ihrem Innern eine Sonne heransgeleuchtet hätte. Sie neigte den Kopf vorwärts und sagte mit halblauter Stimme: ״Findest Du eS nicht auffallend, daß die Frau Gerichtsrath uns ihren. Sohn schon am zweiten Tage nach seiner Ankunft vorstellt?" Hedwig blickte sie unschlüssig und verlegen an, und eine leichte Röthe überhauchte ihre Wangen. Frau Friede brachte ihren Mund noch näher zum Ohr der Tochter, sie berührte es fast 1ml ihren Lippen

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