Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 19 (1886)
- Issue
- Heft 19 (13.5.1886)
- Article
- Frankreich : Paris [Nachricht]
- Date
- 1886-05-13
- Page
- 300 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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- Odesa 2× ep/1000834
- Minsk 1× ep/1000754
- Radom 1× ep/1000823
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300 und Revues beschäftigen sich mit der — Semitcnsragc. — In den adeligen und höheren Bürgerkreiscn hat sich übrigens schon seit einigen. Jahren eine Antipathie gegen die Juden zu erkennen gegeben. Viele Klubs, (Cercles, wie man sie hier nennt) nehmen bereits seit geraumer Zeit keine Juden ans. Ich führe u. A. an den Cercle des Cliamps Elysees, wo die vorgeschlagenen Israeliten, u. A. Baron Moritz Königswartcr Fonld, Goldschmidt, beim Ballotement schwarze Kugeln erhielten; den Oerels de 1a Eue Royale, in welchem der junge Baron Hirsch, Ephrussi und andere sehr anständige, chrcnwerthe Personen das Gleiche erfuhren; den Grand Cercle und den Cercle de 1’ Union artistique, deren Direktoren erklärten, man habe schon eine geeignete Anzahl israelitischer Mitglieder. Möchten doch unsere reichen Glaubensgenossen aus dieser unverdienten Kränkung, deren Schmach wahrlich nicht auf sie, sondern auf Diejenigen fällt, die solche ihnen zugcfügt, eine heilsame Lehre ziehen. Es hilft ihnen nicht die Entfallung von Luxus und einer splendiden Gastfreiheit — sie ernbtcn damit gerade in denjenigen Kreisen, in welchen sie als völlig ebenbürtig gelten möchten, nur Neid und Eifersucht. In den Negierungskreisen aber, sowie in der Gelehrtenwelt und auch bei dem GroS der Bevölkerung ist bis jetzt Gottlob von Antisemitismus keine Spur zu entdecken. Wir haben so lauge die Republik besteht in Frankreich nach dieser Richtung nichts zu besorgen. Das Verdienst wird rückhaltlos anerkannt, das Talent gewürdigt. Man fragt da nicht nach der Konfession, freilich zum Aerger gewisser Mächte, die im Geheimen wirken nnd deren Einfluß auch das Drumont'sche Buch sicherlich mit Recht zugeschrieben wird. %* Paris. Der Korrespondent des hiesigen Blattes ״Le Tcmps" in Salonichi berichtet, daß die türkische Negierung einige aus früheren Kirchen in Moscheen verwandelte Gebäude provisorisch zu Kasernen für die gegen Griechenland gerichteten Truppen, hergestellt habe nnd erzählt dann weiter. ״Vielleicht aus Rücksicht für die zahlreiche israelitische Bevölkerung, deren Einfluß sich jeden Tag um das vermehrt, was die türkische Bevölkerung verliert, sind die Synagogen keines- Wegs ihrer Bestimmung entzogen worden. In vielen jüdischen Schulen Salonichis wird nur in französischer Sprache unterrichtet, in einer von ca. vierhundert Schülerinnen besuchten Mädchenschule in italienischer Sprache." — Diese Woche findet hier wie alljährlich eine große Verlosung zu Gunsten des israelitischen Wohlthätigkeitsfonds statt. Nach dieser Richtung כי ימוך geschieht hier unendlich viel, wie man auch gelcgentlich des Peßachfestes wie stets so auch dieses Jahr, die großen Spenden, namentlich auch die Matzothverthcilangen an Bedürftige zu bewundern Gelegenheit hatte. Mögen auch die Schlußworte der Sidrah את שבתותי תשמורו hier in Paris wieder zur vollen Beherzigung gelangen. Rußland. Petersburg, 4. Mai. Die gegen die Inden gerichteten Exzessc am Osterfeste in Odessa veranlaßte!» den Erzbischof von Cherson, die Orthodoxen zur Toleranz zu ermahnen. In Rußland, sagt er, lebten Christen und Luden friedlich beisammen, so lange Unser Glaube feststand. Mit der zunehmenden Sittcnverwilderung begannen die Iudcnhetzen, welche westeuropäischen UrsprungS und durch die vom Westen aus verbreiteten anti-christlichen Ideen hervorgerufen worden sind. * Ans Rußland. Auch in Zipelawa, einer Stadt des Gouvernements Radom, welche zum größten Theile von Juden bewohnt wird, brach eine Feuersbrnnst am 29. April aus nnd äscherte 105 Häuser ein. Die dortige jüdische Bevölkerung ist durchaus verarmt und von Allem entblößt. Ebenso werden aus Minsk zwei FeucrSbrünste gemeldet, welche viele Juden an den Bettelstab brachten. מ. Odessa, 7. Mai. Die bei dem jüngsten Judenkrawalle, welcher Gott sei Dank im ersten Stadium durch die Energie der Behörden unterdrückt wurde, verhafteten Exzedenteu sind bereits abgeurthcilt worden. Es sind I zu drei Monaten, 3 zu sechs Wochen, 2 zu fünf Wochen, 3 zn zwei Wochen und 1 zu zehn Tagen Gefängniß verurtheilt worden. L. Zhitomir, 5. Mai. Die Unvorsichtigkeit oder der Uebermuth eines einzelnen Juden bringt oft die Gesanumheit in Gefahr. Wenn nicht die oberste Behörde mit weiser Umsicht gehandelt hätte, so würde die Ausgelassenheit eines jüdischen Knaben unS ins Verderben gestürzt haben. Die Frau des hiesigen Gymnasialdirektors war am 17. April AbendS auf dem Heimwege von der Kirche begriffen und trug nach üblicher Weise eine Kerze in der Hand. Da ward sie plötzlich von einem Straßenjungen angcrannt, welcher ihr die Kerze entriß und davon lief. Sie setzte dem verwegenen Buben nach; dadurch ward die Aufmcrksamkeit der Passanten, geweckt. Man. erwischte den Frechen und führte ihn zur Polizei. In Folge dessen ward in allen Synagogen am ersten Peßachlagc eine amtliche Bekanntmachung verlesen, durch welche alle jüdischen Hausväter ermahnt wurden, während des bevorstehenden Osterfestes die Kinder von der Straße fern zn halten, damit sie nicht dazu gelangen, den Einen oder Andern der christlichen Bevölkerung zn reizen. Diese Vorsichtsmaßregel ist mit herzlichem und aufrichtigem Danke aufgcnommen und strengstens befolgt worden. Freilich ist eS sehr traurig, daß eine solche nothwendig und heilsam erscheinen muß, um die Juden in ihrem' Leben und Eigcnthum zu schützen.